Berlin - Die Inflation in Deutschland zieht weiter an. Nach vorläufigen Berechnungen sind die Verbraucherpreise im August um 3,9 Prozent gestiegen. Das teilte das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mit. Damit ist die Inflation auf ein 28-Jahres-Hoch geklettert. Im Dezember 1993 hatten die Statistiker zuletzt einen höheren Wert ermittelt: Damals lag die Inflation in der Bundesrepublik bei 4,3 Prozent.

Getrieben wird die Teuerung aktuell vor allem durch den robusten Aufschwung und steigende Energiepreise. So zahlen Verbraucher fürs Heizen und Tanken 12,6 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. In Deutschland gilt seit Januar ein CO2-Preis. Pro Tonne Kohlendioxid werden 25 Euro fällig. Auch Nahrungsmittel haben sich um 4,6 Prozent verteuert. Seit Sommer geht es mit den Inflationszahlen beständig nach oben. Im Juni lag die Rate noch bei 2,3 Prozent. Sprunghaft zog das Preisniveau im Juli an und lag mit 3,8 Prozent auf einem ähnlich hohen Niveau wie aktuell. 

Inflation: Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung schlägt voll durch 

Hinzu kommt: In den aktuellen Inflationszahlen macht sich die Rücknahme der temporären Mehrwertsteuersenkung voll bemerkbar. In der Corona-Krise wollte der Bund den Konsum ankurbeln. Die schwarz-rote Koalition hatte dafür die Mehrwertsteuer befristet von Juli bis Dezember letzten Jahres von 19 auf 16 Prozent gesenkt. Seit Januar gilt wieder der reguläre Satz. Damit sind auch die Preise in Deutschland automatisch gestiegen – ein Effekt, der sich in den aktuellen Inflationszahlen bemerkbar macht. Die Teuerungsrate wird jeweils im Vergleich zum Vorjahresmonat gemessen.

Ökonomen gehen davon aus, dass der Druck auf die Verbraucherpreise auch in den kommenden Monaten hoch bleiben wird. Vorübergehend sind sogar Inflationswerte von vier bis fünf Prozent möglich. Die Bundesbank rechnet fürs Gesamtjahr mit einem Preisauftrieb von 2,6 Prozent. Zuletzt lag die Inflation in Deutschland im Jahr 2011 über der Zwei-Prozent-Marke (2,1 Prozent). 

Inflation: Die EZB hat sich mehr Flexibilität verschafft 

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte angesichts steigender Preise im Euroraum zuletzt ihre geldpolitische Strategie angepasst und sich mehr Flexibilität beim Umgang mit vergleichsweise hohen Inflationsraten verschafft. Statt „unter, aber nahe zwei Prozent“ streben die Frankfurter Währungshüter nun eine jährliche Teuerungsrate von zwei Prozent an. Auch ein vorübergehendes Überschießen der Inflation über den Zielwert wird akzeptiert. 

Die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale – also höhere Lohnforderungen der Gewerkschaften als Reaktion auf steigende Preise, die die Teuerungsrate weiter antreiben – ist indes nicht zu befürchten. Im zweiten Quartal stiegen die Tarifverdienste in Deutschland um 1,9 Prozent, die Verbraucherpreise zogen um 2,4 Prozent an. Unterm Strich mussten die Beschäftigten also Reallohnverluste hinnehmen.