Brüssel - Die Worte saßen. Vom „Sanierungsfall“ sprach der Redner und davon, dass Europa die wahre Lage noch nicht genügend erkannt habe. Das Problem ist: Der Redner hieß Günther Oettinger und er ist als EU-Kommissar selbst Teil eben jenes Europa. Aber im erlesenen Kreis der Deutsch-Belgisch-Luxemburgischen Handelskammer setzte Oettinger zu einer schonungslosen Analyse an. Just einen Tag bevor sein Kollege Olli Rehn die sanfte Abkehr vom Sparkurs verkündete, polterte der Deutsche. Es oettingerte wieder mal in Brüssel.

Das macht Günther Oettinger, 59, gern. Mal schlug er vor, die Flaggen von Schuldenstaaten in Brüssel auf Halbmast zu setzen. Mal regte er an, den Sanierungsfall Griechenland von EU-Beamten verwalten zu lassen. Stets gilt die Regel: Je kleiner die Runde, umso größer die Chance auf einen echten Oettinger: „Die neue Rote Armee von Putin sind die russischen Energievorkommen, Kohle, Gas und Öl“, klagte Oettinger im Vorjahr vor einer trauten Gruppe von deutschen und amerikanischen Journalisten im Badischen.

Unberechenbarer Querschläger? Nein, gezielte Provokationen von Kommissar Poltergeist. Oettinger pflegt das schwäbisch-kräftige Wort. In Brüssel ist er seit 2010 für Energiepolitik zuständig. Ein wichtiges Ressort. Er setzt auf weniger Abhängigkeit von Russland und billiges Öl. Doch über all die Debatten um Steueroasen drohte im Vorfeld des jüngsten Gipfels seine Agenda unterzugehen. Also setzte er in der Presse eine gezielte Attacke und warb für billiges Schiefergas. Sein Thema war zurück. Oettinger auch.

Konservatives Profil

Der Mann hat eine Mission: Er macht Politik für die Industrie. Für die deutsche Industrie. „Hat er eine nicht-deutsche Firma genannt“, fragte jüngst ein französischer Beobachter den Nebenmann nach einer Oettinger-Rede. Der mischt sich in Brüssel gern ein in die Dossiers der Kollegen. Mal kämpft er gegen Auflagen für deutsche Autos beim Spritverbrauch. Mal versucht er, für den Autobauer Daimler ein teures Kühlmittel zu stoppen.

Cheflobbyist, schimpfte ihn Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin jetzt. „Ich habe keine Industrieakte“, kontert Oettinger solche Vorwürfe. Wohl aber ein Projekt. Oettinger hintertreibt den Atomausstieg der Kanzlerin mit einer feinen Strategie. Über hohe Stromkosten für die Kunden, klagt der Kommissar. Merkels Umfeld sagt: Hohe Stromrechnungen sind was für die Sozialpolitik.

Angela Merkel war es auch, die den württembergischen CDU-Ministerpräsidenten nach Brüssel wegbeförderte. Eine mehr als unglückliche Trauerrede auf seinen NS-belasteten Vorgänger Hans Filbinger lag da hinter ihm. Und sein konservatives Profil lähmte Merkels Erneuerungskurs der Union. Statt seiner entschied man sich in Stuttgart aber nicht für die Kanzlerin-Intima Tanja Gönner, sondern für den kernigen Stefan Mappus. Dann kam 2011 Fukushima. Und die grüne Wende im Ländle.

Dort regiert jetzt Grün-Rot. Auch die alten Mitstreiter Roland Koch und Christian Wulff sind weg. Nur Oettinger steht noch auf der politischen Bühne. Aber wenn es in der württembergischen Landesvertretung in Brüssel spätabends hinabgeht in die Schwarzwaldstube, kennt Oettinger, so heißt es, auch das lokalste Detail der heimischen Politik. Oettinger spielt nun in einer anderen Liga. Innerlich aber ist er oberster Schwabe geblieben.