Die Bundesregierung fördert Marketingseminare, in denen Ärzte lernen, Patienten sogenannte Igel-Angebote zu verkaufen. Die „individuellen Gesundheitsleistungen“ (Igel) sind Behandlungen, die überwiegend als medizinisch nicht notwendig gelten und daher von den Kassenpatienten selbst bezahlt werden müssen.

Das Bundeswirtschaftsministerium räumte ein, dass derartige Schulungen bezuschusst werden. Grundlage sei die Richtlinie über die „Förderung unternehmerischen Know-hows“ für kleine und mittlere Betriebe sowie Freie Berufe, zu denen Ärzte gehören. Gefördert würden auch „Maßnahmen der Verkaufsoptimierung“, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums für die Grünen-Politikerin Biggi Bender.

Die häufigsten Leistungen sind das Glaukom-Screening auf Grünen Star und der vaginale Ultraschall auf Eierstock- und Gebärmutterkrebs. Wissenschaftliche Studien, die einen Nutzen belegen, gibt es aber nicht. Viele der Igel-Untersuchungen führen zu falschen Befunden und damit in Folge zu unnötigen Eingriffen.

Bis zu 70.000 Euro zusätzlich

Anbieter von Seminaren werben im Internet mit dem staatlichen Zuschuss von bis zu 3000 Euro pro Beratung. In einem Angebot für „individuelles Praxiscoaching“ heißt es, bei einem Augenarzt könnten unter anderem durch die Glaukom-Vorsorge bis zu 70.000 Euro zusätzlich verdient werden. Beim Seminar lerne der Arzt „einfache und unaufdringliche Formulierungen“, um Patienten von einem Igel-Angebot zu überzeugen. Und: „Besondere Aufmerksamkeit widmen wir Einwänden im Patientengespräch.“

Gesundheitsexpertin Bender verlangte, derartige Beratungen von einer Förderung auszuschließen. Die Grünen-Politikerin kritisierte, solche Verkaufstrainings unterstützten eine einseitige, tendenziöse „Aufklärung“ der Patienten und zerstören das Arzt-Patient-Verhältnis.