Berlin - Ein legendärer Vergleich lautet so: Mit der Inflation ist es wie mit Zahnpasta. Ist sie erst aus der Tube, bekommt man sie nur schwer wieder hinein. Der frühere Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl prägte dieses Bonmot zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 1980. Das ist lange her. Doch inzwischen klingt die Warnung wieder aktuell. Wie das Statistische Bundesamt zu Beginn der Woche bekannt gab, lag die Inflationsrate in Deutschland im Mai bereits bei 2,5 Prozent. Ein Zehnjahreshoch.

Es sind vor allem die Energiepreise, die die Teuerungsrate aktuell antreiben. Rohöl etwa kostet fast so viel wie vor der Pandemie. Im Vorjahresvergleich hat sich Energie um 13 Prozent verteuert. Die Benzinpreise in Deutschland sind auf den höchsten Stand seit zwei Jahren gestiegen. Auch Rohstoffe wie Holz, Stahl und Kunststoff sind knapp geworden. Und damit teuer. Auf den Baustellen spitzt sich das Materialproblem zu. Im Hochbau haben laut ifo-Institut 43,9 Prozent der Firmen Probleme, rechtzeitig Baustoffe zu beschaffen. Im Tiefbau sind es 33,5 Prozent. Die Preise für Schnittholz sind in den vergangenen Monaten nahezu explodiert. Auch andere Industrien klagen über Rohstoffmangel. Die Verbraucher spüren es – beim Bezahlen. 

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: US-Bureau of Labor Statistics, Destatis, Eurostat, dpa

Die Bundesbank rechnet mit Inflationswerten von vier Prozent

Die lange Phase niedriger Inflationsraten in Deutschland scheint vorerst vorbei zu sein. Und die Preise ziehen nicht nur in der Bundesrepublik an. Auch im Euro-Raum sprang die Teuerungsrate im Mai erstmals seit zweieinhalb Jahren wieder auf zwei Prozent. In den USA, wo Präsident Joe Biden mit Billionenschweren Konjunkturpaketen das Wachstum befeuert, lag die Inflation zuletzt bei 4,2 Prozent und damit deutlich höher als von Ökonomen erwartet. Ähnliche Werte hält auch die Bundesbank gegen Endes des Jahres in Deutschland für möglich. 

Die spannende Frage lautet: Sind die steigenden Preise nur ein vorübergehendes Phänomen? Die Weltwirtschaft befindet sich schließlich im Aufschwung. Oder kündigt sich eine neue, womöglich jahrelange Phase mit höheren Inflationsraten an – so, wie es bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren in Deutschland der Fall war?  

Timo Wollmershäuser ist gelassen. Der Konjunkturchef des ifo-Instituts sieht in den aktuellen Inflationszahlen ein vorübergehendes Phänomen. „Wir werden im Sommer mit Sicherheit die Drei-Prozent-Marke noch reißen“, sagte der Finanzwissenschaftler der Berliner Zeitung. Das hänge damit zusammen, wie Inflation gemessen wird – nämlich im Vorjahresvergleich. Damals, direkt nach dem Corona-Crash, waren nicht nur die Energiepreise niedriger. Die Bundesregierung senkte auch die Mehrwertsteuer auf 16 Prozent ab. Seit Januar gilt wieder der reguläre Satz von 19 Prozent. Außerdem wird CO2 nun mit 25 Euro pro Tonne bepreist. Auch das schlägt sich in der Inflationsrate nieder. „Diese Effekte sehen wir aktuell, aber nicht mehr im nächsten Jahr“, sagt Wollmershäuser. Wenn die Energiepreise bis dahin stabil bleiben, könnten sich die hohen Inflationswerte tatsächlich als temporäres Phänomen erwiesen haben.

Es ist die Geldpolitik, die letztlich darüber entscheidet, ob Inflation zugelassen wird. Das Mandat der Europäischen Zentralbank (EZB) sieht vor, dass die Teuerungsrate im Euroraum mittelfristig unter zwei Prozent bleiben soll. Schießt sie für längere Zeit darüber hinaus, müssen die Währungshüter gegensteuern: Die EZB kann zunächst den Ankauf von Staatsanleihen herunterfahren. Reicht das nicht aus, bleibt immer noch die Leitzinserhöhung. Doch davon ist der Euroraum weit entfernt.

Inflation: Auf die Glaubwürdigkeit der Zentralbank kommt es an

Zumal steigende Preise, gerade jetzt, ein gutes Zeichen sind. Die Wirtschaft wächst, es wird investiert, neue Arbeitsplätze entstehen. Nach dem heftigen Konjunktureinbruch durch Corona besteht Aufholbedarf. Die deutsche Wirtschaftsleistung könnte in diesem Jahr um 3,5 Prozent zulegen. „Es ist gut, dass die Nachfrage anzieht“, sagt auch Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitus (HWWI). In der Krise habe der Staat die privaten Einkommen und das Kapital der Unternehmen geschont, damit die Konjunktur schnell wieder anspringt. Das tut sie jetzt. Gleichzeitig trifft so eine hohe Nachfrage auf ein Angebot, das sich noch nicht vollständig erholt hat. „Dass wir dadurch Inflationswerte von zwei oder drei Prozent haben, ist okay“, sagte Vöpel der Berliner Zeitung. Die Zentralbank müsse nur glaubwürdig versichern, dass steigende Preise nicht von Dauer seien. „Das ist die große Kunst der Geldpolitik“, so der Ökonom. 

Gelingt das nicht, ist man schnell bei Ex-Bundesbankpräsident Pöhl und seiner Zahnpasta-Metapher. Steigende Preise führen zu steigenden Lohnforderungen, die wiederum zu steigenden Preisen führen. Eine Spirale, die sich verselbstständigt. „Dann haben wir genau die Inflationsprozesse, die schwer einzufangen sind“, sagt HWWI-Forscher Vöpel. 

Allerdings sind die Tariflöhne in Deutschland laut Statistischem Bundesamt im ersten Quartal lediglich um 1,3 Prozent gestiegen. Zumindest von dieser Seite geht noch keine Gefahr für die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale aus. Bleibt es dabei, könnte die Angst vor Inflation vor allem eines sein: ein Schreckgespenst, das schon bald wieder vorüberzieht.