Wenn alles infrage gestellt wird, hilft ja oft ein Blick in die Vergangenheit. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller erzählte also an diesem Abend, dass er gerne Astronaut geworden wäre, sein SPD-Parteikollege und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil berichtete davon, dass er im Alter von vier Jahren Ritter werden wollte.

Nun, in beiden Fällen ist es anders gekommen, auch weil Heil feststellen musste, dass Ritter kein Ausbildungsberuf ist. „Immerhin“, sagte er zu seiner Verteidigung, „bin ich Mitglied der IG Metall geworden.“ Passt immerhin zur Ritterrüstung.

Befund klappt, Diagnose nicht

Die Anekdote zeigt, dass es nicht nur superernst zuging, als am Montagabend der Regierende Bürgermeister zum bevorstehenden Abschluss seiner Bundesratspräsidentschaft in den Bundesrat geladen hatte, um über „Digitales und Soziales“ zu diskutieren. Das Thema treibt tatsächlich viele Menschen um, das zeigte auch die Beteiligung an diesem Abend, zusätzliche Stühle mussten in den Saal geschafft werden, damit alle Zuhörer sitzen konnten.

Und wie wirken sich Computer, Internet und das Maschinenlernen nun auf die Zukunft des Arbeitens aus? Werden nicht nur Autos selbstfahrend in den Städten unterwegs sein, sondern Maschinen auch auf anderen Gebieten die Handlungshoheit übernehmen? Lorena Jaume-Palasi, Gründerin und Direktorin von AlgorithmWatch, machte sehr früh deutlich, dass die Einflüsse von Algorithmen noch gering sind.

Ideal: Zusammenarbeit von Mensch und Maschine

Auf die Frage, was der Computer besser als der Mensch könne, antwortete sie mit einem Beispiel: Zwar könnten Rechner besser Tumoren erkennen als Ärzte und damit einen Befund liefern, aber eine Diagnose schafften sie nicht. „Von Kompetenz ohne Verständnis“, sprach Jaumie-Palasi. Ihre Erkenntnis: Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine liefert die besten Ergebnisse.

Der Mensch ist also unersetzbar in der modernen Arbeitswelt, und doch deuten sich deutliche Veränderungen an, in manchen Bereichen ist eine massive Umstrukturierung schon nicht mehr zu übersehen. „Wir befinden uns nicht in einem Change-Prozess, wo Anfang und Ende der Veränderung vorher bekannt sind“, sagte Jutta Rump, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, bei der industriellen Revolution 4.0 sei nur der Ausgangspunkt bekannt.

Wo das hinführe, da habe niemand auch nur einen blassen Schimmer, sagte Rump. Wichtig sei in Zukunft also ein souveräner Umgang mit Unsicherheit. Für Führungskräfte bedeutet das, dass sie nicht nur Ziele und Visionen für das Unternehmen entwickeln, sondern auch mit Empathie auf die Mitarbeiter zugehen sollten. Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Veränderungsbereitschaft, nannte Rump als Schlagwörter.

In Bildung und Forschung investieren

Das mittlere Management in Bereichen, in denen viel Routinearbeit geleistet wird, sei bedroht von den technischen Innovationen, prognostizierte Rump. Auch wenn sie eine optimistische Grundhaltung vermittelte, so fürchtet sie doch, dass die negativen Aspekte wie Jobverluste sich früher bemerkbar machen als die positiven, also bestehe die Gefahr der steigenden Arbeitslosigkeit, sagte sie und fragte: „Was ist mit Leuten, die dann 25 Jahre einen guten Job gemacht haben? Wie geben wir denen eine Zukunft? “

Heil und Müller, die beiden Politiker in der Runde, versprachen deshalb, in Bildung und Forschung zu investieren, um die Bürger und das Land fit zu machen für die Veränderungen. Müller berichtete davon, dass durch die Hochschulen und Universitäten in Berlin die Grundlage für die Start-up-Szene gelegt worden sei. Und er erinnerte an sein geplantes Pilotprojekt „Solidarisches Grundeinkommen“.

Ersetzt die Blockchain bald den Notar?

Nur was auf die Menschen konkret zukommen wird, das blieb an diesem Abend ziemlich unkonkret. Was ist mit Microjobs, also dem Versuch, Aufträge in so kleine Einheiten aufzuteilen, dass sie für kleines Geld an Ein-Personen-Firmen vergeben werden können? Was ist mit der Blockchain-Technologie, von der es heißt, dass sie viele klassische Arbeitsabläufe übernehmen kann, so- dass Notare und Versicherungsangestellte überflüssig werden? Reiner Hoffmann, DGB-Bundesvorsitzender, ließ die Zuhörer zumindest aufhorchen, als er erzählte, dass schon heute Tracking-Bänder eingesetzt werden, um die Lagerarbeiter zu kontrollieren, die nie stehen bleiben sollen, weil sie dann nichts schleppen können.

Am Ende bat Lorena Jaume-Palasi die Unternehmen und ihre Mitarbeiter, die Arbeitswelt neu zu denken. Experten aus unterschiedlichen Bereichen sollten kooperieren, um Lösungen zu finden. So sei ein Team am Massachusetts Institute of Technology dabei, Kleidungsstücke mit eingearbeiteten lebenden Organismen zu entwerfen. Diese Erfindung könnte den menschlichen Körper entlasten. Zielgruppe seien Astronauten, sagte Jaume-Palasi. Müller dachte da vielleicht an seinen Kindheitstraum.