Start-ups sind die schrecklichsten Mieter, die man sich vorstellen kann. Das behauptet ausgerechnet der Mann, der bald so viele neugegründete Internetfirmen in Berlin unterbringen wird wie niemand sonst. „Entweder sie gehen Pleite und sagen es dir nicht, dass sie ihre Miete nicht mehr zahlen können,“ erklärt Simon Schaefer. „Oder sie ziehen aus, weil sie so rasant wachsen, dass ihnen der Platz schon bald nicht mehr reicht.“

Simon Schaefer muss es wissen: Er hat der Berliner Start-up-Szene ihren ersten eigenen Campus geschaffen. Factory Berlin nennt sich der aus mehreren Gebäuden bestehende Komplex, der an diesem Mittwoch offiziell eröffnet wird.

Hundert Personen arbeiten dort bereits, nun sollen bald 500 bis 600 Mitarbeiter in den drei Gebäuden Platz finden, die direkt am ehemaligen Grenzstreifen an der Bernauer Straße entstanden sind. Insgesamt 16.000 Quadratmeter Bürofläche sollen zur Verfügung stehen, so viel wie zwei Fußballfelder.

Im Silicon Valley beachtet

Einige der Start-ups, die dort einziehen werden, sind bereits Hunderte Millionen Euro Wert: Soundcloud etwa, eine Musikplattform mit 250 Millionen Nutzer, verlegt sein Hauptquartier in die Factory. Der Marktwert betrug zuletzt 700 Millionen Dollar. Im Silicon Valley beachtet wird auch ein anderer Factory-Mieter, der sein Büro bereits in den Gebäudekomplex verlegt hat. Das Start-up 6Wunderkinder mit ihrer To-Do-Listen-App Wunderlist bekam das erste Berlin-Investment der legendären Risikokapital-Firma Sequoia Capital, die bei fast jeder erfolgreichen Internetfirma mitgemischt hat: von Google, Youtube und Yahoo bis Instagram und WhatsApp. Hinzu kommen kleinere Start-ups wie Taptalk. Die sorgten gerade für Aufsehen, da berichtet wurde, dass Facebook ihre App kopieren wolle, mit der sich auf Knopfdruck Audio- und Videobotschaften versenden lassen.

Mit der Factory bekommt ab dieser Woche das einen zentralen Anlaufpunkt, was sich in Berlin in den letzten Jahren entwickelt hat und in der Szene ein Ökosystem genannt wird: ein Netzwerk von Unternehmen, das sich untereinander austauscht – und auch investiert. „Die Leute investieren in ihr Netzwerk, in ihre persönliche Beziehungen – ein gemeinsamer Ort macht das ganze viel, viel einfacher“, sagt Schaefer.

Die Factory-Betreiber bieten den Start-ups zudem mit ihren Partner rechtliche oder finanzielle Beratung. Auch der Internetkonzern Google, der eine Million Euro über drei Jahre in die Factory investiert, wird sich mit seinen Experten daran beteiligen. In einem Gebäude sollen WGs entstehen, in denen Gründer oder Entwickler erst einmal unterkommen können, wenn sie nach Berlin ziehen.

Eine Rundum-Betreuung wird es aber nicht geben. „Wenn man gefestigte Strukturen sucht, weil man noch nicht genau weiß, was man macht, ist man hier nicht so gut aufgehoben, “ sagt Schaefer. „Bei der Unternehmensfindung können wir nicht helfen. Die Gründer müssen schon wissen, was sie vorhaben.“

Mit diesem Konzept hat Schaefer einen Nerv getroffen: Nachdem er die Pläne erstmals vorstellte, wurde er mit Anfragen überhäuft. „Wir haben Interessenten für über 80.000 Quadratmeter Bürofläche, könnten also locker fünf dieser Campusse bauen und wären noch nicht ausgebucht.“ In Berlin, sagt Schaefer, fehle Platz für Internetfirmen aller Größen: „Es ist schon schwierig in den zentralen Bezirken, kleinere Büros für Start-ups zu finden, die mehr als einen Tisch brauchen“, sagt Schaefer. „Wenn man 2000 bis 3000 Quadratmeter braucht, ist es nahezu unmöglich, etwas im Zentrum zu finden.“

Doch zu dem Standort im Zentrum gibt es für Schaefer keine Alternative. Adlershof würde nicht funktionieren, sagt er. „Um jemand abzuwerben, der im Valley bei Twitter oder Google gearbeitet hat, kannst du nicht in Adlershof sitzen, sondern musst in Mitte sein oder in Kreuzberg. Und die erfolgreichen Start-ups, die im Zentrum sein müssen, haben wiederum eine Anziehungskraft auf die kleineren.“

Auch wenn der Rasen vor dem Hauptgebäude gerade erst verlegt wurde und einige Etagen noch gar nicht bezogen sind, planen die Factory-Betreiber daher bereits die Expansion. Einzelheiten will Schaefer noch nicht verraten. Das, sagt er, habe er aus der Entwicklung der Factory gelernt. Als BER der Start-up-Szene wurde die Factory verspottet, so oft hatte sich ihre Fertigstellung verzögert: Eigentlich sollte die Eröffnung bereits Ende 2012 erfolgen, dann Mitte 2013. „Es gibt nichts schlimmeres, als ein neues Gebäude auf ein altes drauf zu setzen,“ sagt Schaefer zu der Verzögerung.

Für Schaefer ist der aufgesetzte Neubau auf der ehemaligen Oswald-Brauerei ein Symbol für das, was derzeit wirtschaftlich in Berlin passiert. Die Brauerei steht für ihn für die erste Industrialisierung. „Nun kommt die zweite Industrialisierung: die Digitalisierung.“