Auf Berlin kommen schwere Zeiten zu.
Foto: Markus Wächter

BerlinIn Berlin stehen große Teile der Wirtschaft seit Wochen still. Restaurants, Hotels, Geschäfte und Kultureinrichtungen sind geschlossen. Schon jetzt hat etwa jedes sechste Berliner Unternehmen Kurzarbeit angemeldet. Der Staat stellt Milliarden zur Verfügung, um Firmen vor der Pleite zu bewahren. Dennoch erwarten Wirtschaftsexperten eine beispiellose Pleitewelle. 

Sebastian Laboga ist diesbezüglich vom Fach. Der Fachanwalt für Insolvenzrecht, Steuerberater und Wirtschaftsmediator ist Deutschlands meistbeschäftigter Insolvenzverwalter. Im vergangenen Jahr wurde Laboga in über 50 Unternehmensinsolvenzen als Verwalter bestellt.

Herr Laboga, wurde Ihnen schon ein Corona-Fall übertragen?

Ja, ein Reiseunternehmen. Keine zehn Tage hat es nach dem Ladenöffnungsverbot gedauert, bis es Insolvenz anmelden musste.

Wie stehen die Chancen?

Schlecht, fast bei null. Unter normalen Bedingungen würde ich versuchen, den Betrieb fortzuführen, zu sanieren oder zu veräußern. Die Geschäftsidee ist gut und das Konzept hat sich seit vielen Jahren bewährt. Aber das alles zählt jetzt nicht, weil es weder einen Markt noch potenzielle Käufer gibt. Alle warten ab. Die Möglichkeiten eines Insolvenzverwalters sind derzeit extrem eingeschränkt. Tatsächlich wird wohl oftmals nur die Abwicklung bleiben. Das ist wirklich deprimierend.

Aber genau dafür hat doch der Gesetzgeber die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt. Wer wegen der Corona-Krise zahlungsunfähig wurde, muss nicht mehr binnen 21 Tagen einen Antrag stellen und macht sich dennoch nicht der Insolvenzverschleppung schuldig.

Zahlungsunfähig bleibt zahlungsunfähig. Wer keine Mittel hat, um Mitarbeiter, Miete und Waren zu bezahlen, dem hilft auch eine ausgesetzte Antragspflicht nicht.

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Sebastian Laboga 

... ist seit 2002 als Insolvenzverwalter tätig, gilt als ausgewiesener Sanierungsexperte und zählt zu den meistbestellten Insolvenzverwaltern Deutschlands. Im vergangenen Jahr wechselte der Anwalt und Steuerberater von der Kanzlei Kübler zur 1982 gegründeten Restrukturierungsgesellschaft Pluta, wo er nun geschäftsführender Gesellschafter ist.

Das Unternehmen hat aber Zeit gewonnen, bis Soforthilfe oder Darlehen fließen.

Das stimmt, doch in vielen Fällen wird das Problem nur aufgeschoben. Ein zahlungsunfähiges Unternehmen wird früher oder später gezwungen sein, den Weg zum Insolvenzgericht zu gehen.

Im konjunkturstarken Jahr 2019 mussten in Berlin knapp 1400 Firmen Insolvenz anmelden. Wie viele Betriebe werden es in diesem Jahr sein?

Sicher deutlich mehr als im vorigen Jahr, aber eine konkrete Zahl kann im Moment wohl niemand seriös nennen. Ich rechne mit mehreren Wellen. Diejenigen, die nur Soforthilfen, aber keine KfW-Darlehen bekommen, werden irgendwann im Mai oder Juni Insolvenz anmelden müssen. Später werden auch zahlreiche Firmen mit KfW-Krediten in Schwierigkeiten geraten.

Sie prophezeien Kreditausfälle? Wie viele der jetzt ausgegebenen Darlehen werden nach Ihrer Einschätzung nicht zurückgezahlt werden können?

Das weiß derzeit niemand. In dieser Krise hat nahezu jeder Businessplan sein Fundament verloren. Lieferketten funktionieren nicht mehr, Absatzmärkte sind zusammengebrochen, kalkulierte Umsätze werden nicht erreicht. Und je länger der Shutdown dauert, desto mehr werden auch kerngesunde Unternehmen in eine sehr prekäre Lage geraten.

Taugen großzügig ausgegebene Darlehen überhaupt als Überlebenshilfe?

Sie helfen, aber ich halte sie auch für ziemlich gefährlich. Viele Firmen sind schon jetzt mit billigem Fremdkapital vollgesogen. Das Wesen eines Kredits ist es jedoch, dass er irgendwann zurückgezahlt werden muss. Diese Möglichkeit hat ein Unternehmen aber nur, wenn es die entstandenen Verluste wieder aufholen kann.

Das schafft bestenfalls ein Betrieb mit guter Auftragslage.

Genau. In der Gastronomie werden die allermeisten Betriebe die Umsatzausfälle nicht mehr kompensieren können, weil niemand künftig drei Pizzen beim Italiener bestellen oder täglich ins Kino gehen wird. Und Modegeschäfte werden Frühjahrskollektionen kaum noch im Sommer verkaufen können.

Halten Sie die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für einen Fehler?

Nein, aber ich fürchte, dass auch schon vor der Corona-Krise gefährdete Unternehmen diese Möglichkeit nutzen werden. Daher sehe ich die Gefahr, dass Unternehmen weiter am Markt agieren, die das gar nicht mehr sollten. Das führt zwangsläufig zu einem Vertrauensverlust der Unternehmen untereinander, weil sich niemand mehr auf die Zahlungsfähigkeit des anderen verlassen kann. Ein Insolvenzverfahren hat ja auch eine Ordnungsfunktion im Wirtschaftsleben. Dieses Korrektiv existiert momentan aber nicht mehr, und so wird eine weitere Unsicherheit in den Markt getragen.

Welche Branchen sehen Sie in Berlin in besonderer Insolvenzgefahr?

Reiseunternehmen, Messeveranstalter, Kinos, Fitnesscenter, der sogenannte Non-Food-Einzelhandelssektor, der gesamte Tourismus- und Kulturbereich und Start-ups. Es gibt wirklich nur wenige Ausnahmen.

Das sind genau jene Branchen, die ein wichtiger Teil der Berliner Wirtschaftsstruktur sind. Offenbart die Corona-Krise, dass die Boom-Town Berlin, deren Wirtschaftskraft in den vergangenen Jahren stets schneller wuchs als die der gesamten Nation, wirtschaftlich tatsächlich auf einem äußerst fragilen Fundament steht?

Tatsächlich ist Berlin kein etablierter Industriestandort mit Unternehmen, die auf erhebliche Reserven zurückgreifen können. Aber Berlin hat sich gerade in den letzten Jahren sehr dynamisch entwickelt. Nur hatten die entstandenen Unternehmen noch gar keine Zeit, Rücklagen in größerem Umfang zu schaffen, oder sich auf dem Markt so zu etablieren, dass sie die Folgen einer vorübergehend unterbrochenen Präsenz noch recht gut ertragen werden können. Insofern ist zu befürchten, dass es dort eine Vielzahl von Insolvenzen gibt.

Wird Berlin als deutsche Start-up-Metropole ausdörren?

Tatsächlich wird in der Berliner Start-up-Szene einiges kippen. Junge Gründer haben meist eine sehr dünne Kapitaldecke und sind regelmäßig auf private Kapitalgeber angewiesen. Die halten sich nun aber zurück, weil sie entweder berechtigterweise nervös sind oder selbst in Liquiditätsschwierigkeiten stecken. Das ist ein riesiges Problem. Trotzdem bin ich hoffnungsvoll.

Warum?

In Berlin gibt es unendlich viel Unternehmergeist und dynamische Unternehmer, die sofort neu starten werden. Neuanfänge sind quasi in der DNA eines Start-ups angelegt. Es geht um die Fähigkeit, mit Rückschlägen zu leben, wieder aufzustehen und sich neu zu erfinden. Das können Start-ups belegbar besser als ein ehrwürdiges Familienunternehmen. Die Akteure sind jung und stecken voller Ideen, die durch die Pandemie ja nicht schlechter geworden sind. Zudem wird das Land Berlin die jungen Unternehmen sicherlich auch zukünftig unterstützen, um die Attraktivität des Standorts zu erhalten.

Wie wird die Berliner Wirtschaft nach der Krise aussehen?

Schwer zu sagen. Wegen seiner Wirtschaftsstruktur wird Berlin wahrscheinlich mehr als andere Bundesländer unter der Pandemie leiden. Ich glaube aber in vielen Bereichen an eine sehr schnelle Wiederbelebung. Sicher ist aber auch, dass die Pandemie in einigen Bereichen sehr nachhaltige Probleme hinterlassen wird.

Was meinen Sie genau?

Wir alle haben in den vergangenen Wochen gelernt, potenziellen Gefährdungssituationen aus dem Weg zu gehen. Das werden wir, ob bewusst oder unbewusst, nicht mit dem Ende des Shutdowns abstreifen. Denn das Virus wird bis auf Weiteres nicht verschwunden sein. Viele werden die Nähe zu anderen Menschen meiden. Im Handel wird man spüren, dass Kunden vom lieb gewonnenen Onlineshop nicht wieder in den Laden um die Ecke zurückkehren werden. Das Kaufhaussterben wird einen weiteren Schub bekommen. Viele werden freiwillig darauf verzichten, ins Kino zu gehen oder ins Fitnesscenter. Dies alles werden die wenigsten betroffenen Unternehmen langfristig überstehen. Das heißt, es werden sich zwangsläufig zahlreiche Geschäftsmodelle verändern müssen.

Da könnte auch der Business-Plan des BER wackeln ...

Das kann ich nicht beurteilen. Ich gehe aber sehr wohl davon aus, dass erst einmal weder die Grüne Woche noch die ITB in Zukunft Publikumsmagneten wie in den Vorjahren sein werden.

Das heißt, die landeseigene Messe Berlin wird für die Stadt teuer werden.

Zumindest ist mit starken Umsatzrückgängen zu rechnen.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.