Der Wohnungsmarkt spielt verrückt. Auch Michael Bütter kritisiert Auswüchse – wie etwa Immobilien, die zu reinen Spekulationsobjekten geworden sind. Zugleich setzt der Chef des Online-Marktplatzes Immobilienscout24 auf eine weitere Digitalisierung der Immobilienbranche. Sein Versprechen: Mit neuen Technologien wie Virtual Reality soll es für Nutzer einfacher werden, eine Wohnung oder ein Haus zu finden.

Herr Bütter, die Immobilienbranche erlebt einen langanhaltenden Boom. Das Internet wächst immer weiter. Leben Sie in einer Welt eines immerwährenden Frühlings?

In der Immobilienbranche hält sich das Hoch. Die Unternehmen sind zufrieden und erzielen gute Ergebnisse. Aber irgendwann beginnt mit Sicherheit ein neuer Zyklus. Aber solange die Zinsen niedrig bleiben, wird das der Branche noch einigen Spaß bringen.

Wobei der Spaß merkwürdige Blüten treibt. Investoren kaufen etwa in Frankfurt Wohnungen blind über das Internet, also ohne jemals dort gewesen zu sein. Finden Sie das gut?

Das ist keine gesunde Entwicklung und ist dem hohen Nachfragedruck geschuldet. Privatpersonen kann ich das nicht empfehlen. Da sind schon einige reingefallen. Institutionelle Investoren haben das Know-how dafür. Private Investoren sollten sich aber sehr gut auch an Ort und Stelle informieren, nicht nur im Internet.

Ein anderer Auswuchs ist, dass Wohnungen in Großstädten gar nicht mehr gekauft werden, um sie zu bewohnen, sondern um sie als Kapitalanlage oder Spekulationsobjekt zu nutzen. Wohnungen stehen dann sogar leer, weil der Eigner keine Lust auf Ärger mit Mietern hat. Darf es so weit kommen in einem überhitzen Markt?

Wir haben einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Kein Wunder, dass Politiker und Bürger es kritisch sehen, wenn Wohnungen als Investitionsobjekt durchgereicht werden. Das können Sie letztlich aber nicht gänzlich verhindern. Aus Sicht dieser Wohnungseigentümer sind Anlagealternativen oft nicht gegeben.

Welche Rolle spielt in dieser Situation das Internet?

Wir wollen als Betreiber eines Marktplatzes die Immobilienwelt und das Internet zusammenzubringen. Wir wollen die Branche in das digitale Zeitalter bringen, die Brücke schlagen zwischen Immobilien und der digitalen Welt. Dabei kommen wir immer stärker von der reinen Auflistung von Angeboten weg und entwickeln uns zu einem Marktnetzwerk. Wir bieten weitere Dienstleistungen an und ermöglichen Kommunikation zwischen Marktteilnehmern. Das macht die Sache dynamischer. Dabei setzen wir auf neue Technologien, um die Erfahrungen der Nutzer mit unseren Angeboten zu verbessern, zum Beispiel 360-Grad-Rundgänge. So können Suchende bereits am Bildschirm einen realistischen Eindruck von der Immobilie bekommen und entscheiden, ob sich eine Besichtigung lohnt. Denn mit 100 Leuten vor einer Wohnung Schlange stehen ist ja für die meisten ein Alptraum.

Aber läuft das denn immer zum Nutzen von Wohnungsuchenden? Frei gewordene Mietwohnungen sind in großen Städten häufig nur noch wenige Minuten im Internet zu finden. Diese Beschleunigung macht die Wohnungssuche zu einem Glücksspiel. Man muss permanent dran bleiben. Da wünscht man sich beinahe das gute alte Zeitungsinserat zurück.

In Frankfurt, München oder in Berlin ist die Nachfrage enorm. Wohnungssuchende haben in der Tat oft Probleme, zum Zuge zu kommen. Wir haben das Problem erkannt und bieten unseren Mietern ein Premiumprofil an: Der Mieter kann sich als Suchender bei uns darstellen. Er kann Bonitäten und andere Unterlagen hinterlegen. Der Wohnungssuchende kann so der Beschleunigung begegnen. Dieses Produkt wird nicht umsonst extrem gut angenommen. Die Makler können eine Vorauswahl treffen, niemand muss mehr draußen in der Kälte stehen. Und wir helfen bei der Suche, auch wenn es im Lieblingsstadtteil gerade keine Wohnung mit den gewünschten Suchparametern gibt. Dann können wir mit unserer Recommendation Engine passende Tipps für benachbarte Stadtteile geben. Das hilft, Enttäuschungen zu vermeiden. Auch weil wir in 20 Jahren mit mittlerweile zwölf Millionen Nutzern pro Monat und mit permanent 500 000 Angeboten im Schnitt enorm viele Daten sammeln konnten.

Sie outen Ihr Unternehmen gerade als Datenkrake. Kaum ein Unternehmen dürfte über so sensible Daten verfügen wie Immobilienscout – über das Einkommen, das Vermögen und die Lebensumstände der Nutzer.

Wir wissen das und gehen deshalb mit großer Sensibilität und Verantwortungsbewusstsein mit den Daten um. Die Nutzer geben uns gerne ihre Daten, weil sie wissen, dass wir ein gutes Produkt haben. Ich habe das gleiche Magengrummeln wie sie, wenn es darum geht, Daten einem Unternehmen anzuvertrauen. Aber wenn mir das Produkt gefällt, und ich weiß, dass das Unternehmen meine Daten verantwortungsvoll behandelt, bin ich viel eher bereit, Daten zur Verfügung zu stellen.

Sie verkaufen Kundendaten nicht?

Datenschutz hat bei uns höchste Priorität. Daher verkaufen wir auch keine persönlichen Kundendaten. Nach deutschem Datenschutzrecht ist für den Verkauf von Daten immer ausdrückliche Einwilligung der Nutzer erforderlich. Daran halten wir uns natürlich. Wir nutzen die Daten außerdem für unsere Zwecke, um den Kunden, seine Bedürfnisse und den Markt immer besser zu verstehen.

Wird all dies nicht das Immobiliengeschäft weiter beschleunigen? Zumal Technologien wie Virtual Reality inzwischen Marktreife erreicht haben. Werden wir künftig Wohnungen virtuell mit einer Datenbrille auf dem Kopf besichtigen?

Danke, dass Sie danach fragen. Das sehen wir heute schon. Das wird unser Leben bestimmen. Das Betrachten von Bildern einer Wohnung wird von 360-Grad-Rundgängen abgelöst. Makler können mit ihrem iPhone die Wohnung komplett abfilmen. Das können sich Interessenten anschauen. So bekommen sie einen sehr plastischen Eindruck von der Wohnung. Das macht die Suche inspirierender. Und auch der Makler profitiert; er kann sein Objekt besser präsentieren.

Wohnungssuche wird also noch stressiger.

Im Gegenteil. Sie wird viel effizienter. Wir bemerken eine große Nachfrage nach diesen neuen Werkzeugen, damit können sich Makler stärker von der Konkurrenz absetzen. Sie haben aber insofern recht, als dass die Umschlagshäufigkeit von Wohnungen in Metropolen deutlich wächst. Die Menschen ziehen häufiger um, das hat viel mit Beschleunigungen in der Berufswelt zu tun.

Ihr Aktienkurs tritt seit drei Jahren mehr oder weniger auf der Stelle.

Zutreffend ist die Beobachtung, dass wir eine Seitwärtsbewegung haben. Sie müssen beachten, dass wir ein durch Finanzinvestoren geführtes Haus sind. Unser größter Aktionär hat vor kurzem noch einmal ein Aktienpaket verkauft. Dadurch steigt die Liquidität der Aktie, was sich positiv auf den Aktienkurs auswirken kann. Ich gehe auch davon aus, dass wir nächstes Jahr im M-Dax gelistet werden, dann kommen zahlreiche Fonds an der Aktie ebenfalls nicht mehr vorbei.

Aber spielt nicht auch Skepsis der Anleger eine Rolle? Onlineplattformen kann man leicht nachbauen, E-Commerce-Geschäftsmodelle einfach kopieren. Und dann könnte eines Tages etwa Amazon auf die Idee kommen, in Immobilien zu machen. Dann sähe es doch düster aus für Immobilienscout24, oder?

Amazon kann nicht ganz so einfach unser Geschäftsmodell imitieren. Bei allem, was wir tun, stecken zwei Jahrzehnte Erfahrungen dahinter. Wir verbessern unser Produkt ständig, und zwar mit Experten aus der Immobilienbranche – diese Spezialisten gibt es bei Amazon nicht. Die Basis unseres Erfolgs sind unsere Mitarbeiter, deshalb investieren wir viel, um die besten Talente zu gewinnen und zu entwickeln.

Heißt das andersherum, dass Immobilienscout auf den Weg zur Marktdominanz hierzulande ist? Denn immer wieder wird das Internet als eine Branche dargestellt, die nach dem Prinzip funktioniert „The winner takes it all“.

Richtig ist, dass wir Marktführer mit einem deutlichen Abstand sind. Das bedeutet aber nicht, dass wir auf den Weg zu einer Dominanz oder gar einem Monopol sind. Vielmehr ist der Immobilienmarkt groß und dynamisch genug, um Platz für mehrere Akteure zu haben. Das finde ich persönlich auch gut, weil es uns antreibt besser zu werden. Und gerade die erwähnten neuen Technologien wie Virtual Reality bedeuten Chancen auch für Start-ups.