Bei der Berliner Sparkasse wurden bislang knapp 1000 Verbraucherkredite gestundet.
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BerlinEs war eines der ersten Gesetze, die die Bundesregierung zur Linderung der Folgen der Corona-Krise auf den Weg brachte. Am 23.März wurde es verabschiedet und verpflichtete Banken und Sparkassen, fällige Raten für Verbraucherkredite auf Kundenwunsch drei Monate aufzuschieben. Es ging darum, Einkommenseinbußen aufzufangen, die durch die Covid 19–Pandemie verursacht wurden. Es sollte jenen helfen, die plötzlich in Kurzarbeit geschickt wurden oder ihren Lebensunterhalt verloren. Zahlungen konnten per Gesetz bis zum 30. Juni gestundet werden.

Wie nötig das Gesetz war, zeigt die Bilanz der drei Monate. Insgesamt wurden in dieser Zeit mehrere Hunderttausend Kredite gestundet. Allein bei den deutschen Sparkassen wurde für 190.000 Privatkredite eine Zahlungspause angemeldet. Wie bei der Deutschen Bank auf Nachfrage zu erfahren war, gingen dort insgesamt etwa 70.000 Stundungsanträge von Privatkunden ein. „Circa 40 Prozent entfallen auf gestundete Baudarlehen und circa 60 Prozent auf Konsumentenkredite“, so ein Sprecher. Laut Mathias Paulokat von der Commerzbank wurden dort bundesweit mehr als 33.000 Kredite mit einem Gesamtvolumen von über 4,3 Milliarden Euro gestundet.

Und in Berlin? Dazu konnte oder wollte man bei keiner Bank Auskunft geben. Regionale Zahlen seien nicht verfügbar, hieß es. Einzig bei der Berliner Sparkasse war zu erfahren, dass „weniger als 1000“  Anträge zur Zahlungsaussetzung von Verbraucherdarlehen eingegangen seien. Damit läge der Anteil am gesamten Privatkreditbestand „im niedrigen einstelligen Prozentbereich“. Welcher Wert dahintersteckt, sagt man nicht. Bei dem größten Teil der ausgesetzten Darlehen handle es sich aber um private Baufinanzierungen.

Legt man zugrunde, dass die Berliner Sparkasse derzeit  etwa 17.000 private Bau-, Haus- oder Wohnungskreditverträge im Gesamtwert von 3,66 Milliarden Euro in den Büchern hat, könnten allein in diesem Segment wenigstens 500 Kreditverträge mit einem Volumen von etwa 100 Millionen Euro wackeln. Johannes Evers, Chef der Berliner Sparkasse, hatte bereits Ende März im Gespräch mit der Berliner Zeitung vorausgesagt, dass Kreditausfälle in Berlin zunehmen werden. Konkreter wird  man in der Sparkassen-Zentrale am Alexanderplatz aber auch heute nicht. „Für seriöse Zukunftsprognosen ist es noch zu früh“, sagt ein Sparkassen-Sprecher. Bei der Commerzbank will man sich „zu mutmaßlichen Ausfallwahrscheinlichkeiten“ nicht äußern. Axel Bäumer von der Targobank klingt indes optimistisch: „Wir rechnen aktuell nicht mit einer nennenswert höheren Ausfallquote als in der Vor-Corona-Zeit.“

Das sieht Axel Mohr allerdings ganz anders. Der Ex-Banker und Chef des Wirtschaftsinformationsdienstes Argetra gilt deutschlandweit als der Experte für Zwangsversteigerungen. Nach seiner Einschätzung werde die Corona-Krise dazu führen, dass viele Haus- und Wohnungsbesitzer ihre Finanzierungen nicht mehr tragen können. „Pandemiebedingt werden viele Branchen wie Messebau, Hotels und Gastronomie Insolvenzen sehen. Die damit verbundene Arbeitslosigkeit wird private Baufinanzierungen platzen lassen“, sagt er. Nachdem die Zahl der Zwangsversteigerungen in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen war, von etwa 90.000 im Jahr 2008 auf knapp 18.000 im vorigen Jahr, erwartet er für das nächste Jahr eine Welle von Zwangsversteigerungen.

Tatsächlich war laut Mohrs Analyse das Volumen der Zwangsversteigerungen in Berlin bereits in der ersten Hälfte dieses Jahres um 78 Prozent auf 131 Millionen Euro gestiegen, während dieses Volumen bundesweit um zehn Prozent zurückging. Doch daran lässt sich für den Argetra-Chef noch keine Trendwende festmachen, zumal die Zahl der Zwangsversteigerungen im ersten Halbjahr bundesweit gegenüber dem gleichen Vorjahrenzeitraum weiter zurückging. Auch in Berlin gab es mit 126 Versteigerungen 19 Auktionen weniger als im ersten Halbjahr 2019. Allerdings sieht Mohr dafür aktuell nur formale Gründe. Werde ein Kredit von einer Bank gekündigt, dürfe eine Zwangsversteigerung frühestens sechs Monate später erfolgen. „Im nächsten Jahr rechne ich mit einem deutlichen Anstieg“, sagt Axel Mohr, „um  mindestens 20 Prozent.“

In den meisten Banken, die die Kredite vergeben haben, wird diese Einschätzung zumindest in anonymen Äußerungen geteilt. Die Bundesvereinigung für Kreditankauf und Servicing hatte zu Monatsbeginn bei Bankenvorständen sowie Leitern der Risikoabteilungen der deutschen Kreditinstitute nachgefragt und um ein Lagebild gebeten. Das Ergebnis: Konnten im vergangenen Jahr in Deutschland noch Kredite im Gesamtwert von 33 Milliarden Euro nicht mehr bedient werden, so taxieren die befragten Banker dieses Volumen für dieses Jahr bereits auf 45 Milliarden Euro und erwarten einen weiteren Anstieg auf 59 Milliarden Euro bis Ende 2021. Bis zum Jahr 2023 könnten sich die ausgefallenden Kredite auf 100 Milliarden Euro summieren.

Den größten Anstieg sehen die Banker übrigens nicht bei den Immobilienkrediten, sondern bei den sogenannten unbesicherten Konsumentenkrediten. Dort, so die Prognose, werde die Ausfallquote von 3,03 Prozent in diesem Jahr auf 4,47 Prozent im nächsten Jahr wachsen. Das ist ein Anstieg um 47 Prozent. Bei den privaten Immobilienkrediten stiegt das Ausfallrisiko „nur“ um 35 Prozent.