Berlin - Reif für die Rente wirkt Axel Reimann eigentlich nicht. Der drahtige Präsident der Deutschen Rentenversicherung ist früher Marathon gelaufen und steigt auch heute als 65-Jähriger am Wochenende noch für eine 80-Kilometer-Tour ins Brandenburger Umland aufs Rad. Doch am Jahreswechsel ist Schluss für den obersten Hüter der gesetzlichen Alterskassen. Dann wechselt der Chef von 22.000 Behörden-Mitarbeitern in den Ruhestand. In seinem letzten Interview zieht der waschechte Berliner eine Bilanz und spricht über die Perspektiven der Rentenversicherung.

Mit 65 Jahren plus fünf Monaten ist auch für den Präsidenten der Deutschen Rentenversicherung Schluss. Mit welchem Gefühl wechseln Sie in den Ruhestand?

Axel Reimann: Mit einem guten Gefühl. Ich kann auf ein überaus erfülltes Arbeitsleben zurückblicken. Das waren 33 überaus spannende Jahre in der Rentenversicherung, in denen sich viel bewegt hat und wir auch viel bewegen konnten.

Die Rücklagen der gesetzlichen Alterskassen sind  gut gefüllt. Die Senioren konnten sich im Juli über ein Plus von rund fünf Prozent freuen. Kann es sein, dass Sie die letzten guten Jahre der RV erlebt haben?

Nein, die Rentenversicherung wird auch in der Zukunft stabil sein. Die finanziellen Rücklagen bewegen sich derzeit auf einem relativ hohen Niveau. Das werden wir in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr so erleben.

Einen wichtigen Teil Ihres Berufslebens haben Sie mit der  Zusammenführung der Rentensysteme in Ost und West zugebracht. Nun hat die Koalition die endgültige Angleichung von 2020 auf 2025 vertagt. Sind Sie enttäuscht?

Wir sind in der Rentenversicherung an längere Perspektiven gewöhnt. Entscheidend ist, dass die Rentenwerte wirklich zusammengeführt werden. Das sollte man nicht an einem einzelnen Jahr festmachen. Wir haben früh darauf hingewiesen, dass das ein längerer Prozess sein wird.

Tatsächlich heißt es in einer von Ihnen erstellten Broschüre von Anfang  1990, der Anpassungsprozess bei den Löhnen und damit auch den Renten  werde wegen der niedrigeren Produktivität der DDR „deutlich langsamer als bei den Preisen“ ablaufen. Das war ziemlich hellsichtig.  

Ja, das haben damals nicht alle so nüchtern eingeschätzt.

Trotzdem sind 35 Jahre eine beachtliche Zeit. Weshalb dauert die Angleichung der Renten so lange?

Ganz einfach: Die Rente hängt vom Lohnniveau ab, und die Löhne in den neuen Bundesländern haben zwar schnell, aber eben immer noch nicht vollständig aufgeholt.

Sie waren zu Wendezeiten zuständig für Grundsatzfragen in der Rentenversicherung. Wie haben Sie damals die politischen Umwälzungen erlebt?   

Vor allem lief  alles in einer rasenden Geschwindigkeit ab. Im November 1989 fiel die Mauer, und schon im Februar 1990 haben wir die Zusammenführung der Rentensysteme durchdacht und geplant, auch in der von Ihnen angesprochenen Broschüre. Wir mussten sofort Kontakte mit den Kollegen in der damaligen DDR aufnehmen und versuchen, an so viele Informationen wie möglich heranzukommen. Das war nicht einfach, denn das System, insbesondere die Zusatz- und Sonderversorgungen, war für uns ziemlich intransparent.

Dann sind Sie oft in die DDR gefahren?

Wir sind nicht täglich, aber regelmäßig von West-Berlin in den Ostteil der Stadt gefahren, um vor Ort nachzufragen und weitere Unterlagen zu erhalten. Die Kollegen aus dem Finanzbereich sind noch viel häufiger gependelt. Wir mussten ja dafür Sorge tragen, dass tatsächlich 3,5 Millionen Ost-Rentner am 1. Juli 1990 ihre Rente in D-Mark ausgezahlt bekamen. Außerdem mussten die Versichertenbiografien in die neuen Rentenkonten überführt werden. Und es waren sehr schnell Beratungsstrukturen aufzubauen, um die vielen Fragen zu beantworten, die die Menschen in den neuen Bundesländern zur Rente hatten. Schließlich waren ab dem 1. Januar 1991 Rehabilitationsleistungen nach bundesdeutschem Recht zu erbringen. Was damals geleistet wurde, ist ungeheuer.

Viele Bürger im Osten haben trotzdem bis heute das Gefühl, dass sie bei der Rente schlechter behandelt werden als die Ruheständler im Westen.

Das ist aber objektiv nicht der Fall. Am Anfang war ganz offensichtlich, dass die Ost-Rentnerinnen und –Rentner die unmittelbaren Gewinner der deutschen Einheit waren: Zum Juli 1990 sind die Renten um durchschnittlich 30 Prozent und 1991 zweimal jeweils um weitere 15 Prozent angehoben worden. Auch in den Jahren danach sind parallel zur Einkommensentwicklung der Aktiven weitere Fortschritte erzielt worden. Nur war die öffentliche Erwartung, dass in relativ kurzer Zeit die Renten absolut auf West-Niveau gezahlt werden.  Das ist bis heute nicht der Fall und ruft Enttäuschung hervor.

Wie groß sind die Unterschiede denn noch?

Wir reden über einen Abstand von sechs Prozent beim aktuellen Rentenwert. Dagegen muss man aber halten, dass die Löhne derzeit noch höhergewertet werden – und zwar überproportional.

Unterm Strich geht es dem Rentner in Brandenburg dann sogar besser als dem in Schleswig-Holstein?

Wie es den Rentnern geht, hängt von deren konkreter  Lebenssituation ab. Aber wenn man schlicht die Beitragszahlung und die daraus fließende Leistung betrachtet, dann  ist der Gegenwert an Rente, den der Beitragszahler in den neuen Bundesländern gegenwärtig erhält, höher als im Westen.

Im Zuge der Renteneinheit soll die Höherwertung der Löhne nun schrittweise abgeschafft werden. Ist das gerecht?

Wenn man die Rentenwerte per Gesetz angleicht, ist es konsequent, auch die Höherwertung zurückzuführen. Dann kann man auf einer einheitlichen Basis entscheiden, wer künftig möglicherweise gegenüber anderen Gruppen besser oder schlechter gestellt wird. Das sollte nicht nach Ost und West getrennt entschieden werden, sondern nach Maßstäben, die für das ganze Bundesgebiet gelten.

In der Bundesregierung wird noch über die Finanzierung der Ost-West-Angleichung gestritten. Die Fronten wirken verhärtet. Sehen Sie eine Kompromissmöglichkeit?

Wir haben nie gesagt, dass die gesamte Ost-West-Angleichung aus Steuermitteln bezahlt werden muss.  Aber der Teil, der über die Lohnangleichung hinausgeht, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und muss vom Bund getragen werden.

Was passiert, wenn Finanzminister Schäuble sich verweigert?

Dann entstehen zusätzliche Leistungsausgaben mit entsprechendem Finanzbedarf für die Rentenversicherung. Das könnte bedeuten, dass wir 2030 das im Gesetz festgeschriebene Beitragsziel von 22 Prozent überschreiten.

Sie persönlich sind mit 65 Jahren und fünf Monaten noch topfit. Wird die Politik bei weiter steigender Lebenserwartung langfristig nicht doch noch einmal die heikle Frage des Rentenalters anpacken müssen? 

Wir haben einen Fahrplan für die Anhebung auf 67. In dieser Zeit bis 2030 wird es darauf ankommen, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt und welche Chancen ältere Menschen überhaupt haben, ihren Job zu behalten. Auch ist die Leistungsfähigkeit von Menschen im höheren Alter höchst unterschiedlich ausgeprägt. Wie man damit umgeht, wird die eigentliche Herausforderung sein. Wichtig ist, dass für die Menschen die Beschäftigungsfähigkeit und die Beschäftigungsmöglichkeiten tatsächlich verbessert werden.  Entscheidungen in diesem Bereich kann man aus meiner Sicht erst treffen, wenn eine einigermaßen verlässliche Einschätzung zur weiteren Entwicklung der Rahmenbedingungen vorliegt.

Angestellte gehen in Rente, der Präsident der Deutschen Rentenversicherung geht in Pension, und mancher Solo-Selbstständige hat gar keine ausreichende Altersvorsorge. Wie lange wird es dieses Dreiklassensystem noch geben?

Es ist sehr schwer, die Absicherung von Arbeitnehmern mit der der Beamten zu vergleichen, weil die Rahmenbedingungen ganz unterschiedlich sind. Da sehe ich kurzfristig keine Änderung.  Aber als ersten Schritt fände ich es richtig, die Selbstständigen, die bislang in keinem obligatorischen System abgesichert sind, in die Rentenversicherung einzubeziehen. Die Altersvorsorge muss in der Erwerbsphase mit eingepreist werden. Ich sehe nicht, dass da ein Selbständiger in einer anderen Situation ist als ein abhängig Beschäftigter.

Und wie hat der Rentenprofi Reimann seinen Ruhestand vorbereitet?

Ehrlich gesagt: Nicht wirklich. Ich setze mich am 2. Januar hin und mache eine To-Do-Liste. Ganz oben steht: Mehr Zeit für die Familie und die Enkelkinder.

Das Interview führte Karl Doemens.