Eigentlich ist es eine gute Nachricht: Der Euro ist sehr stabil. Im November betrug die Inflationsrate im Euro-Raum nur 0,9 Prozent. Das war zwar etwas mehr als die 0,7 Prozent vom Oktober. Dennoch bleibt die Geldentwertung gering. Was Konsumenten und Sparer freut, das macht den Staaten Sorgen. Denn die niedrige Inflation behindert sie bei der Erreichung ihres zentralen Ziels: dem Schuldenabbau. Warum?

Zum einen erhöht die sinkende Inflation den realen Zins, den Länder auf ihre Schulden zahlen müssen. Beispiel Spanien: Zwar sind die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen in den vergangenen Monaten von fünf Prozent auf vier Prozent gesunken. Das klingt gut. Real – also abzüglich der Verbraucherpreisinflation – ist der Zins aber gestiegen und zwar von 2,3 auf 3,8 Prozent. Grund: Die Inflationsrate Spaniens ging von 3,0 auf 0,3 Prozent zurück. Profiteure sind Spaniens Gläubiger, deren reale Rendite wächst.

Misst man die Inflation nicht am Verbraucherpreisindex, sondern am breiter gefassten BIP-Deflator, so beträgt der Realzins für Madrid immer noch 3,7 Prozent. Damit ist die Zinslast sehr viel schwerer. Denn die Differenz zwischen Zins und dem Wirtschaftswachstum ist riesig: Zwar ist die spanische Wirtschaft auf dem Weg der Erholung, dennoch schrumpfte sie im dritten Quartal immer noch mit einer Jahresrate von real 1,1 Prozent. Diese Zins-Wachstums-Differenz macht es Madrid außerordentlich schwierig, seine Schuldenlast zu senken.

Die niedrige Inflation erhöht nicht nur den realen Zins. Sie drückt auch das nominale Wirtschaftswachstum (Realwachstum plus Inflationsrate). Noch einmal Beispiel Spanien: Im dritten Quartal schrumpfte die Wirtschaftsleistung um real 1,1 Prozent. Plus Inflationsrate von 1,3 Prozent ergibt sich ein leichtes Plus beim nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,2 Prozent. Hätte die Inflation jedoch beim Zielwert der Euro-Zentralbank gelegen – also bei etwa zwei Prozent – so wäre Spaniens BIP im dritten Quartal nominal um 0,9 Prozent gewachsen. Damit hätte der staatlichen Gesamtschuld eine größeres BIP gegenübergestanden.

Und um diese Größe geht es letztlich – um die Schuldenquote, also das Verhältnis von Gesamtschulden zur nominalen Wirtschaftsleistung, aus der die Schulden letztlich bedient werden. Hier ist in Europa trotz aller Sparbemühungen bislang wenig erreicht worden. In fast allen größeren Euro-Ländern „ist man dem Minimalziel einer Stabilisierung der Schuldenquote 2013 nicht näher gekommen“, schreibt die Bank M.M. Warburg. Ausnahme Deutschland, weil hier die Wirtschaft etwas wächst und gleichzeitig die Zinsen sehr niedrig liegen.

2014 dürfte die Schuldenquote in vielen Euro-Staaten weiter zulegen. Zwar wächst die reale Wirtschaftsleistung voraussichtlich wieder. „Gleichzeitig aber sind die Inflationsraten gesunken, so dass der positive ’reale’ Effekt bei der Betrachtung der nominalen Wachstumsraten, die hier von entscheidender Bedeutung sind, abgeschwächt wird“, fasst M.M. Warburg zusammen. Einfach gesagt: Es gelingt den Staaten nicht, ihre Schulden wegzuinflationieren. Was ihren Gläubigern sicher Freude macht.