Plötzlich ist das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwunden. „Die hohe Inflation ist eine größere Herausforderung für uns alle“, sagt Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) an diesem Donnerstag in Amsterdam. Zuvor hatte sie sich noch gefreut, dass die Notenbanker nach der Corona-Isolation einander endlich wieder real treffen konnten. In Amsterdam, der Stadt des Handels, einer Metropole der Vorphasen der Globalisierung, die goldene Zeiten erlebt hat; aber auch das Platzen der ersten Spekulationsblase, als im 17. Jahrhundert plötzlich Tulpenzwiebeln zu aberwitzigen Preisen gehandelt wurden. Viele naive Anleger verloren ihre Ersparnisse, weil sie der Versuchung des schnellen Geldes erlegen waren.

Sie wurden eingeholt von der Realität, wie jetzt auch die Chefin der EZB. Sie nennt als ersten Grund für die hohe Inflation den drastischen Anstieg der Preise für Energie und Lebensmittel, unter anderem eine Folge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Lagarde sagt, dass die Inflation noch längere Zeit „unerwünscht“ hoch bleiben werde. Lockern werde sich der Druck erst, wenn die Energiepreise sich wieder einpendeln. Doch wohin? Und wer wird das veranlassen, mit welchem Erfolg? Sorgenvoll zieht Lagarde die Augenbrauen nach oben. Man merkt ihr an: Sie weiß auch nicht, wie es weitergeht. Sie ist ratlos.

Selten herrschte so viel Chaos

Steuern ist schwierig geworden. Wegen der Lockdowns und der fortgesetzten Null-Covid-Politik Chinas ist die global angelegte Wirtschaftsordnung aus den Fugen geraten. Erstmals wurde in der Pandemie weniger Erdöl gefördert als in all den Jahrzehnten davor. Fast alle Staaten der Welt standen schon vor Corona hoch verschuldet da und haben sich in der Krise noch weiter verschuldet. Die EZB hielt die Zinsen niedrig, um einen Crash zu verhindern.

In Europa und besonders in Deutschland wurde zur selben Zeit ein historisches Investitionsprojekt der Klimarettung auf die Startrampe geschoben: Mit der Energiewende soll der CO2-Ausstoß reduziert werden. Plötzlich kamen der Ukrainekrieg und die Isolation Russlands von den Weltmärkten. Schlagartig stiegen die Preise. Selten herrschte so viel Chaos. Wie kommen wir raus aus dem Dilemma? Gerät die Inflation außer Kontrolle? Werden wir uns im kommenden Winter das Heizen noch leisten können?

Die Lage ist so herausfordernd wie lange nicht mehr

Hans-Werner Sinn, seit langem Chef des Münchner Ifo-Instituts, warnt seit vielen Jahren, dass die Schulden-Exzesse in einer Inflation münden werden. Sein aktueller Befund ist ernüchternd: „Es steht fest, dass eine außergewöhnlich massive Inflationswelle den Euroraum erfasst hat.“ Es gebe eine regelrechte Explosion bei den Preisen. „Die gewerblichen Erzeugerpreise sind um 33,5 Prozent gestiegen – das ist bei weitem der höchste Anstieg in der Geschichte der Bundesrepublik.“ Die Erzeugerpreise schlagen laut Sinn erfahrungsgemäß zu einem Drittel auf die Preise für die Konsumenten durch. Es gäbe dazu „Selbstverstärkereffekte wie etwa Vorziehkäufe der Firmen bei ihren Lieferanten aufgrund geänderter Inflationserwartungen oder auch eine Preis-Lohn-Preis-Spirale“. Sinns Prognose: „In diesem Jahrzehnt wird die Inflation hoch bleiben.“

Folker Hellmeyer, Analyst bei der Fondsgesellschaft Netfonds und vormals legendärer Augur der Bremer Landesbank, ist eigentlich kein geldpolitischer Falke. Heute sagt er: „Der Krieg in der Ukraine hat einen erheblichen Inflationsimpuls gesetzt. Betroffen sind die Bereiche Energie, Rohstoffe und Lebensmittel. Die Lage ist so herausfordernd wie noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.“

Die EZB kann nur wenig tun

Viele Marktbeobachter hatten über Jahre die weltweite Nullzinspolitik beklatscht, weil sie für clevere Spekulanten Möglichkeiten brachte wie seit der niederländischen Tulpen-Manie nicht. Heute herrscht Ernüchterung, weil die EZB ihr Pulver verschossen haben könnte. Hans-Werner Sinn: „Staaten und Zentralbanken haben mit der Druckerpresse die Nachfrage angeheizt, und das ist natürlich ein Treiber der Inflation.“ Die EZB müsste eingreifen, tue „das aber nicht, denn die hochverschuldeten Staaten wollen ihre Schulden weginflationieren“.

Stefan Kooths, Direktor am Forschungszentrum Konjunktur und Wachstum am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel), sagt: „Die Schuld liegt nicht nur bei den Notenbanken. Die wenig disziplinierte Finanzpolitik hat die Geldpolitik erschwert.“ Der Analyst Hellmeyer sieht die Möglichkeiten für die EZB prinzipiell begrenzt: „Der Krieg ist ein exogener Faktor, der nicht durch die Geldpolitik einer Zentralbank kontrolliert werden kann.“ Würde die EZB jetzt die Zinsen drastisch erhöhen, würde der Stress erhöhter Kosten noch deutlich zunehmen. Die EZB könne „nur auf Kräfte steuernd einwirken, die endogen sind, wie etwa die Lohn-Preis-Spirale in einem Währungsraum“, so Hellmeyer.

Für die Energiewende würden erhebliche Investitionen benötigt

Besonders schwierig ist die Steuerung für die EZB in einer Zeit, in der Europa und Deutschland einen ambitionierten Umbau der gesamten Wirtschaft und Gesellschaft vorantreiben: Mit der Energiewende soll das Ende der fossilen Brennstoffe eingeleitet, die Klimakatastrophe abgewendet werden. Dieses Projekt ist eigentlich ein Investitionsvorhaben – und ausgerechnet jetzt scheinen der EZB die Hände gebunden zu sein.

Der Ökonom Kooths erklärt das Dilemma: Für die Energiewende würden erhebliche Investitionen benötigt, ohne dass dadurch auf absehbare Zeit die Produktionskapazitäten zunehmen. Insgesamt müsste das an den Kapitalmärkten die Zinsen steigen lassen. Wenn nun aber die Notenbanken wegen der Schuldenkrise „dagegenhalten und die Zinsen niedrig halten wollen, werden die Produktionsmöglichkeiten überfordert, was sich dann nur noch inflationär entladen kann“.

Die Politik müsse den Wählern reinen Wein einschenken

Hans-Werner Sinn sagt: „Die Energiewende verstärkt die durch die Pandemie ausgelöste inflationäre Entwicklung: Mit Zwang werden Unternehmen und Bürger dazu gebracht, eine teureres Produkt zu wählen, als sie es sonst tun würden.“ Die höheren Kosten träfen die Konsumenten zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Sinn: „Wir haben in der Industrie seit 2018 bereits eine massive Rezession, weil die Autobauer vor allem wegen der Beschränkungen für die Verbrennungsmotoren ihre Produktion halbiert haben.“

Kooths sagt, die Politik müsse den Wählern reinen Wein einschenken: „Die Energiewende ist kein Wachstumsprogramm. Sie wird nur mit erheblichem Konsumverzicht funktionieren. Der Verbraucher wird die Energiewende bezahlen müssen.“ Kooths liefert ein konkretes Beispiel, wie der Konsumverzicht aussehen könnte: „Heizen wird teurer. Wenn Sie ein Eigenheim besitzen, müssen Sie auf den Urlaub verzichten, um die Heizung auf regenerative Energien umzustellen. Und das müssen Sie einige Jahre lang machen, denn die Energiewende ist ein langfristig angelegtes Investitionsprogramm. Wir sprechen von 20 Jahren.“

Die Phase der Umstellung wird durch den Ukrainekrieg verschärft

Der Konsumverzicht werde „wohl mindestens zehn Jahre dauern müssen, eher länger“. Es helfe nicht, die Leute in falscher Sicherheit zu wiegen: Die Idee, man könne „Entlastungspakete schnüren“, sei eine Illusion. Nichts zu tun sei aber auch keine Option. Kooths: „Die schlechteste Variante wäre, wenn man die Sache über die Inflation laufen lässt.“

Dass die Kosten hoch bleiben, steht für Hans-Werner Sinn außer Frage: „Wind und Solar können den Energiebedarf nicht decken. Es braucht doppelte Strukturen mit regelbarer konventioneller Energie, um die sogenannten Dunkelflauten auszugleichen. Und das ist teuer.“

Die Phase der Umstellung wird durch den Ukrainekrieg verschärft. Sinn sagt: „Die große Abhängigkeit von russischem Gas und Öl war ein Fehler. Aber man sollte jetzt nicht das Kind mit dem Bad ausschütten. Billiges Erdgas kann eine sinnvolle Brückentechnologie sein.“

Es gibt keine kurzfristigen Lösungen für die Inflation

Die Idee, dass „durch die Russland-Sanktionen der CO2-Ausstieg beschleunigt wird, ist falsch“, sagt Kooths. Es werde lediglich teurer, weil die Kosten für die Übergangstechnologie Gas steigen. Der Krieg habe den Fahrplan komplett durcheinandergebracht: „Wir haben eigentlich darauf gesetzt, durch billiges Erdgas eine Brückentechnologie zu haben, die uns den Umstieg erleichtert. Jetzt wird die Brückentechnologie teurer.“ Folker Hellmeyer erklärt: „Die Kosten von Flüssiggas (LNG) sind konservativ geschätzt fünfmal höher als jene von Gas aus Russland, und die werden natürlich von den Verbrauchern zu bezahlen sein.“

Hans-Werner Sinn ist daher überzeugt, dass es eine kurzfristige Lösung geben muss, die sich in der einen oder anderen Wortmeldung aus dem politischen Bereich bereits abzeichnet: „Es wird darauf hinauslaufen, dass wir den Energiebedarf in Deutschland mit Kernenergie aus Frankreich decken werden.“ Sinn geht davon aus, dass Deutschland die drei noch bestehenden Kernkraftwerke am Netz lassen werde: „Nur ein grüner Wirtschaftsminister kann den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken durchsetzen.“ Die höhere Nachfrage nach französischer Kernenergie werde allerdings „auch den Preis dieser eigentlich sehr billigen Energieform nach oben treiben“.

Die Produktion muss stärker lokal stattfinden

Netfonds-Ökonom Hellmeyer sieht eine weitere Dimension der aktuellen Preisexplosion: „Die Inflation ist eine Folge der Entglobalisierung, die wir seit einigen Jahren erleben.“ Die Globalisierung zwischen 1990 bis 2015 habe eine „disinflationäre Wirkung“ gehabt, habe also die Inflation verhindert. Auf einem globalen Arbeitsmarkt sei es etwa möglich, Kosten zu drücken und damit Preise niedrig zu halten. Wegen der vielen Krisen sei ein globales Umschichten heute schwieriger, weshalb es trotz einer schwachen Konjunktur im Westen einen Arbeitskräftemangel gebe.

Die Produktion werde in Teilen zurückgeholt. In den Hochlohnländern entstehen neue Arbeitsplätze. Dies habe auch Vorteile für die Arbeitnehmer. Hellmeyer: „Der Produktionsfaktor Arbeit kann jetzt einen höheren Anteil an der Produktivitätsdividende erzielen.“ Für die Geldpolitik bedeutet diese Entwicklung: „Die Jahre der Niedrigzinsen waren eine historische Anomalie. Wir kehren jetzt wieder in die klassischen Muster von vor 1990 zurück.“

Die Rückführung der Globalisierung habe zur Folge, dass Güter, die für eine Volkswirtschaft lebensnotwendig sind, zu größeren Teilen wieder lokal produziert werden. Einige Felder würden neu geordnet, wie etwa die IT. Hier werde es global betrachtet Überkapazitäten geben. Deswegen erhöhen sich Kosten für die Unternehmen. Das Modell der „just in time“-Lieferketten werde nicht mehr wie bisher aufrechterhalten. Dadurch entstehen höhere Kosten in der Lagerhaltung. Staaten wie Deutschland, die in den Bereichen Energie, Rohstoffe und Lebensmittel nicht autark sein können, müssten sich daher „auf eine länger andauernde und höhere Inflation einstellen“, so Hellmeyer.

Die Energiewende muss maßvoll geschehen

Die Entglobalisierung werde dazu führen, dass es Länder gibt, die Versorgungssicherheit haben, und solche, die diese nicht haben. Für Länder, die wie Deutschland immer auf Dritte angewiesen sein werden, bedeute dies: „Die Energiekosten werden sich in den kommenden Monaten für jeden einzelnen Haushalt und jedes Unternehmen drastisch erhöhen. Der inflationäre Druck wird steigen.“

An die Adresse von Christine Lagarde gerichtet sagt Hellmeyer: Die EZB müsse trotz aller Widrigkeiten an einer stabilitätsorientierten Politik festhalten. Der Euro dürfe nicht zu hart und auch nicht zu weich werden. Würde er zu weich – wie das die südeuropäischen Staaten eine Zeit lang gerne gesehen hätten –, würde das die Inflation anheizen. Ein weiterer Anstieg der Inflation könnte aber zu gesellschaftlichen Verwerfungen von erheblichem Ausmaß führen. Folker Hellmeyer warnt: „Wenn Europa instabil wird, gerät auch der Euro unter Druck. Das wäre eine gefährliche Mischung.“ Zur Stabilität gehört auch, dass die Zinsen im Euroraum einheitlich bleiben. Zuletzt hat es seitens Frankreichs und Italiens Überlegungen gegeben, die überschuldeten Staaten besonders zu behandeln. Christine Lagarde deutete diese Möglichkeit ebenfalls an, als sie sagte, die EZB werde alles innerhalb ihren Mandats tun, um eine „Fragmentierung innerhalb der Eurozone“ zu verhindern.

Für die Energiewende wünscht sich Stefan Kooths ebenfalls eine maßvolle Umsetzung. Entscheidend sei ein langfristiger Fokus, etwa auf Energieeffizienz, durch Forschung und Entwicklung. „Wir brauchen am Ende eine Energieform, die die fossilen Energieträger auf dem Markt preislich unterbieten kann“, sagt Kooths. Für Innovationen sei maximale Technologieoffenheit nötig und nicht Verbote. Es bringe gar nichts, wenn Deutschland die Dekarbonisierung nur „mit vielen sozialen Spannungen“ schafft. Kooths: „Dann werden die anderen nämlich sagen: Die Deutschen haben uns gezeigt, wie teuer das wird, da lassen wir lieber die Finger davon.“

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