Auf den ersten Blick ist das Internet eine bunte Welt, in der sich lustige Tierbilder teilen lassen, jedes erdenkliche Produkt shoppen und sich mit Menschen rund um den Globus zu jeder Tageszeit chatten lässt. Politisch ist das Internet allerdings ein bedenklicher Ort. Die Daten der halben Menschheit sammeln sich auf den Datenbanken weniger großer IT-Konzerne. Diese Digital-Unternehmen wie Google, Apple oder Facebook verknüpfen die oft sehr persönlichen Informationen und werten sie aus. Seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist bekannt, dass auch Regierungen und Geheimdienste einen irrsinnigen Aufwand betreiben, möglichst viele Daten abzugreifen. Macht über Daten ist Macht über Menschen. Es gibt also ein Problem.

Ein Darknet ist ein digitaler Ort, der sich vom sonstigen Internet abschirmt und vor neugierigen Blicken schützen will. Technisch gibt es verschiedene Wege, ein solches dunkles Netz im Netz herzustellen. Am bekanntesten ist das Darknet auf Basis der Anonymisierungssoftware „Tor“.

„Tor“ in eine andere Welt

Tor verschleiert IP-Adressen. Das sind seltsam anmutende Zahlenketten, die man als digitale Postadressen bezeichnen könnte. Die IP-Adresse von Wikipedia beispielsweise lautet 91.198.174.192. Webseiten haben feste IP-Adressen. Sie als Nutzerin oder Nutzer des Internets hingegen bekommen stets eine Adresse zugewiesen, wenn Sie sich etwa mit Ihrem Wlan zu Hause verbinden. IP-Adressen leiten Datenpakete zielsicher durchs große Internet, sie machen aber auch Kommunikationswege nachvollziehbar.

Die Anonymisierungs-Software „Tor“ schickt alle quasi über drei Ecken durchs Netz und hebelt somit Überwachung aus. „Tor“ basiert auf einem Netzwerk von mehreren Tausend Knoten. Die werden von Freiwilligen, oft aus Deutschland heraus, betrieben. Wird „Tor“ gestartet, holt sich die Software einen Überblick über alle Knoten und wählt drei aus.

Mit dem (kostenlos verfügbaren) „Tor“-Browser können Sie anonym im normalen Internet surfen. Wenn Sie beispielsweise die Seite Bundesregierung.de ansteuern, leitet der Browser Ihre Datenpakete über drei Knoten. Station Nummer eins könnte ein Knoten in Holland sein, dann geht es zu einem Knoten in den USA, dann zu einem in Frankreich und erst dann auf die Webseite der Bundesregierung.

So bewegen Sie sich unerkannt im Netz. Ihr Internetanbieter sieht nicht mehr, welche Webseite Sie aufrufen, und die aufgerufene Seite sieht Ihre IP-Adresse nicht. Behörden und Geheimdienste können diese Daten nicht abgreifen, da sie schlicht nicht vorliegen. Mit dem „Tor“-Browser lässt sich in vielen Ländern auch staatliche Zensur aushebeln.

Außerdem lassen sich mithilfe von „Tor“ versteckte Webseiten betreiben: das Darknet. Darknet-Adressen bestehen aus einer kryptischen Abfolge von Zeichen und lauten beispielsweise expyuzz4wqqyqhjn.onion. Das Darknet ist deutlich kleiner, als es sein Ruf vermuten lässt. Die höchste jemals ermittelte Zahl an Darknet-Adressen lag bei 300.000. Auf denen sind weltweit täglich nicht mehr als 60.000 Menschen unterwegs, davon etwa 6000 aus Deutschland. Im Vergleich mit dem sonstigen Internet ist das Darknet winzig.

Die versteckten Adressen sind extrem schwer zu lokalisieren. Und da man dieses Darknet nur mit dem „Tor“-Browser betreten kann, sind alle Nutzerinnen und Nutzer anonym. Das erschwert Überwachung und Zensur. Die Anonymität ermöglicht aber auch schwerste Verbrechen.

Illustration: Enya Mommsen 
Re-Existenzia

In den 1990er-Jahren von Utopisten noch als ultimatives Tool gepriesen, stehen wir mit dem Internet heute an diesem Punkt: Der Einfluss von BigTech wächst von Tag zu Tag und strahlt inzwischen auf alle Lebensbereiche aus. Der Status quo scheint unveränderlich, die Misere unausweichlich. Oder doch nicht?

Hier geht es zur Serie „Re-Existenzia“.

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Wer steht hinter der Technologie?

„Tor“ wurde seit Mitte der 1990er-Jahre in einem Forschungslabor der US-Marine entwickelt. Ziel war, dem Militär und Geheimdiensten anonyme Kommunikation zu ermöglichen, vor allem im Ausland. Von Anfang an war klar: Das kann nur funktionieren, wenn auch ganz andere Menschen die Technologie nutzen und eine unübersichtliche Menge an „Tor“-Datenverkehr erzeugen.

Mittlerweile hat eine nicht-profitorientierte Organisation die Entwicklung übernommen, das „Tor Project“. Die Organisation gilt als wichtigster Gegenspieler staatlicher Überwachung. Paradoxerweise speist sich ihr Budget aber traditionell aus Fördertöpfen der US-Regierung. Lange Zeit hat sich das „Tor Project“ zu mehr als 80 Prozent über US-Fördergelder finanziert. Mittlerweile ist der Anteil auf 40 Prozent gefallen. Der amerikanische Staat ist aber immer noch der wichtigste Geldgeber.

Das sorgt für Fragen und für Spott. Die schräge Konstellation lässt sich am ehesten über eine Überlappung von Interessen erklären. Für die Zwecke von Militärs und Geheimdiensten ist die Anonymität, die „Tor“ bietet, weiterhin wichtig. Strategisch interessant ist außerdem, dass „Tor“ Zensur aushebeln kann, sodass auch Nutzerinnen und Nutzer in China, Russland oder dem Iran auf Internetdienste wie Facebook oder Google zugreifen können (und dort wirtschaftlich wie politisch wertvolle Daten erzeugen). „Tor“ kann US-Unternehmen auch in Ländern einen digitalen Marktzutritt ermöglichen, mit denen man politisch ansonsten auf Kriegsfuß steht. Der strategische Nutzen von „Tor“ scheint größer als der „Schaden“ zu sein, da „Tor“ natürlich auch das großflächige Überwachungsprogramm der USA behindert.

Das Darknet als Drogen-Einkaufsmeile

Was passiert nun in der anonymen Welt des „Tor“-Darknets? Bekannt ist das Darknet vor allem als große illegale Einkaufsmeile. Darknet-Marktplätze offerieren ein breites Portfolio verschiedener „Güter“: Drogen und verschreibungspflichtige Medikamente, Falschgeld und gefälschte Pässe, gehackte Kreditkartendaten und Tutorials für angehende Cyberkriminelle. Gehandelt werden vor allem die üblich verdächtigen Party-, Aufputsch- und Entspannungsmittel: Cannabis, Kokain und Ecstasy.

Ein Feedback-System ermöglicht Geschäfte auch im Umfeld völliger Anonymität. Wenn, sagen wir, ein Studierender aus Berlin eine Tüte Cannabis für die anstehende WG-Party kauft oder eine Frankfurter Investmentbankerin Kokain ordert, können beide nach dem Kauf eine Bewertung schreiben. Die könnte lauten: „1A Stoff. Wie immer Blitzversand. Ich komme wieder.“ Oder auch: „Das ist ein Betrüger. Statt Gras hat er mir parfümiertes Heu geschickt.“ Die Substanzen werden in große Briefumschläge gepackt und regulär mit der Post verschickt, bezahlt wird mit anonymen Digitalwährungen wie Bitcoin.

Wie zu erwarten, sieht die Suchtforschung Gefahren beim Darknet-Handel: Es ist leichter an Drogen aller Art zu kommen, das gilt auch für Kinder, Jugendliche und psychisch labile Menschen. Überraschenderweise sieht man aber auch gesellschaftliche Chancen. Das Feedback-System sorgt für eine Selbstregulierung im Drogenhandel. Händlerinnen und Händler, die im Geschäft bleiben wollen, können es sich nicht erlauben, gefährlich verunreinigte Substanzen zu verschicken. Zu viele negative Nutzerbewertungen verderben im Darknet wie im legalen Online-Handel das Geschäft.

Ethische Abgründe im Darknet

Die wirklich üblen Dinge sind auf diesen Marktplätzen tabu. Vor allem gilt das für sogenannte Kinderpornografie, den Tausch von Bildern und Videos des Missbrauchs von Kindern. Das findet auf hermetisch abgeriegelten Darknet-Foren statt.

Im Juli 2017 wurde unter Federführung der deutschen Polizei ein solches Darknet-Forum lahmgelegt, es trug den zynischen Namen „Elysium“. Laut Mitteilung des Bundeskriminalamts wurden dort „Aufnahmen schwersten sexuellen Missbrauchs von Kindern, darunter von Kleinstkindern, und Darstellungen sexueller Gewalthandlungen gegen Kinder“ getauscht. Betreiber waren drei deutsche Männer. Diese Missbrauchsforen sind das größte Problem im Darknet. Es ist technisch nicht möglich, eine Darknet-Adresse zu löschen, selbst nicht, wenn man weiß, dass dort solch schrecklichen Dinge passieren.

Auch Waffen werden im Darknet verkauft. Wie fatal das sein kann, zeigt sich im Sommer 2016, als ein 18-jähriger Rechtsterrorist in München neun Menschen erschoss. Den Waffenhändler hatte er auf einem Diskussionsforum im Darknet kennengelernt.

Das politische Darknet

All das passiert im Darknet. Zum Mythos der digitalen Unterwelt gehört allerdings, dass sie auch ein politischer Schutzraum ist: für Menschenrechtsaktivismus, für bedrängte Oppositionelle im Ausland und für Whistleblower, die brisante Dokumente aus Ministerien, Geheimdiensten oder Unternehmen schmuggeln und an Medien schicken. Gibt es dieses politische Darknet tatsächlich?

Zumindest in Ansätzen. Mehrere Dutzend Medien haben im Darknet anonyme Postfächer installiert. Die Zeitungen New York Times und Washington Post machen das, der britische Guardian, das norwegische Dagbladet, der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung, der IT-Verlag Heise und die deutsche Tageszeitung taz. Auch die Berliner Zeitung nimmt über eine Darknet-Adresse Dokumente entgegen (die Adresse lautet th6pr6cmlqk57anty433ljjffz2vttswcf2xlkntn4utrwxzm6ewhyqd.onion).

Ein solches Darknet-Postfach schützt potenzielle Whistleblower. Die werden bei ihrem ethisch motivierten Geheimnisverrat quasi zu ihrem Anonymisierungsglück gezwungen: Eine Darknet-Adresse lässt sich nur mit dem „Tor“-Browser aufrufen – und der schützt die Whistleblower auf einem hohen technischen Niveau.

Auch wichtige linke Projekte haben das Darknet entdeckt. Sie bieten ihre Inhalte, die eigentlich unter klassischen Webadressen stehen, parallel auf Darknet-Seiten an. Die IT-Kollektive Riseup und Systemli stellen, im „normalen“ Internet wie im Darknet, abhörsichere Kommunikationswerkzeuge zur Verfügung. Zudem sind einige Regionalversionen des linken Mediennetzwerks Indymedia auch im Darknet vertreten, beispielsweise das deutschsprachige de.indymedia.org. Diese Darknet-Präsenzen sollen die linken Aktivistinnen und Aktivsten ermuntern, den „Tor“-Browser zu verwenden und somit unnötige Einfallstore für Überwachung zu schließen.

Die Zukunft ist offen

So etwas wie ein politisches Darknet existiert also, wenn auch nur in Anfängen. Das Darknet im Jahr 2021 ist eine große Einkaufsmeile für Drogen, ein Ort mit wirklich üblen Ecken und mit vorsichtigen politischen Ansätzen. Von einer ernst zu nehmenden gesellschaftlichen Dynamik ist die digitale Unterwelt allerdings noch weit entfernt.

Stefan Mey, Foto: Eddie Lepante
Zum Autoren

Stefan Mey ist freier Technologie-Journalist in Berlin, stammt aus Halle/Saale und ist Teil des Journalistenbüros Schnittstelle. Er interessiert sich für alles Digitale, vor allem für die Frage von Macht und Gegen-Macht im Internet. Im Verlag C.H.Beck hat er ein Sachbuch zum Darknet geschrieben („Darknet: Waffen, Drogen, Whistleblower. Wie die digitale Unterwelt funktioniert“).

Könnte hier dennoch ein schlagkräftiges Gegenmodell zum sonstigen Internet entstehen? Das Darknet hat Potenziale für eine andere digitale Realität ohne Überwachung und ohne Zensur. In welche Richtung sich der Ort entwickeln wird, ist aber ungewiss: Wird das Darknet auch in Zukunft vor allem ein Raum zur Abwicklung von illegalem Handel bleiben? Wird es eines Tages von der legalen Digitalwirtschaft vereinnahmt? Oder kann im Darknet tatsächlich etwas Großes entstehen? Könnte es vielleicht gar ein Ort sein, in dem sich eines Tages eine schlagkräftige globale Zivilgesellschaft formiert und den Ungerechtigkeiten der Welt zu Leibe rückt?

Das Darknet ist zurzeit vor allem eine Projektionsfläche für digitale Ängste und für Utopien. Und es ist größtenteils unerschlossenes digitales Land, dessen Zukunft völlig offen ist.