Berlin - Eine Blutegeltherapie mit sechs Würmern für nur 50 Euro! Die „Colon-Hydro-Therapie“ im Zehner-Pack für 350 Euro! In vielen Arztpraxen geht es zu wie auf einem Basar. Mit Verkaufsargumenten wie „Ihre Gesundheit wird Ihnen das doch wohl wert sein?“ oder „Sie müssen ja nicht, aber denken Sie an die möglichen Folgen!“ werden die gesetzlich Versicherten von den Ärzten bedrängt, sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) in Anspruch zu nehmen. Das sind häufig fragwürdige Angebote, die die Versicherten aus eigener Tasche direkt an die Mediziner zahlen müssen. Obwohl sich die Ärzteschaft selbst mehr Zurückhaltung auferlegt hat, boomt das Geschäft weiter.

„Für manche Facharztgruppen ist ‚Igeln‘ zum Volkssport geworden“, kritisierte Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDS), am Dienstag in Berlin. Igel-Spitzenreiter sind Frauen- und Augenärzte, gefolgt von Orthopäden, Hautärzten und Urologen. Nach früheren Berechnungen nehmen die Mediziner mit den Igel-Behandlungen pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro ein.

Viele Patienten fühlen sich nicht ausreichend informiert

Problematisch ist aus Sicht des MDS vor allem, dass die Patienten zu wenig aufgeklärt werden. Nach einer repräsentativen Umfrage des MDS fühlten sich drei Viertel aller Patienten, denen Igel angeboten wurden, nicht ausreichend über mögliche Schäden informiert. Und die kann es durchaus geben: So besteht zum Beispiel bei der „Colon-Hydro-Therapie“, bei der es sich um eine Darmspülung handelt, die Gefahr von Infektionen und einer Verletzung der Darmwand.

Gleichwohl nimmt der Umfrage zufolge jeder zweite Patient die angebotenen Behandlungen an. Eine mögliche Erklärung für die vergleichsweise hohe Rate: Die Patienten fürchten, das Vertrauensverhältnis zum Arzt zu belasten, sie lassen sich überrumpeln oder fühlen sich unter Druck gesetzt. Dazu greifen Mediziner immer wieder zu einer besonders perfiden Methode: Sie lassen sich Formulare unterschreiben, wenn man eine Leistung nicht in Anspruch nehmen will.

„Die Arztpraxis wird zum Verkaufsraum, in dem ähnlich agiert wird wie bei anderen Händlern“, kritisierte Pick. Das werde aber nicht offen gesagt, sondern durch die ärztliche Aura ummantelt. „Ein Satz vom Arzt wie: ’Das sollte Ihnen ihre Gesundheit wert sein’, geht gar nicht“, so der MDS-Chef. Schließlich zahlten ein durchschnittlicher Versicherter und sein Arbeitgeber zusammen 456 Euro im Monat für die Gesundheitsversorgung.

Verkaufsdruck in der Praxis

Pick lobte, dass zumindest ein Teil der Ärzteschaft zunehmend zurückhaltender mit Igel umgehe. Ein anderer Teil praktiziere aber weiterhin einen bisweilen aggressiven Verkaufsdruck und nutze hierfür sein Praxispersonal. Hier müsse der Selbstreinigungsprozess in der Ärzteschaft vorangetrieben werden, forderte er die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf.

Um die Patienten zu informieren, betreibt der MDS ein Internetportal. Unter www.igel-monitor.de werden oft angebotene Igel-Behandlungen nach wissenschaftlichen Kriterien beurteilt. Von derzeit 41 Behandlungen erhielten 17 Untersuchungen die Bewertung „negativ“ oder „tendenziell“ negativ“ - der Schaden wird also größer als der Nutzen bewertet. Bei 15 Bewertungen kamen die Experten zum Ergebnis „unklar“. Hier halten sich die gesicherten Informationen über Schaden und Nutzen in etwa die Waage. Eine uneingeschränkt positive Bewertung gibt es bisher nicht.

Neu hinzugekommen ist die Beurteilung ergänzender Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft. Ohne besondere medizinische Umstände zahlen die Kassen das „Babyfernsehen“ drei Mal. Bei der Auswertung der zur Verfügung stehender Studien kamen die MDS-Experten zu dem Schluss, dass weitere Ultraschalluntersuchungen für Mutter und Kind keinen Nutzen haben, aber auch keinen Schaden anrichten. MDS-Medizinerin Michaela Eikermann: „Eltern können getrost ihrer Neugier nachgehen. Aber auch ohne zusätzliche Untersuchungen können sie unbesorgt durch die Schwangerschaft gehen.“