Mitte April übergibt Andreas Schmitz sein Amt als Präsident des deutschen Bankenverbands an Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen. Dessen Amtszeit könnte etwas ruhiger werden als die seines Vorgängers. Schmitz trat den Posten nämlich auf dem Höhepunkt der Finanzkrise an. Seinen Humor hat er trotzdem behalten.

Viel los im Moment, bei den Banken. Macht es noch Spaß, Verbandspräsident zu sein?
Ja. Zwar hatte ich nicht um das Amt gebeten, aber es hat sich gelohnt. Ich hatte eine wirklich gute Zeit, habe viel gelernt, tolle Menschen kennengelernt und hoffentlich auch das ein oder andere bewegt.

Und nun bringt die Bundesregierung zum Ende Ihrer Amtszeit in einem Gesetzesentwurf das Trennbankensystem auf den Weg. Das ist bekanntlich nicht ihn Ihrem Sinn.
Ich glaube nicht, dass ein Trennbankensystem uns weiter bringt. Ich verstehe aber, dass die Politik ihren Wählern zeigen will, dass sie was tut. Leider wiegen die Vorteile der Neuerungen die Nachteile nicht auf. Der zugrundeliegende Liikanen-Bericht...

... Sie meinen die Vorschläge der Expertenkommission rund um den finnischen Notenbanker Erkki Liikanen, die Vorschläge für ein stabileres Finanzsystem erarbeitet hat.
Genau. Der sagt schließlich, dass viele wichtige Änderungen schon auf den Weg gebracht und von den Banken umgesetzt wurden. Es ist unklar, warum die Experten zu dem Schluss kommen, dass wir ein Trennbankensystem brauchen.

Warum Universalbanken stabiler sind

Weil die Krise gezeigt hat, dass Investmentbanking einen Flächenbrand auslösen kann.
Die Krise hat vor allem gezeigt, dass Universalbanken oftmals stabiler sind als Spezialbanken. Es waren schließlich die Lehman Brothers, Northern Rocks und HREs dieser Welt, die in Schieflage geraten sind. Trennbanken sind nicht das Richtige für Kontinentaleuropa.

Warum?
Wenn die Liikanen-Vorschläge umgesetzt werden, steigen für die deutschen Kunden die Preise. Sie müssten künftig für die Dienstleistungen ihrer Hausbank und einer Spezialbank zahlen. Vor allem Firmenkunden brauchen diverse Investmentdienstleistungen, zum Beispiel Wechselkursabsicherungen. Das gebe es dann nicht mehr aus einer Hand. Deswegen sind in Deutschland nicht nur die Bankenverbände, sondern auch die Industrieverbände gegen eine Spaltung.

Es bleibt aber das Problem, dass die Krise vor allem dem schlechten Risikomanagement mancher Banken zu verdanken ist.
Völlig richtig. Deswegen sieht das Regelwerk Basel III ja hohe Eigenkapitalanforderungen für riskante Geschäfte vor. Wenn ich diese Quoten schon so hoch ansetze, dass die Banken damit keine guten Renditen mehr erhalten, dann ist das Thema doch schon durch. Die deutschen Banken haben den Eigenhandel deutlich reduziert. Das Geschäft ist einfach nicht mehr attraktiv.

Die Banken behaupten es. Von außen ist das allerdings nicht überprüfbar.
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht prüft es. Und ich kann Ihnen sagen: Die regulatorischen Anforderungen sind da sehr hoch. So viel freies Kapital haben die Banken nicht. Für uns lohnt sich der Eigenhandel schlicht nicht mehr.

Dann hat sich während Ihrer Präsidentschaft die Welt ja komplett verändert.
Ich bin einen Monat vor der Lehman-Pleite gefragt worden, ob ich das Amt übernehme. Ich bin dann im März 2009 angetreten. Aus Sicht der Banken war das der schlimmste Monat in der Finanzkrise. Keiner wusste so recht, wie es am nächsten Tag weitergeht.

Entscheidungsfreudige Demokratie

Haben Sie mal gedacht: Jetzt ist es endgültig aus mit dem Finanzsystem?
Nein. Ich habe nie geglaubt, dass das deutsche Bankensystem am Ende ist. Nach der Lehman-Pleite hat der deutsche Staat richtig reagiert. Mich hat überrascht, wie entscheidungsfreudig und wehrhaft eine Demokratie in Not sein kann. Das Bankenrettungspaket wurde innerhalb von zweieinhalb Wochen umgesetzt. Dabei mussten die Bundestagsabgeordneten ihren Wählern erklären, warum man 480 Milliarden für die Banken hat, aber kein Geld für eine Erhöhung von Hartz IV.

Das ist ja auch schwer zu erklären. Haben Sie eigentlich Sympathie für die Occupy-Bewegung?
Ich habe Verständnis. Unsere Branche hat national wie international manches laufen lassen und damit auch große Fehler gemacht. Wir sind da alle schlauer geworden. Auch die Politik. Sie hat strengere Regeln festgelegt. Nur dauert es, bis die wirken. Ich kann nachvollziehen, dass das vielen zu lange dauert.

Und auch jetzt wirkt es oft so, als würden sich die Banken ausschließlich um ihr Investmentgeschäft kümmern. Glauben Sie, dass Gesellschaft und Finanzbranche irgendwann wieder zusammenfinden?
Das ist schwer. Der Dialog wird durch all das überlagert, was im Sommer das Licht der Welt erblickt hat: Der Libor-Skandal, die Iran-Geschäfte von Standard Chartered, die Geldwäscheprobleme von HSBC, der CO2-Vorfall bei der Deutschen Bank. All das hat sich zwar vor 2010 abgespielt, wird schon lange von den Behörden untersucht und die Banken arbeiten eng mit den Ermittlern bei der Aufklärung zusammen. Dabei ist ganz klar, wer sich nicht an die Gesetze hält, trägt die Folgen. Doch unabhängig von dem, was am Ende an Fakten davon übrig bleibt, ist das Bild in der Öffentlichkeit miserabel.

Und was tun Sie nun dagegen?
Unter dem Radar haben die Banken schon viel getan. Sie halten mehr Eigenkapital vor, die Risikokontrolle ist viel besser geworden und die Banker setzen ihren gesunden Menschenverstand wieder öfter ein. Außerdem sind die Vergütungssysteme angepasst worden. Die 650.000 deutschen Banker machen ihren Job gemeinhin ziemlich gut. Wir haben im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, keine Kreditklemme und die Industrie finanziert sich so günstig wie noch nie nach dem zweiten Weltkrieg. Wo sonst bekommen Sie eine kostenlose Kontoführung?

Deutsche Banken als Musterschüler

Die Verbraucherschutzministerin ist von den deutschen Banken nicht so angetan.
Ich würde Ilse Aigner gern mal auf eine Tour durch Europa einladen. Wir würden zuerst nach London fahren und versuchen, dort ein Konto zu eröffnen – wahnsinnig kompliziert. Dann flögen wir nach Paris, um dort eine Überweisung nach Toulouse in Auftrag zu geben. Ich wette: Selbst wenn wir mit dem Auto fahren und noch zwei Tage Urlaub an der Loire machen würden, sind wären vor der Überweisung in Toulouse. Anschließend ginge es nach Mailand, um eine Baufinanzierung abzuschließen. Und danach führen wir irgendwo nach Deutschland, wo es alle drei Bankengruppen gibt, und besorgten uns die drei Produkte. Wenn das dort nicht günstiger, schneller und mit besserem Service ginge, dann würde ich die Segel streichen. Aber erst dann.

Deutsche Banken sind also die Musterschüler?
Diesen Vorteilen stehen auch Fehler gegenüber, dagegen kann ich nichts sagen. Wenn einer falsch berät, Produkte verkauft, die er nicht versteht oder die für den Kunden ungeeignet sind, dann gehört der nicht in die Bank. Aber vom Fehlverhalten weniger kann nicht auf das Verhalten aller geschlossen werden. Im Übrigen zeigen Studien, dass die Deutschen zwar Probleme mit der Finanzbranche haben, das Verhältnis zu ihrer Hausbank aber gut ist.

Wie wird das Verhältnis zur Branche wieder besser?
Das ist vertrackt. Mit der Staatsschuldenkrise haben wir ein Thema, bei dem die Politiker den Schwarzen Peter in unser Lager geschoben haben. 2009 hatten wir eine Situation, in der Banken Staaten in Schwierigkeiten gebracht haben. Drei Jahre später war es umgekehrt, da haben Staaten Banken in Schwierigkeiten gebracht.

Die Bankenkritik ist im kollektiven Gedächtnis verankert und durch die Skandalreihe noch mal verstärkt worden. Das bekommen wir nicht mit netten Imagebroschüren oder Worten von der Kanzel hin, sondern indem wir Bankgeschäfte im Sinne der Kunden machen.

Wir Kunden haben zwei Probleme: Wir haften für die Banken und bekommen kaum noch Zinsen. Müssen wir wieder riskante Produkte kaufen, um die Inflation auszugleichen?
Erst einmal weiß ja keiner so genau, ob und wann die Inflation in Deutschland weiter steigt. Darüber hinaus ist es der Risikoneigung des Einzelnen überlassen, wie er anlegt. Die Welt wird wieder mutiger, das sehen wir unter anderem an den zuweilen üppigen Preisen, die Privatanleger für Immobilien zahlen.

Würden Sie nochmal Banker werden?

Können die Banker uns denn inzwischen vernünftig beraten?
Es ist viel geschult worden, und wir haben auch viele neue Regeln bekommen. Risikoneigung und Möglichkeiten des Kunden werden besser erfasst. Trotzdem bleibt die Schwierigkeit, das Produkt für den Anleger zu finden. Das ist nicht leicht, keiner weiß, was morgen ist. Nicht mal der Chef von Daimler weiß, wo der Aktienkurs morgen steht. Keiner konnte bei Eon und RWE die Energiewende vorhersagen. Das kann man auch nicht erwarten. Und es gibt immer noch Kunden, die hohe Renditen ohne Risiko fordern. Denen empfehlen wir eine Bundesanleihe, da gibt es sicher ein Prozent Zinsen, was dem Kunden dann wieder nicht reicht. Das ist auch dem Banker gegenüber unfair.

Jetzt geben Sie uns doch mal einen Anlagetipp.
Nein, da müsste ich danach ja erst mal ein Beratungsprotokoll ausfüllen (lacht). Es gibt auch keine Faustregel. Wie Sie anlegen, hängt von Ihnen und von Ihrem Kapital ab. 5000 Euro können Sie nur schwer streuen.

Was machen Sie denn?
Ich sammle zum Beispiel chinesische Kunst. Mein Vater hat mir immer gesagt: Wenn du was kaufst, musst du das Geld dafür überhaben. Du musst schon extremes Glück haben, wenn du irgendwann den Kaufpreis wieder reinholst. Die Altersvorsorge allerdings sollte möglichst konservativ angelegt werden. Und ein weiterer Teil nach dem Motto: Schön, wenn’s was wird, aber auch keine Katastrophe, wenn nicht.

Würden Sie eigentlich noch mal Banker werden?
Ich weiß es nicht. Ich bin ja als Banker aus Verlegenheit gestartet. Nach der Lehre hatte ich mir eigentlich geschworen, mit diesem Beruf abgeschlossen zu haben. Das war einfach nicht meine Welt. Also habe ich Jura und Wirtschaft studiert und mich dann bei diversen Unternehmen beworben, so nach dem Motto: „Bin Jurist und möchte nicht juristisch arbeiten – haben Sie was für mich?“ Irgendwie war nie das Richtige dabei, bis ich eine Anzeige von Trinkaus und Burkhardt sah. Die suchten einen persönlichen Assistenten für den persönlich haftenden Gesellschafter. Die Stelle habe ich bekommen, am Tag des Mauerfalls angefangen und heute bin ich immer noch hier.

Das Gespräch führte Grit Beecken.