Berlin - Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern ist nicht kleiner geworden, sondern gewachsen. Das geht aus einer Anfrage der Linke-Fraktion hervor, die vom Bundesamt für Statistik beantwortet wurde. Darin heißt es, 2014 habe die Differenz beim monatlichen Bruttolohn 1188 Euro, im Jahr 2018 hingegen 1192 Euro betragen. Mit vier Euro Unterschied mag der Betrag nicht groß ausfallen, aber er steht Berichten entgegen, in denen Ende 2020 zuletzt formuliert worden war, der sogenannte Gender Pay Gap würde sich langsam, aber kontinuierlich schließen. Von den Plänen der Bundesregierung ganz abgesehen, die bereits 2017 angekündigt hatte, der Entwicklung entgegen wirken zu wollen.

Dass Frauen und Männer sehr unterschiedlich verdienen, ist ein vieldiskutiertes wie bekanntes Problem. Die Lohnlücke greift in allen Lebenslagen, wird für Frauen aber vor allem dann deutlich, wenn sie sich für Kinder entscheiden. Männer als Alleinverdiener sind einerseits ein Auslaufmodell, aber viele Frauen arbeiten nach wie vor im Zuverdienermodell nach der Gründung einer Familie, anstatt finanziell unabhängig zu sein. Das sei vielfach strukturell bedingt, wird häufig kolportiert: Auf der einen Seite würden Frauen häufiger in sogenannten rosa Berufen – etwa als Erzieherin, Friseurin oder in der Pflege – arbeiten, die schlechter bezahlt seien als jene Berufe, für die sich Männer entscheiden. Auf der anderen Seite würden Frauen immer noch häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer.

In Zahlen ist das bereits lange vor der Anfrage der Linke-Fraktion belegt worden. So haben Frauen im Jahr 2019 in Deutschland 19 Prozent weniger pro Arbeitsstunde verdient als Männer, wie es beim Statistischen Bundesamt (Destatis) im März 2020 hieß. Werden Frauen und Männer mit vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit verglichen, ist der Lohnunterschied in Deutschland wiederum niedriger. 2018 stagnierte er wie bereits 2014 bei sechs Prozent; im Jahr 2010 lag der Unterschied bei sieben Prozent, 2006 bei acht Prozent.

Vom Gender Pay Gap zur Motherhood Wage Penalty

Derweil gibt es auch unter Frauen erhebliche Gehaltsunterschiede: So haben Mütter von zwei Kindern, bis sie 45 Jahre alt sind, bis zu 42 Prozent weniger verdient als kinderlose Frauen. Unmittelbar nach der Geburt verdienen Frauen in Deutschland 18 Prozent weniger als davor. Darüber hinaus spielt auch die Ausbildung einer Frau eine wesentliche Rolle: Beim Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) heißt es, vor allem Frauen mit Hauptschulabschluss und beruflicher Ausbildung müssten bei langen Unterbrechungen mit großen, dauerhaften Lohneinbußen rechnen. Wohingegen besser ausgebildete Mütter, die kürzere Pausen einlegen würden, nur mit geringen, vorübergehenden oder keinen Einbußen konfrontiert seien.

Nach dem Gender Pay Gap und der Motherhood Wage Penalty, mit der die Lohnentwicklung für Frauen mit Kindern beschrieben wird, folgt konsequent die dritte Lücke im Alter: der Gender Pension Gap. Im Jahr 2014, heißt es in einem Bericht des DIW aus dem Jahr 2017, seien die Renten von Frauen um 42 Prozent niedriger ausgefallen als die von Männern.

Lohnentwicklungen insgesamt

Ob Frauen den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit schaffen, hängt unterdessen – wie sich in der Pandemie deutlich gezeigt hat – auch von anderen Faktoren ganz wesentlich ab: dem Arbeitsmarkt und der Lohnentwicklung insgesamt. So haben sich in der Pandemie nach einer Studie des DIW, die im März 2021 veröffentlicht wurde, Rollenverteilungen verstärkt. In vielen Familien sei eine Retraditionalisierung zu beobachten gewesen. Paare, heißt es darin, die sich die Kinderbetreuung ohnehin geteilt hätten, würden das auch im Lockdown so halten. Der Anteil von Familien aber, in denen sich allein die Frau darum kümmere, habe sich verdoppelt. Neben der wegbrechenden Kinderbetreuung in der Pandemie dürfte sicherlich auch ein Faktor schwerer ins Gewicht gefallen sein: die Unsicherheit um den Job und etwaige Lohneinbußen durch die Kurzarbeit.

Die Reflexe scheinen programmiert, insbesondere berücksichtigend, was im Weiteren aus der eingangs erwähnten Anfrage der Linke-Fraktion hervorgeht. Demnach fällt die Lohnlücke umso größer aus, umso höher das Gehalt ausfällt. So haben 2018 rund 3,1 Millionen Männer, aber nur 802.000 Frauen monatlich 5100 Euro oder mehr brutto zur Verfügung gehabt und galten dementsprechend als Gutverdienende. Bei den Spitzenverdienern ist der Unterschied noch einmal deutlicher: Demnach haben rund 158.000 Männer, aber nur 23.000 Frauen mehr als 12.100 Euro monatlich brutto verdient.

Der Durchschnittsverdienst lag derweil im Jahr 2018 bei 2766 Euro brutto. An diesem Wert gemessen verdienten 12,5 Millionen von insgesamt 18,3 Millionen Frauen unterdurchschnittlich. 

Lohnentwicklung insgesamt unter Druck

Die Lohnentwicklung setzt unterdessen ohnehin schwierige Impulse – und zwar für Frauen wie Männer insgesamt. Für Deutschland wird oft angeführt, dass sich hierzulande die Löhne in den vergangenen Dekaden gut entwickelt hätten. Die wesentliche Frage ist aber nicht, wie die Lohnentwicklung alleine betrachtet ausgefallen ist, sondern wie sie sich gegenüber dem verfügbaren Einkommen verhält. Ökonomen sprechen in dieser Hinsicht von Nominallöhnen und Reallöhnen. Letztere weisen aus, wie hoch die Kaufkraft ausfällt.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Reallöhne in Deutschland zwischen 1991 und 2019 um 12,3 Prozent gestiegen, während die Nominallöhne um 60,7 Prozent zunahmen. Die Lücke zwischen diesen Entwicklungen, heißt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung, sei auf die Entwicklung der Verbraucherpreise zurückzuführen. Letztere seien im selben Zeitraum um 48,1 Prozent gestiegen. Dadurch sei die Reallohnentwicklung nivelliert worden.

Zwischen 2000 und 2009 seien die Reallöhne sogar kontinuierlich gesunken, heißt es weiter. In dieser Zeit habe die Inflationsrate beinahe durchweg über der Nominalrate gelegen. Seit 2010 seien die Reallöhne in der seit der Finanzkrise andauernden Niedrigzinsphase hingegen wieder gestiegen. Die Pandemie unterbricht diese Entwicklung nun. Gegenüber 2019 sanken die Reallöhne 2020 um 1,1 Prozent.