Inflation: Die Stunde der Spekulanten

Weil der Dollar die Weltleitwährung ist, können die USA ihre Inflation exportieren. Geschickte Anleger streichen jetzt hohe Profite ein.

Forex-Händler der KEB Hana Bank  in Seoul, Südkorea.
Forex-Händler der KEB Hana Bank in Seoul, Südkorea.AP

Der Ankauf von britischem Pfund sei, als würde man „Honig von einer Rasierklinge ablecken“. Der Vergleich stammt von einem Spekulanten, der der Financial Times (FT) erklärte, wie er im aktuellen weltweiten Inflationsumfeld hohe Gewinne einstreichen kann: Viele sogenannte Hegdefonds wetten gegen Währungen und erwarten deren Absturz.

Das britische Pfund hat Anfang dieser Woche einen historischen Absturz hingelegt, nachdem die neue britische Premierministerin Liz Truss verkündet hatte, es sein nun endlich an der Zeit, die Steuern für die Reichen und für profitable Unternehmen zu senken.

Viele Investoren wurden von der Ankündigung der Regierung in London überrascht, weil völlig unklar ist, wie bei einem weitreichenden Steuerverzicht der sehr reichen Briten das Sozialsystem finanziert werden soll. Wer jedoch Insiderwissen hat und politisch gut vernetzt ist, kann angesichts der globalen wirtschaftlichen Verwerfungen enorme Renditen erzielen. Offiziell betreiben viele der Spekulanten „gründlichste Analyse und originäre Recherche“, wie etwa das Unternehmen Odey Asset Management auf seiner Website schreibt.

Odey hat in diesem Jahr unter anderem mit Währungsspekulation eine Rendite von 145 Prozent gemacht. Gründer Crispin Odey bestreitet in der FT, dass sein Unternehmen von den berüchtigten Drehtüren profitiert, durch die Banker gehen, um Politiker zu werden. Der neue britische Finanzminister Kwasi Kwarteng habe zwar zuvor für Odey gearbeitet. Doch die von vielen Ökonomen als wahnwitzig bezeichnete Idee, die Superreichen zu entlasten, sei den Spekulanten seines ehemaligen Dienstherren völlig unbekannt gewesen.

Professionelle Spekulanten haben es im Moment relativ einfach. In normalen Zeiten sind diese sogenannten Shortseller sehr wichtig, weil sie Unternehmen oder Staaten in der Tiefe analysieren und dann ihr eigenes Geld darauf verwetten, dass schlecht geführte Unternehmen oder korrupte Staaten bankrottgehen. Diese Spekulanten sind wichtige Korrektoren bei Exzessen oder Fehlentwicklungen.

Im Fall des früheren deutschen Hoffnungsträgers Wirecard hatten Shortseller schon frühzeitig das Betrugsschema durchschaut. Die Anleger hätten ihren Kassandra-Rufen Glauben schenken sollen. Die weltweiten Schwächen vieler Marktteilnehmer sind dagegen nicht in erster Linie darauf zurückzuführen, ob ein Staat gut oder schlecht geführt ist oder ob ein Unternehmen balancierte Absatzmärkte hat und über ein diversifiziertes Produktportfolio verfügt.

Viele akute Probleme rühren daher, dass die Vereinigten Staaten von Amerika wegen des Dollars in der Lage sind, ihre Inflation zu exportieren. Denn der Dollar ist die einzig relevante Weltleitwährung. Er ist so stark wie schon lange nicht. Viele internationale Transaktionen werden auf Dollar-Basis abgewickelt. Laut Einschätzung des Internationalen Währungsfonds sind 40 Prozent aller internationalen Geschäfte Deals in Dollar. Energie, Lebensmittel, Medizin oder Rohstoffe werden meist in US-Dollar fakturiert. Wer also internationale Waren und Dienstleistungen einkauft, muss wegen des starken Dollars mehr bezahlen. Außerdem sind die meisten internationalen Schulden in Dollar nominiert. Das bedeutet: Jede Kreditrate wird höher, wenn der Dollar steigt.

Ein Teufelskreis für schwächere Länder

Vor allem für schwächere Länder und solche, die viel Energie einkaufen müssen, ist das ein Teufelskreis. Nigeria, Kenia, Argentinien, Somalia und Ägypten befinden sich nach Einschätzung der New York Times unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Ihre Währungen ebenfalls stark abgewertet haben China, Japan, Brasilien, Tunesien oder Südkorea. Sie stecken in einer Falle, aus der ihnen auch ihre jeweiligen Notenbanken nicht heraushelfen können. Das Ergebnis ist eine steigende weltweite Verunsicherung, die in Unruhen und blutige Auseinandersetzungen münden kann.

Einzelne Staaten versuchen Sonderwege: So will die Türkei ihre Zinsen trotz einer Rekordinflation von 80 Prozent nicht erhöhen. Die offiziellen türkischen Zahlen sind im Übrigen vermutlich viel zu positiv, im Land spricht man davon, dass die Lira längst eine Entwertung von 100 Prozent hinter sich hat. Eine der wenigen Währungen, die sich dem globalen Trend entziehen kann, ist der russische Rubel. Russland profitiert trotz seines Angriffskriegs gegen die Ukraine ausgerechnet von der Tatsache, dass das Land einseitig auf Rohstoffe setzt, die wiederum in der Währung des Erzfeindes USA bezahlt werden.

Die US-Notenbank ihrerseits treibt die Inflation in aller Welt nicht mutwillig voran, sondern ist selbst Getriebene: Die Federal Reserve (Fed) muss die Zinsen erhöhen, um ein Überschießen der Inflation in den USA zu verhindern. Denn die US-Wirtschaft ist unverändert die wichtigste der Welt, und ohne die US-Konsumenten würde sich ein globaler Niedergang stark beschleunigen. Schon in den 1990er-Jahren hatte der legendäre Fed-Chef Alan Greenspan gesagt, die USA müssten auch die globalen Auswirkungen ihrer geldpolitischen Entscheidungen bedenken. Doch bleibt den Währungshütern aktuell keine Wahl: Sie können bei der Begrenzung des Schadens für ihre eigene Volkswirtschaft auf niemanden Rücksicht nehmen.

Großbritannien: Mutterland der Spekulanten

Für die Spekulanten ist die Rechnung dagegen einfach: Länder mit hohen Schulden, geringer eigener Wertschöpfung und großer Abhängigkeit von Energieimporten sind die ersten Adressen, gegen die gewettet wird. Nach dem völlig misslungenen Brexit ist auch das Mutterland der Spekulanten, Großbritannien, ein begehrtes Objekt für Attacken. Die Branche erwartet, dass das britische Pfund bald Parität mit dem Dollar erreichen wird. In weniger als 15 Jahren hätte sich der Wert des Sterling dann halbiert.

Eine Entspannung ist nämlich nicht in Sicht. Am größten Containerhafen Großbritanniens haben große Teile der Belegschaft am Dienstag die Arbeit niedergelegt. Die Gewerkschaften lehnen das Angebot der Arbeitgeber - sieben Prozent und eine Einmalzahlung von 500 Pfund mit der Begründung ab, dies sei angesichts der explodierenden Inflation immer noch ein Reallohnverlust.