In den Jahren nach dem Mauerfall ist Katharina Bluhm als Forscherin einem Menschenschlag nahegekommen, den es zuvor in der DDR gar nicht gab. Unternehmer, Existenzgründer, Firmenchefs. Sie versuchte herauszufinden, was die Menschen damals antrieb. Führte Interviews, verschickte Fragebogen. Ihre überraschende Erkenntnis nach den 25 Jahren: Die Industriefirmen im Osten stehen heute vor einer zweiten Zäsur.

Frau Bluhm, stimmt die Geschichte, dass nach dem Mauerfall die Wessis die ostdeutschen Betriebe übernommen und die Führungsposten besetzt haben?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. In den Kombinaten und Großbetrieben, die die Treuhand übernommen hat, wurden in der Tat westdeutsche Manager eingesetzt. Die Betriebe wurden verkleinert, zerlegt, meist entstanden Filialen, Tochtergesellschaften von westdeutschen Konzernen. Aber für die kleineren Firmen stimmt das nicht. Das sieht man bis heute. Die Industriestruktur in Ostdeutschland – meist Zulieferer für Firmen im Westen – ist durch Klein- und Mittelbetriebe bestimmt. Und da sitzen in der Regel Ostdeutsche auf den Chefsesseln, die Anteile an der Firma halten. Westdeutsche Leiter findet man heute noch eher in den größeren Betrieben, und sie haben seltener Firmenanteile.

Woher kamen die Ostdeutschen, die damals das Wagnis eingingen?

In dieser Gründungsphase 1990 bis ’92 waren es meist Menschen, die schon vorher in den Betrieben gearbeitet haben. Und das auch schon in Leitungsfunktionen, wenn auch nicht an erster Stelle. Daher spricht man auch von der Stellvertreter-Revolution. Die Firmen waren oft Ausgründungen: Der Leiter einer Forschungsabteilung etwa wagte den Sprung mit seiner Mannschaft in die Selbstständigkeit, ein Abteilungsleiter, ein Meister. Es handelt sich in der Tat überwiegend um Männer, obgleich der Anteil der Frauen in unserer Erhebung etwas höher liegt als im Westen.

Was trieb sie an?

Einige verwirklichten ihren Traum der unabhängigen Unternehmertätigkeit, den sie schon in der DDR geträumt haben. Andere knüpften an vorhandene Familientraditionen an, die nie ganz abgerissen waren. Rund acht Prozent der ostdeutschen Betriebe, die wir befragt haben, verweisen stolz auf eine 100-jährige Existenz, also Traditionslinien auch durch die DDR-Zeit hindurch – im Westen sind es übrigens zehn Prozent. Manche Existenz entstand aus purer Not heraus. Da stand man vor der Frage, wagen wir es selbst oder verlieren wir den Job. Beide Motive haben sich aber auch oft überlappt.

Wie schnell war den Menschen klar, dass sich etwas ändern muss?

Das ging wie im Zeitraffer. In der Textilindustrie zum Beispiel war nach einem Jahr nur noch ein Zehntel der Belegschaften in Lohn und Brot. Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 waren sofort fast alle Absatzmärkte für die ostdeutschen Betriebe weg. Der Druck war ungeheuer groß.

Wie muss man sich diesen Gründungs-Prozess in den Betrieben von damals vorstellen? Man stand zusammen und entschied, du musst das jetzt machen?

Es gab zwei Phasen. In der ersten von Herbst 1989 bis zur Währungsunion haben die Belegschaften ihre Betriebsleiter in der Tat zur Verantwortung gezogen, abgesetzt und neue installiert. Es wurden Betriebsräte gebildet, Konzepte erarbeitet und diskutiert.

Eine Art demokratischer Kapitalismus?

Naja, demokratischer Kapitalismus ist zu viel gesagt. Aber es gab schon eine sehr starke Phase der Mitbestimmung.

Und die zweite Phase?

Die begann mit der Währungsunion und der Treuhand. Als die Treuhand anfing, war schnell klar, die Fahrt geht in Richtung Privatisierung. Es entstand eine gewaltige Dynamik. Zwischen 1990 und 1992 öffnete sich das Gelegenheitsfenster für Firmengründer.