IEA-Chefökonom Birol: „Der hohe Ölpreis ist sehr gefährlich“

Der Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur (IEA), Fatih Birol, ist einer der einflussreichsten Energieexperten. Die IEA entwirft für die Industrienationen Strategien. Birol fordert eine Reform der Energiewende.

Herr Birol, die deutsche Regierung hat vor eineinhalb Jahren die Energiewende ausgerufen. Wie läuft es aus Ihrer Sicht?

Das Thema Kernenergie-Ausstieg und Ausbau der erneuerbaren Energien wird ja nicht nur in Deutschland heiß diskutiert und umgesetzt, sondern auch in anderen Ländern. Denken Sie nur an Japan, das nun ebenfalls aus der Kernenergie aussteigen will. Denn die Dringlichkeit, etwas gegen den Klimawandel zu tun, nimmt zu. Und gleichzeitig hat Fukushima den Glauben an die Zukunft der Atommeiler in Frage gestellt. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass die beiden Ziele sich widersprechen: Der Ausstieg aus der Kernkraft macht es schwieriger, die Klimaziele zu erreichen.

Ist der Atomausstieg also falsch?

Nein, weil ich ihn für eine legitime politische Entscheidung halte. Aber man sollte sich die Konsequenzen bewusst machen. Die lauten: Die Kohlendioxidemissionen steigen erst einmal. Es ist nicht möglich, diesen Effekt sofort durch erneuerbare Energien vollständig zu kompensieren.

Deutschland hat bereits einen Grünstrom-Anteil von etwa 25 Prozent erreicht. Das ist doch beachtlich, oder nicht?

Natürlich, die Deutschen haben sehr schnell Fortschritte erzielt. Auf der anderen Seite sind dafür auch enorm hohe Subventionen geflossen. Der Umfang dieser Subventionen sollte nun überdacht werden, denn es gibt erhebliche Auswirkungen auf die Kaufkraft der Konsumenten und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Es ist wichtig, die Effizienz der Fördermaßnahmen in allen Ländern auf den Prüfstand zu stellen.

Was schlagen Sie konkret vor?

Subventionen für erneuerbare Energien sollten auch in Deutschland nur als Anschubfinanzierung für Projekte dienen. Ökostrom-Kraftwerke sollten schon während ihrer Lebenszeit dazu gezwungen werden, am freien Markt ihren Strom zu verkaufen. Die staatliche Unterstützung muss möglichst kurz ausfallen und möglichst schnell sinken.

Wird Photovoltaik global bald eine große Rolle spielen?

Gar keine Frage: Photovoltaik ist ein aufgehender Stern. Wir werden spektakuläre Erfolge sehen. Jedoch: Selbst bei enormem Wachstum wird es nicht schnell gehen, denn der Anteil an der globalen Stromversorgung liegt derzeit deutlich unter einem Prozent. Bis 2030 wird das wohl nicht auf mehr als einige wenige Prozent steigen.

Für den Klimaschutz gibt es nicht nur die erneuerbaren Energien, sondern auch ein System in Europa, das den Kohlendioxidausstoß deckelt. Ist der sehr niedrige Preis für die Verschmutzungszertifikate ein Problem?

Ja, das bereitet mir große Sorgen. Der Kohlendioxid-Handel in Europa ist dringend reformbedürftig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die EU sieht sich ja als Klimaschutz-Vorreiter. Die Verstromung von Kohle soll zu Gunsten anderer Energieträger reduziert werden, weil dabei sehr viel Kohlendioxid entsteht. Doch 2011 gab es laut unseren Daten einen schweren Rückschlag. Die Kohlenutzung in der EU stieg um sieben Prozent an, das ist ein historisch einmaliger Sprung. Nur China – das ja noch in einem Aufholprozess ist – steigerte seine Kohlenutzung stärker.

Wie konnte das passieren?

Zwei Effekte sind verantwortlich. Zum einen gibt es in den USA eine Erdgas-Schwemme. Gas ist sehr billig geworden, das macht Kohlekraftwerke weniger rentabel und sie laufen seltener. Die überschüssige Kohle wiederum hat die Weltmarktpreise gedrückt und zu steigenden Importen in Europa geführt. Und zweitens hätte ja eigentlich in Europa ein hoher Preis für Kohlendioxid-Emissionen in Europa die Verstromung von Kohle weniger attraktiv machen sollen. Doch die Preise sind dafür mit derzeit sieben Euro pro Tonne Kohlendioxid-Emissionen viel zu niedrig, um den Markt zu steuern. Auch langfristige Entscheidungen – zum Beispiel über den Bau von Kraftwerken – werden dadurch kaum beeinflusst. Das ist ein großes Problem.

Wie könnte es gelöst werden?

Die Entscheidungsträger in der EU sollten sicherstellen, dass die Preise höher sind. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel könnte ein Mindestpreis festgelegt werden oder durch Verknappung der Zertifikate der Preis gestützt werden. Er sollte hoch genug sein, damit es einen nennenswerten Anreiz für grüne Investitionen gibt.

Öl und damit Kraftstoffe sind derzeit sehr teuer. Warum?

Derzeit wird mit einer moderaten Erholung der Weltwirtschaft gerechnet, vor allem in China wird es voraussichtlich weiter hohes Wachstum geben. Auch die US-Wirtschaft fängt sich. Damit steigt die Nachfrage nach Öl. Auf der Angebotsseite werden gleichzeitig hohe Risiken durch die fragile politische Lage im Nahen Osten gesehen.

Was hat das für Auswirkungen?

Das derzeitige Preisniveau ist sehr gefährlich, besonders für die fragile europäische Wirtschaft, die sich auf dünnem Eis befindet. Deutlich mehr als 100 Dollar pro Fass Öl – damit befinden wir uns definitiv im roten Bereich. Bleibt der Preis auf diesem Niveau, droht in der EU erneut eine Rezession. Auch in China könnte der hohe Ölpreis Auswirkungen auf das Wachstum haben.

Das Gespräch führte Jakob Schlandt.