Berlin - Werkverträge gibt es seit mehr als 100 Jahren. Die im Bürgerlichen Gesetzbuch niedergelegten Regularien ermöglichen es Unternehmen, andere Firmen mit speziellen Aufgaben zu betrauen, etwa mit dem Betrieb von Kantinen oder der Gebäudereinigung. Insoweit sind Werkverträge in einer komplexen, arbeitsteiligen Wirtschaft nicht wegzudenken.

Mittlerweile haben sie nach Ansicht der IG Metall allerdings oft eine kritikwürdige Stoßrichtung. „Es geht schlicht um drastische Lohnkostensenkung“, sagt Jörg Hofmann, zweiter Vorsitzender der IG Metall. Leistungen, die bis dato von den Stammbelegschaften erbracht worden sei, würden „einfach von außen billiger eingekauft“. Dies habe nichts mit sinnvoller Arbeitsteilung zu tun, sondern mit „Extraprofiten, die auf Kosten der Beschäftigten gehen“.

Qualität der ausgelagerten Tätigkeiten steigt

Grundlage der Gewerkschaftskritik ist eine Befragung, an der im Frühjahr gut 4000 Betriebsratsvorsitzende der Branche teilgenommen hatten. Danach werden in mittlerweile 69 Prozent der Unternehmen Arbeiten an Fremdfirmen vergeben. In einer ersten Betriebsratsumfrage 2012 waren es 60 Prozent gewesen. Besonders größere Arbeitgeber mit mehr als 1000 Beschäftigen setzten verstärkt auf Werkverträge. In gut einem Drittel dieser Betriebe wurden 2015 mehr Fremdfirmen angeheuert als 2012, in nur neun Prozent der Unternehmen kam es zu einem Rückgang.

Es ist nicht allein die schiere Zahl, die der Gewerkschaft Sorge bereitet, sondern auch die Qualität der ausgelagerten Tätigkeiten. Ging es früher vor allem um Arbeiten, die mit dem eigentlichen Unternehmenszweck eher am Rande zu tun hatten, so sind mittlerweile häufig auch zentrale Bereiche betroffen. Die Gewerkschaft macht dies an drei Beispielen fest: In 36 Prozent der Betriebe mit mehr als 1000 Mitarbeitern seien in der Forschungs- und Entwicklung Fremdfirmen tätig. Im Fahrzeugbau liege der Anteil sogar bei 50 Prozent.

Ein Drittel der in den Unternehmen mit Logistikaufgaben betrauten Arbeitnehmer sei mittlerweile bei Fremdfirmen angestellt, 2005 habe der Anteil noch bei fünf Prozent gelegen. Und auch die Wartung und Reinigung von Maschinen werde mittlerweile nur noch zu 70 Prozent von Stammbeschäftigten erledigt, zu 30 Prozent von Werkvertragsfirmen. Diese stellen in den genannten Bereichen mehr als 100 000 Beschäftigten in der Branche.

Belegschaft wird in „unterschiedliche Klassen gespalten“

Die Auslagerung von Tätigkeiten geht der Umfrage zufolge in drei von vier Fällen mit schlechteren Arbeitsbedingungen und Entgelten im Vergleich zu den Stammbelegschaften einher. Längere Arbeitszeiten, weniger Urlaub, geringere Stundenlöhne und schlechtere Altersvorsorge seien an der Tagesordnung. Hofmann spricht von einer Schande für die Branche, die seit Jahren gute Gewinne einfahre. Mit der Fremdvergabe werde die Verantwortung für die Beschäftigten gleich mit ausgelagert, kritisiert IG-Metall-Vorstandsmitglied Christiane Benner: „So werden die Belegschaften in unterschiedliche Klassen gespalten.“

Auch dies veranschaulicht die Gewerkschaft an einem Beispiel: Ein Transportarbeiter in der Materialversorgung verdient nach dem Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie 15,90 Euro pro Stunde. Der Kollege in Werkvertragsunternehmen erhält nur den Stundenlohn der Logistikbranche von 11,74 Euro – wenn das Unternehmen denn überhaupt Tariflöhne zahlt. Die ist aber laut Umfrage nur 20 Prozent der Werkvertragsunternehmen gesichert. 44 Prozent sind nicht tarifgebunden, bei weiteren 36 Prozent ist die Frage ungeklärt.

Betriebsräte haben keine Mitsprache bei Bezahlung und Arbeitsbedingungen

Dieser Umstand verweist auf einen zentralen Kritikpunkt der Gewerkschaften: Betriebsräte haben weder das Recht auf Informationen zu Bezahlung und Arbeitsbedingungen in den Fremdfirmen, noch Kontroll- oder Mitsprachebefugnisse. Die Bundesregierung müsse daher die im Koalitionsvertrag vereinbarte Reform, die den Betriebsräten Informationsrechte einräumen und Missbräuche von Werkverträgen unterbinden soll, nun rasch umsetzen. Darüber hinaus müssten vom Unternehmen geplante Auslagerungen von Tätigkeiten künftig der Mitbestimmung unterliegen.

Nach Ansicht des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall zeigen solche Forderungen, dass es der IG Metall lediglich „um ihre eigenen organisationspolitischen Interessen“ gehe. Die Gewerkschaft versuche mit Hilfe von Pseudoumfragen, „die seit Jahrzehnten bewährten Werkverträge zu einem Problemfall der modernen Arbeitswelt zu machen“, kritisiert Gesamtmetall-Geschäftsführer Oliver Zander. Anders als die IG Metall behaupte, gingen die Werkverträge auch nicht zu Lasten der Stammbelegschaften. Die Zahl Stammbeschäftigten sei seit 209 um 360 000 gestiegen.