Die Türkei braucht Hilfe von oben: „Mein Gott, mach es leicht, mach es nicht schwer. Mein Gott, gib uns ein segensreiches Ergebnis. Gib uns die Wahrheit in unserer Arbeit, mach uns erfolgreich“, schreibt der neue türkische Finanzminister Nureddin Nebati nach seiner Ernennung auf Twitter.

Der 57-Jährige kann den Beistand von oben gebrauchen: Sein Präsident Recep Tayyip Erdogan plant nämlich ein metaphysisches Experiment. Er will beweisen, dass hohe Zinsen die Inflation treiben. Die klassische Ökonomie sieht es genau andersrum. Doch Erdogan ist jedes Mittel recht, um die dramatische Entwertung der türkischen Lira zu bekämpfen – und wenn er zaubern muss. Ob dem Politikwissenschaftler Nebati gelingt, was seinen zahlreichen Vorgängern verwehrt blieb, wird an den Finanzmärkten bezweifelt. Der Vertraute von Erdogans Schwiegersohn will allen internationalen Spekulanten die Stirn bieten. Diese greifen nach Erdogans Ansicht die Türkei gezielt an.

Die türkische Zentralbank hat die Zinsen seit September bereits dreimal gesenkt. Der Leitzins liegt aktuell bei 15 Prozent. Die Inflation hingegen näherte sich im Oktober 20 Prozent. Nebati, der früher in der Textilbranche tätig war, will den Teufelskreis durchbrechen. Das Kalkül der unorthodoxen Herangehensweise: Viele türkische Familien seien von einer hohen Inflation nicht so stark betroffen, weil ihre Leistungsträger im Ausland arbeiten und daher Dollar und Euro nach Hause schicken. Der Kaufkraftverlust für die einfachen Leute halte sich daher in Grenzen.

Doch das ist ein hochriskanter Ansatz: Denn die Mehrzahl der türkischen Familien muss dabei zusehen, wie ihr Leben an die Grenze der Finanzierbarkeit kommt. Der türkische Präsident ist entschlossen, niedrige Zinsen auch gegen die Märkte durchzusetzen. Sollte ihm das gelingen, schriebe er Geschichte. Scheitert das Experiment, könnte Erdogan selbst bald Geschichte sein.