Das mit dem Du muss erst einmal noch warten. Als Angela Merkel (CDU) am Donnerstagabend vor mehr als 150 erwartungsvollen Startup-Chefs im Berliner Palais der Kulturbrauerei ans Rednerpult tritt, muss sie zumindest in diesem Punkt enttäuschen. In der Szene der Internet-Gründer gehört es zwar zum guten Ton, einander zu duzen, doch „,Liebe Freunde‘ will ich noch nicht gleich sagen“, erklärt die Bundeskanzlerin. „Man muss sich ja langsam annähern.“

Die Abendveranstaltung „Internet & Startups in Deutschland“ ist für Merkel und ihren Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) nicht nur der Abschluss einer dreistündigen Tour durch die Berliner Internetszene, mit Halt bei der Wissenschaftsplattform Researchgate und dem Spieleentwickler Wooga. Sie ist vielmehr der Höhepunkt einer Woche des gegenseitigen Kennenlernens. Angela Merkel hat, wenn auch zaghaft, die Startups für sich entdeckt. Diese ernannten die Kanzlerin und ihr Vize schon Anfang der Woche auf der CeBIT in Hannover zum zukünftigen „Wachstumstreiber“. Beide warben dort für eine „Gründungskultur“ und kündigten an, bessere Rahmenbedingungen für junge Internetunternehmen schaffen zu wollen. Für die Branche ist das ungewohnt viel Aufmerksamkeit.

Und so signalisiert die Kanzlerin dem Berliner Publikum auch diesmal von der Bühne aus, dass sie die Sorgen junger IT-Gründer kennt. Bürokratische Hürden? „Ich stelle mir vor, die Gründungsbedingungen europaweit zu vereinfachen und anzugleichen.“ Schlechtes Investitionsklima? „Das wollen wir schrittweise verbessern.“ Starres Arbeitsrecht? „Wir wollen Ihnen keine Steine in den Weg legen.“ Aber dieser Weg sei eben noch lang.

Deutschland ist hinterher

Zu lang, wenn es nach Lars Hinrichs geht, Gastgeber des Abends und Gründer des sozialen Netzwerks für Karriere Xing. „Im Bereich Internet sind wir in Deutschland weit abgeschlagen. Wir spielen in der Welt-Liga nicht mit“, sagt Hinrichs und schaut erst zur Kanzlerin, dann zum Wirtschaftsminister. „Internetpolitik ist immer auch Wirtschaftspolitik.“ Allein die anwesenden Geschäftsführer im Saal machten einen Umsatz von 21 Milliarden Euro aus und beschäftigten 172.000 Arbeitnehmer, referiert Hinrichs. Mit selbstbewusstem Applaus unterstreichen die Zuhörer die eigene Bedeutung. „Technologie zählt.“

Doch die Kanzlerin ist sicher, ihre Hausaufgaben hat sie gemacht – oder vielmehr ihren Stellvertreter zum Zuständigen ernannt. Erst im Februar reiste der in die IT-Oase Silicon Valley in Kalifornien, im Mai fliegt er erneut dorthin und nimmt etliche Vertreter der deutschen Startup-Szene gleich mit. Zudem hat Philipp Rösler jüngst den Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ einberufen, in dem auch Zalando-Gründer Robert Gentz sitzt.

Noch keine Chefsache

Die Unterstützung der Startups zur Chefsache machen - so weit will Merkel nicht gehen. „Stellen Sie sich das mal vor. Das ist ein tolles Aufgabengebiet, das kann ich meinem Wirtschaftsminister ja nicht einfach wegnehmen“, scherzt sie am Rande der Veranstaltung im halbstündigen Gespräch umringt von einigen Jungunternehmern. Die drücken ihr am kleinen Stehtisch auf die Schnelle ein Smartphone in die Hand. "Diese Fähigkeit muss ich mir noch aneignen", entgegnet Merkel sachlich - irgendwann werde auch ihr Nokia-Handy, eines mit klassischen Tasten, wohl den Geist aufgeben, sagt sie, "und jetzt muss ich leider weiter". „Sie macht hier Wahlkampf“, resümiert einer der am Stehtisch Zurückgelassenen. „Wenn es konkret um Gesetze geht, ist unser Gewicht am Ende doch wieder zu gering.“