Im Osten geht die Sonne auf: Warum der Chiphersteller Intel nach Magdeburg will

Rund 17 Milliarden Euro investiert Intel in sein neues Werk in Magdeburg. Auch das beweist: Der Osten boomt und lockt wieder junge Menschen an.

Die Computergrafik zeigt die in Magdeburg geplante Chipfabrik des US-Konzerns Intel.
Die Computergrafik zeigt die in Magdeburg geplante Chipfabrik des US-Konzerns Intel.dpa/Intel Corporation

Hier geht’s nach oben. Ein schmuckloser Verwaltungsbau steht neben dem historischen Rathaus von Magdeburg, 45 Stufen führen hinauf in den zweiten Stock, dort empfängt Sandra Yvonne Stieger mit einem zupackenden Händedruck. Die Wirtschaftsbeigeordnete der Stadt Magdeburg sagt entschlossen: „Hier herrscht Aufbruch! Darauf haben die Menschen lange gewartet.“

Das Warten hat ein Ende. Rund 17 Milliarden Euro investiert US-Hersteller Intel in sein neues Halbleiterwerk in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg. Zum Vergleich: Der Jahreshaushalt des Bundeslandes liegt bei 13,5 Milliarden Euro. Im nächsten Jahr rollen bei Intel die Bagger an, spätestens 2027 werden die ersten Halbleiter am neuen Standort gefertigt. Dann heißt es: Magdeburg inside!

Stieger, 44 Jahre alt, hat Intel für Magdeburg mit an Land gezogen. „Das ist nicht über mich gekommen wie ein Wasserfall“, sagt die Wirtschaftsbeigeordnete und nennt das entscheidende Datum: 12. April 2021. Damals kamen erste Anfragen eines Investors, damals noch anonym. „Hier auf dem Rechner“, erklärt Stieger am Besprechungstisch in ihrem Büro und weist auf den Computer hinter ihr. Mit der Zeit wurden die Fragen detaillierter und das Interesse konkreter. „Ich habe das scherzhaft mal mit den Wehen bei einer Geburt verglichen. Das kommt und geht in Wellen und nimmt in der Intensität zu“, erzählt Stieger. In diesem Frühjahr dann war das Kind da. Magdeburg hatte den Zuschlag.

Stieger ist in Magdeburg geboren und hat dort auch Betriebswirtschaftslehre studiert. Magdeburg ist ihre Stadt. „Wir waren hungrig“, erzählt Stieger über den Ansiedlungsprozess.

Magdeburg ist immer eine Industriestadt gewesen

Verständlich. Magdeburg war immer eine Industriestadt. Zu DDR-Zeiten prägte SKET das Bild, das Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“, ein Unternehmen mit rund 30.000 Beschäftigten. Nach der Wende blieb davon wenig übrig, wie so oft im Osten. Nur der melancholische Film der Schwerindustrie klebt weiter über der Stadt. „Magdeburg war immer eine Industriestadt und nun machen wir die Stadt auch wieder zu einer echten Industrie- und Produktionsstadt“, sagt Stieger. Das Ganze klingt mehr selbstbewusst als trotzig.

Seit die Pandemie auf den Lieferketten lastet und der Krieg in der Ukraine tobt, sind Halbleiter mehr als nur Bauteile, die vom Auto über den Geschirrspüler bis zur Industrie viele Prozesse steuern. „Halbleiter sind jetzt kritische Infrastruktur“, sagt Stieger.

Die EU hat deshalb den Chips-Act aufgelegt, eine Milliardenoffensive zur Halbleiterproduktion in Europa. 6,8 Milliarden Euro an Subventionen sind aufgerufen für Intel in Magdeburg. Kritiker rügen die Vergabe öffentlicher Gelder an rentable Großkonzerne. Die Betriebswirtin Stieger erklärt diplomatisch: „Wir müssen uns nichts vormachen: Produktion in Europa ist teuer. Und wenn ich Produktion in Europa etablieren will, muss ich Anreize schaffen.“

Stieger geht in ihrem Büro hinüber zur Wand. Dort hängt eine große Karte von Magdeburg. „Wir sind hier“, sagt Stieger und zeigt auf das Stadtzentrum und die Elbe. Dann weist die Hand auf der Karte hinunter nach Südwesten. „Hier ist das Gewerbegebiet Eulenberg.“

Der Industriepark am Rand der Stadt gehörte zum Bewerbungsportfolio, als die CDU-Politikerin Stieger vor zwei Jahren für den Job als Wirtschaftsbeigeordnete kandidierte. Damals gab es die Hoffnung, bis 2024 erste Firmen anzusiedeln. Nun übernimmt Intel die komplette Fläche: 380 Hektar, das reicht für 500 Fußballplätze. Rund 3000 Jobs entstehen direkt im Werk, 10.000 weitere Stellen in der Zuliefererindustrie. „Wir wollten das“, sagt Stieger.

Der Osten ist bei den Zukunftsindustrien ganz vorne mit dabei

Das beschreibt ein wenig die Macher-Stimmung zwischen Elbe und Oder in diesen Zeiten. Digitalisierung und Klimaneutralität – die Industrie ist in einem Umbruch. Von twin transition – einem doppelten Übergang – sprechen Experten. Der Osten ist bei den Zukunftsindustrien ganz vorne mit dabei. US-Autobauer Tesla fertigt seine Elektrofahrzeuge in Grünheide vor den Toren Berlins, der pfälzische Chemiegigant BASF siedelt seine Fertigung für Batteriechemikalien im nahe gelegenen Standort in Schwarzheide an und der chinesische Hersteller CATL fertigt im neuen Werk in Erfurt Batterien für E-Autos. Startet der Osten gut drei Jahrzehnte nach der Einheit durch?

„Das ist eine große Chance für die Region“, sagt Oliver Holtemöller. Der Ökonom ist stellvertretender Direktor des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Holtemöller ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen, er hat in Gießen und Berlin studiert, nun befasst er sich in Halle unter anderem mit Wirtschaftsfragen des Ostens.

„Intel ist ein Weltkonzern. Das bedeutet nicht allein eine hohe Arbeitsproduktivität, sondern auch höhere Löhne als der durchschnittliche Lohn im Osten Deutschlands“, erläutert er und benennt auch gleich die Folgen: Die höheren Entgelte bei Intel, Tesla und Co. führen zu einem Verdrängungswettbewerb. Die Beschäftigten vieler kleiner Firmen folgen den Löhnen und wandern zu den neuen Investoren ab. Die Folge: Der Lohnvorteil für viele Mittelständler in der Region ist erst mal dahin. Schluss mit dem Billig-Image, der Osten setzt auf Hightech.

Aber mit der Ansiedlung neuer Unternehmen allein ist die Arbeit nicht erledigt. „Die Investition ist eine große Chance. Aber kein Automatismus“, bilanziert Holtemöller und verweist auf die künftigen Aufgaben: „Die große Herausforderung der kommenden Jahre wird der demografische Wandel und der Arbeitskräftemangel. Deshalb sind Investitionen in Bildung, Schulen und Universitäten so wichtig. Hier sollte das Land Sachsen-Anhalt weiter investieren. Das wird angesichts des sinkenden öffentlichen Finanzspielraums aber nicht einfach.“

Mit einem Werk allein wie bei Intel ist es nicht getan mit dem Aufschwung Ost. Domenico Müllensiefen kennt das Auf und Ab. Der Schriftsteller ist 1987 in Magdeburg geboren, er war zwei, als die Mauer fiel. Dennoch hat er das Gefühl, irgendwie in der DDR aufgewachsen zu sein, weil beim Familienessen am Tisch alle ständig von früher erzählten. „Ich schaute Eminem vor einer DDR-Schrankwand“, umschreibt Müllensiefen das doppelte Heimatgefühl seiner Generation.

Der Osten als eine verlängerte Werkbank für Intel, Tesla und Co.?

Der junge Autor hat mit seinem ersten Buch „Aus unseren Feuern“ gerade einen fulminanten Nachwenderoman über das Leben dreier Jugendlicher in den Nullerjahren geschrieben. Es geht um jugendliche Träume – und die täglichen Enttäuschungen der Eltern. „Wir wurden in der Realschule auf Arbeit getrimmt. Und als wir dann abgingen, stellten wir fest, dass es kaum Ausbildungsplätze gab. Dann kam Panik auf und die Frage: Was wird denn aus uns? Wir hatten hier keine Zukunft. Viele aus meinem Jahrgang sind im Westen gelandet“, erzählt Müllensiefen über die Stimmung in seiner Abschlussklasse. Bringen Intel, Tesla und Co. nun Hoffnung?

Wer sich mit Müllensiefen verabreden will, braucht ein wenig Geduld. Treffen gibt es erst nach fünf Uhr am Abend. Davor nämlich arbeitet Müllensiefen an seinem neuen Wohnort in Leipzig als Bauleiter. Seine Ausbildung hat er bei der Telekom in Magdeburg gemacht, später in Hessen auf Montage gearbeitet, zwischendurch auch als Bestatter gejobbt. Daneben hat er immer geschrieben. Der Mann kennt sich aus mit Literatur. Und als Telekom-Monteur mit deutsch-deutschen Lebensweisen. „Wir wussten vielleicht, was Kubismus ist. Aber nicht, dass Kunst etwas mit Emotionen zu tun hat. Ganz ehrlich: Ich musste das später erst lernen“, sagt Müllensiefen, der erfolgreiche Autor.

Aber der Mann arbeitet ja auch als Bauleiter, Fachrichtung Glasfaserausbau. Wie schaut der auf die Ansiedlung von Intel und Co. im Osten? „Für Intel und vor allem Tesla ist der Osten vorrangig eine verlängerte Werkbank, die Forschung und Entwicklung laufen woanders“, sagt Müllensiefen und sieht darin ein Symptom. „Es gab hier nach der Wende genügend Ideen, aber damals fehlten das Kapital und die entsprechenden Kontakte.“

Das soll sich nun ändern. Zum Beispiel in Magdeburg. Dorothea Trebesius arbeitet daran. Die Kulturwissenschaftlerin betreut bei der Stadt das Projekt MagdeMINT. So heißt die Initiative, mit der Kinder und Jugendliche für die Fächer Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie Technik – kurz MINT genannt – begeistert werden sollen. Trebesius erläutert: „Unser Ansatz für MagdeMINT ist es, neue Zielgruppen zu erreichen. Wir denken an Kinder und Jugendliche, bei denen die Eltern in Sachen Bildung vielleicht nicht ganz so hinterher sind.“

Der Standortvorteil des Ostens: Viel Platz

Von KJHs spricht Trebesius, Kinder- und Jugendhäusern. Dort wird jetzt in Pilotprojekten gebastelt und gewerkelt. Und versucht, an Technik und Naturwissenschaften heranzuführen. Der Osten macht mobil. Bei Intel in Magdeburg sind schon erste Stellen ausgeschrieben. „Magdeburg entwickelt eine neue Zugkraft“, sagt Trebesius. Magdeburgs Wirtschaftsbeigeordnete Stieger beobachtet gar eine Trendumkehr und erzählt: „Lange Zeit haben viele die Stadt nach ihrer Ausbildung verlassen. Intel bietet die Chance, wieder zurückzukehren.“

In Magdeburgs Innenstadt dominiert um die Mittagszeit eher ein silbergraues Milieu mit beigen Blousons? Geht im Osten nun die Sonne auf und kehrt die Jugend wieder? „Die hätte längst aufgehen können – mit der Sonnenenergie. Bitterfeld war ein Zentrum der Solarindustrie, an der Universität in Halle gab es sogar einen eigenen Lehrstuhl für Solartechnik. Nur hat der Bund dann die Förderung gestrichen“, urteilt Schriftsteller Domenico Müllensiefen scharf. Er schiebt aber gleich hinterher: „Wäre Intel schon früher gekommen, hätte ich aus Magdeburg nie weggehen müssen.“

Worin liegt das neue Erfolgsgeheimnis des Ostens? „Ein wichtiger Standortvorteil ist sicherlich Platz“, erläutert Oliver Holtemöller, der Ökonom. Während im Westen um Genehmigungen gerungen wird, geht’s östlich der Elbe schnell voran. Auch weil die entsprechenden Gewerbeflächen längst ausgewiesen sind. Der Volkswirt sieht eher eine veränderte Wahrnehmung als einen plötzlichen Boom.

„Die Sonne geht im Osten seit dreißig Jahren auf. Nur waren viele Erwartungen übertrieben“, erklärt Holtemöller und fügt hinzu: „Die Erfolge im Aufholprozess seit 1990 sind gewaltig. Die Zunahme der Wettbewerbsfähigkeit und der Zuwachs bei der Arbeitsproduktivität sind enorm. Nur wurde das in der Öffentlichkeit viel zu selten gewürdigt.“

Endlich fühlen sie sich in Ostdeutschland ernst genommen. Ähnlich sieht es auch Magdeburgs Wissenschaftsmanagerin Dorothea Trebesius: „Dynamik gab es hier schon ewig. Ebenso wie exzellente Forschung und Wissenschaft.“

Trebesius, Jahrgang 1980, ist in Thüringen geboren und hat in Leipzig studiert. Nach der Promotion arbeitete sie lange im westdeutschen Bonn, dann ergriff sie die Chance für einen Job in Magdeburg. Ihr Motiv: „Einfach wieder ein bisschen näher an der Heimat sein.“ Der Osten bietet wieder Zukunft.