Industrie in Ostdeutschland: Glänzende Ausnahmen

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung wollte Schwarzmalerei nicht akzeptieren. Zwar habe es nach dem Fall der Mauer in den neuen Ländern einen Prozess der De-Industrialisierung gegeben, an dem auch die für die Privatisierung verantwortliche Treuhandanstalt nicht schuldlos sei, sagte die SPD-Politikerin Iris Gleicke. Seit dem Jahr 2005 jedoch sei die Industrie im Osten immerhin um fünf Prozent gewachsen.

Dass Gleicke sich auf die Industrie konzentrierte, war wiederum kein Zufall. Denn das Hanseatische Institut für Unternehmertum und regionale Entwicklung an der Universität Rostock hat einen „Atlas der Industrialisierung der Neuen Bundesländer“ angefertigt und diesen am Dienstag im Bundeswirtschaftsministerium vorgestellt, wo die 49-Jährige Parlamentarische Staatssekretärin ist. Dabei muss man sagen, dass es über weite Strecken weniger um die Industrialisierung als die De-Industrialisierung Ostdeutschlands ging.

Gleicke erklärte, die Industrie habe eine Motorfunktion. Sie sei wichtig für Forschung und Entwicklung sowie als Quelle für Produktivitätsfortschritte. Dabei gebe es in den neuen Ländern noch immer Defizite. Die Ost-Industrie sei weniger produktiv als die westdeutsche und international nicht so gut vernetzt. Die allermeisten Konzernzentralen stünden in den alten Ländern. In den neuen wiederum mangele es an Fachkräften, auch weil es zu wenige junge Leute gebe.

Die Ostbeauftragte mahnte: „Wir brauchen eine auf Ostdeutschland ausgerichtete Industriepolitik.“ Man müsse Innovationen fördern. Man müsse Unternehmensgründungen fördern. Man müsse Cluster fördern.

Nach der Politikerin sprach Gerald Braun, Autor der Rostocker Studie. Er schlug einen weiten historischen Bogen und sorgte überdies ein wenig für Zündstoff.

Braun referierte, dass Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bis 1939 das industrielle Herz Deutschlands gebildet hätten, nicht das Ruhrgebiet. Das Pro-Kopf-Einkommen habe hier 20 Prozent über dem anderer Regionen gelegen. Dynamische Unternehmer hätten die Szenerie beherrscht. Reparationszahlungen an Russland und die Einführung des Sozialismus hätten erfolgreiche Unternehmen dann fliehen lassen – vornehmlich in den Süden der westlichen Bundesrepublik. Das alles habe langfristige Folgen, die sich nicht von heute auf morgen beseitigen ließen. Derlei brauche Jahrzehnte.

Zwar gebe es auch im Osten die so genannten „Hidden Champions“ – Unternehmen also, die auf ihrem Gebiet Weltmarktführer seien, so Braun, der selbst aus dem Westen in den Osten ging und sich als „Wossi“ vorstellte. In Mecklenburg-Vorpommern entwickle sich der Tourismus gut. Thüringen, Gleickes Heimat, verfüge über eine „vielfältige Branchenstruktur“ – wie eine Karte auswies, vornehmlich entlang der Autobahn 4.

Es fehle an kreativen Köpfen

Braun machte allerdings auch auf die Schwierigkeiten aufmerksam. Es fehle an kreativen Köpfen. Und das Kapital neige dazu, sich in bedeutenden Großstädten anzusiedeln, von denen in Ostdeutschland wenige existierten. Überhaupt müsse man sich klar machen, dass heute drei wirtschaftliche Herausforderungen herrschten: die Globalisierung, der demografische Wandel und die zunehmend wissensbasierte Ökonomie. Mit diesen Herausforderungen stünden die neuen Länder nicht allein, sie kämen gewissermaßen noch dazu.

Die Überraschung bestand darin, dass der redselige Professor mit der Wirtschaftsförderungspolitik recht gnadenlos abrechnete – auch wenn jene Politikerin neben ihm saß, die diese Politik, zumindest was den Osten anbelangt, seit einigen Monaten in erster Linie verantwortet. Man könne „80 Prozent der Förderpolitik in der Pfeife rauchen“, sagte er. Und er sei oft „erstaunt über Projekte ohne hinreichende theoretische Basis“.

Bei der Infrastruktur werde eher zu viel des Guten getan, befand der Wissenschaftler. So gebe es in Mecklenburg-Vorpommern 22 Flughäfen oder Flugplätze. Und er wiederholte demonstrativ und mit einem hörbaren Ausrufezeichen: „in Mecklenburg-Vorpommern!“ Die Unternehmen selbst würden hingen zu wenig gefördert.

Das konnte Gleicke so natürlich unmöglich stehen lassen. Es stimme, „die Gießkannenzeiten sind vorbei“, räumte sie unumwunden ein. Die Einschätzung, dass man 80 Prozent der Förderpolitik in der Pfeife rauchen könne, teile sie aber ganz und gar nicht. Ziel müsse es sein, neue industrielle Kerne zu schaffen oder alte industrielle Kerne zu erhalten.

Ein bisschen war die Politikerin über den Gast aus dem Norden wohl auch verwundert.