Auf den ersten Blick funktionieren die alten Techniken noch: funkelnder Chrom, schimmernder Lack, breite Reifen, mächtige Kühler. Die IAA präsentiert in Frankfurt am Main Autos wie in der Vergangenheit – und dazu ein paar Elektroautos. Dabei kann es ein einfaches „Weiter so“ nicht geben. Die Autoindustrie und ihre größte Messe stecken in einer tiefen Krise. Aber die Branche hat auch ein großes Potenzial, wenn sie den Wandel endlich annimmt.

Darauf setzt auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Denn er habe gehört, dass die IAA überlege, in die Hauptstadt zu kommen. „Das ist gut für die Stadt“, sagt er am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. Aber vielleicht wird das nicht jeder in seinem rot-rot-grünen Senat so sehen. Zumindest nicht beim gegenwärtigen Zustand der Autoindustrie.

Bereits am Mittwoch hatte das Handelsblatt berichtet, dass Autohersteller ein neues Messekonzept mit wechselnden Veranstaltungsorten wie etwa Köln oder Berlin diskutierten. Im Gespräch sei auch, die IAA mit der Internationalen Funkausstellung IFA zusammenzulegen. Müller will sich in dieser Frage nicht festlegen.  Aber es gehe bei der IAA wie bei der IFA auch um Zukunftsthemen wie Vernetzung und Digitalisierung.

Ramona Pop (Grüne): „Die IAA in ihrer jetzigen Form hat keine Zukunft mehr“

Für Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) ist saubere, sichere und effiziente Mobilität eine große Zukunftsaufgabe. Eine moderne Mobilitätsmesse müsse den Fokus auf Innovation und Klimaschutz, intelligente Energieinfrastrukturen und nachhaltige Mobilitäts- und Logistiklösungen legen. Darin liege die Zukunft und nicht in „größer, schwerer und protziger“, so Pop. „Die IAA in ihrer jetzigen Form hat keine Zukunft mehr und das wissen auch die Aussteller.“

Aber wie sieht die Zukunft aus? Wer Autohändler dieser Tage nach den Geschäften fragt, erfährt vor allem eins: Ratlosigkeit. Die Kunden bringen sie mit in den Laden: Darf ich morgen meinen Diesel nicht mehr fahren? Was taugen die E-Autos? Schonen die wirklich die Umwelt oder ist das alles Etikettenschwindel? Ist der Hybrid ein guter Kompromiss?

Beim Autokauf geht es nicht mehr nur um Geld und Geschmack, sondern um die ganz großen Themen. Es geht um die umwelt- und menschenverträgliche Mobilität der Zukunft. Wie die aussieht, können derzeit weder die Politik noch die Hersteller und ehrlicherweise auch nicht die Umweltaktivisten beantworten, die die Frankfurter Automesse IAA dieser Tage als Begräbnis der Dinosaurier inszenieren wollen. Man muss den Umweltgruppen dankbar sein dafür, dass sie der Schau eine Diskussion jenseits des ewigen Marketing-Geklingels aufzwingen.

Angela Merkel bei der IAA:  „Der Umbruch ist bereits Realität“

Es war erfrischend zu sehen, wie der veranstaltende Branchenverband VDA noch kurz vor der Messe hektisch am Veranstaltungsprogramm basteln musste und Diskussionen einschob, die beim selbst erhobenen Anspruch der IAA eigentlich selbstverständlich wären. VW-Chef Herbert Diess setzte sich mit Aktivistin Tina Velo zusammen, und auch, wenn sie dabei die Welt nicht neu ordneten, wusste man hinterher wenigstens, warum: Es ist nicht so einfach, wie beide Seiten gern tun.

Die wichtigste Industrie des Landes muss sich radikal umstellen. Daran ließ auch die Kanzlerin keinen Zweifel. Angela Merkel (CDU) sicherte der deutschen Autoindustrie eine enge Zusammenarbeit zu, gemeinsam müsse man die „Herkulesaufgabe“ bewältigen, den Verkehrssektor schnell klimafreundlicher zu machen, sagte sie bei der IAA-Eröffnung am Donnerstag. Nach ihrem Rundgang sagte sie betont optimistisch: „Ich konnte mich überzeugen, dass wir nicht vor einem Umbruch stehen, sondern dass dieser Umbruch bereits Realität ist.“ Vor zwei Jahren hatte sie noch den Dieselbetrug kritisiert. Bis 2022 solle entlang aller Autobahnen der neue Mobilfunkstandard 5G zur Verfügung stehen, hieß es nun, und zwei Jahre später auch entlang der Bundesstraßen. Die Technologie ist wichtig für neue digitale Funktionen in den Autos. Für den Erfolg der Elektromobilität sei die Verlässlichkeit der Ladeinfrastruktur von größter Bedeutung. 20.000 Ladepunkte seien noch lange nicht ausreichend, sagte die Kanzlerin zur Freude der Hersteller.

Die Wende wäre leichter, wenn man früher begonnen hätte. Nichts hätte dagegen gesprochen, denn für die Erkenntnis, dass es mit dem Auto nicht so weitergehen kann wie bisher, brauchte es nicht „Fridays for Future“ oder die IAA-Proteste. Der erste „Entwicklungsplan Elektromobilität“ der Bundesregierung – unter Kanzlerin Merkel – liegt zehn Jahre zurück. Aus der gleichen Zeit stammt die Erkenntnis des damaligen Daimler-Chefs Dieter Zetsche, dass das größte Problem des Autos sein Erfolg sei – und, dass man es so nicht mehr lange bauen könne, wenn einem die Erde am Herzen liege.

Autoindustrie: Unternehmen wollen Gewinn machen, und die Gewerkschaften ordentlich bezahlte Arbeitsplätze

An Erkenntnis hat es nicht gefehlt, warum also rennt jetzt doch wieder die Zeit? Ein Grund ist simpel: Mit Volkswagens Dieselbetrug wurde die Uhr vorgestellt. Regulierung wurde verschärft, Schlupflöcher in den Emissionsvorschriften wurden geschlossen – nachdem nicht zuletzt die Deutschen sie mit viel Fleiß hineingebohrt hatten.

Die Unternehmen wollen Gewinn machen, und die Gewerkschaften – samt dem Rest der Welt – ordentlich bezahlte Arbeitsplätze erhalten. Beides geht am besten mit vergleichsweise teuren Autos. Damit die gekauft werden, hält die Bundesregierung eine günstige Dienstwagenbesteuerung am Leben.

Und wofür gibt die Masse der Kunden am meisten Geld aus? Für große, starke, schnelle Autos. Der Schrecken der Konzerne ist das Vernunftauto, weil dessen Käufer auch beim Preis vernünftig bleiben. Es gibt eine Menge Gründe, auf die Industrie zu wettern. Aber vorher sollte man in die eigene Garage schauen.