Berlin - Obwohl Apple noch nie ein Produkt erfunden hat, gilt der Konzern als wegweisend. Weil er seine Geräte zum richtigen Datum und mit zeitgeistgerechter Gestaltung auf den Markt bringt - sagt Ina Grätz, die Kuratorin der Hamburger Ausstellung "Stylectrical", in deren Mittelpunkt Apple-Design steht.

Bei Apple geht es einerseits um Innovationen, andererseits wird eine Formsprache propagiert, die in Design-Lexika eingehen soll. Wie passt das zusammen?

Das ist voller Widersprüche! Früher waren die Geräte ja schon einmal sehr innovativ gestaltet, die bunten iMacs in den Neunzigern etwa. Aber seit 2000 gibt es einen sehr puristischen Stil, der lange gültig ist. Auf der anderen Seite bringt Apple jedes Jahr ein neues iPod heraus oder einen neuen iPad, da ist der Konzern leider nicht so nachhaltig.

Zudem wird Apple immer wieder gern vorgeworfen, nie ein Produkt erschaffen zu haben.

Der Computer an sich oder jedes andere spezifische Gerät ist nicht von Apple erfunden worden. Aber sie haben ein Gespür für technische Innovationen und bringen sie oft zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt. Der erste iPod kam 2001 heraus, sechs Jahre, nachdem der allererste MP3-Player auf der Cebit vorgestellt worden war.

Dafür nimmt Jonathan Ive, der Chefdesigner, gern Bezug auf aktuelle Strömungen im Produktdesign. Früher mit Kunststoff, heute mit kühlem Weiß und Aluminium.

Apple spiegelt immer den Zeitgeist wider. Man kann sehen, dass Jonathan Ive die Trends der Zeit auf den Computer überträgt.

Seine Inspirationen scheinen oft von Dieter Rams zu stammen, dem langjährigen Designer für Braun-Geräte. Wirkt Rams’ T3-Radio von 1958 mit dem Drehrad zum Sendersuchen nicht wie ein iPod-Zwilling?

Darauf nimmt Ives auch ganz offen Bezug. Ein Programm im ersten iPhone sah aus wie der Taschenrechner von Rams. Sie sprechen eine sehr ähnliche Sprache, sie wollen beide das Prinzip Einfachheit.

Liegt es an dieser Funktionalität, dass Apple-Nutzer oft einen fast intimen Bezug zum Gerät entwickeln?

Bestimmte Details können zu einer Emotionalisierung im Verhältnis von Mensch und Maschine führen. Dazu gehört das "sleeping light" der iBooks ab 1999. Ein Lämpchen blinkt, wenn das Gerät geschlossen wird, aber noch an ist. Und es blinkt in einem Takt, der an menschliche Atemzüge erinnert. Dadurch hat man das Gefühl: Der Computer ist dein Freund, der gerade schläft.

Aber sind die Geräte wirklich so freundlich in der Benutzung, wie es die Philosophie der Marke verheißt?

Sie sind einfacher als andere. Doch es gibt immer wieder Meldungen wie die von der Antennenproblematik des iPhone 4, bei dem ein Linkshänder seinen Empfang stört. Bei Alu-Laptops konnte man einen Schlag bekommen. Grundsätzlich verfolgen die Geräte aber das Prinzip, dem Benutzer die Handhabung der Produkte beizubringen.

Das Gespräch führte Carmen Böker