Das Büro von Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) ist eigentlich kein Raum für fröhlich-optimistische Gedanken. Der Raum ist mit dunklem Holz getäfelt. Wenigstens schaut sie vom Schreibtisch aus in den Rudolph-Wilde-Park neben dem Rathaus Schöneberg. Und angesichts der guten Daten aus der Berliner Wirschaft gibt es auch genügend Gründe, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Doch zufrieden ist Yzer nicht.

Frau Yzer, die Berliner Wirtschaft läuft gut und sogar besser als im Bund insgesamt. Schaut man aber auf den Arbeitsmarkt, geht der Aufschwung an den Berlinern vorbei. Warum?

Das stimmt so nicht: Die Beschäftigtenzahlen steigen, und zwar seit Jahren. Richtig ist, dass etliche neue Arbeitsplätze von Zuzüglern besetzt werden oder Firmen gleich ihre Spezialisten mitbringen. Etwa in der Digitalwirtschaft.

Dann hier genaue Zahlen: Von Januar 2012 bis Januar 2015 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berlin um 100000 ...

Das ist ein grandioser Erfolg. Danke an alle Unternehmen, die dazu beitragen!

... die Zahl der Arbeitslosen sank aber nur um 21000. Das heißt, nur wenige Berliner haben vom Beschäftigungszuwachs profitiert.

Zunächst einmal zum Begriff der Berliner: Die Zuzügler sind doch dann auch Berliner. Sie kommen hierher, weil sie hier arbeiten und leben wollen. Und die 21000, die aus der Arbeitslosigkeit ausschieden: Auch das ist ein großer Erfolg, wenn man sich die 90er-Jahre und den Beginn der Jahrtausendwende anschaut. Da steckte die Berliner Wirtschaft in einer schwierigen Umstrukturierung. Die Arbeitslosenzahl ist damals stetig gestiegen. Erst seit wenigen Jahren geht es bei der Beschäftigung wieder bergauf.

Wie stark und gut ist der wirtschaftliche Aufschwung? Allein vom Touristen-Boom kann Berlin nicht ewig leben.

Die Gründerszene und die Digitalwirtschaft expandieren, ebenso die Dienstleistungsbereiche, aber auch unsere industriellen Wachstumsbranchen. Die Gesundheitswirtschaft beispielsweise investiert derzeit überproportional in Berlin. Gerade erst hat das Pharmaunternehmen Riemser seinen Sitz aus Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin in das Gelände der alten AEG am Hohenzollerndamm verlegt. Zum 1. Juli kommt der Impfstoffhersteller Sanofi Pasteur MSD mit seiner Deutschland-Zentrale aus Baden-Württemberg nach Berlin. Die Gesundheitssparte mitsamt der Medizintechnik birgt ein unglaubliches Potenzial, das wir gerade heben.

Bei Siemens stehen gerade bis 1400 Stellen auf dem Spiel. Hätte jemand vor zwei Jahren gesagt, dass das Werk in Moabit mit seinen exzellenten Gasturbinen auf der Kippe steht, er wäre für verrückt erklärt worden. Könnte das nicht mit den Ansiedlungen, die Sie gerade aufführten, ebenso in drei, vier Jahren passieren?

Globale Überkapazitäten und ein schwieriges Marktumfeld wie aktuell bei Großturbinen können jederzeit jeden Standort auf der Welt treffen. Der Wettbewerb ist inzwischen so hart, dass man sich seinen Standort jeden Tag neu erkämpfen muss. Wir haben als Berliner Standort gegenwärtig ein einzigartiges Zeitfenster, das man für Investitionen, für Ansiedlungen nutzen muss. Deshalb kann mir nichts schnell genug gehen.

Und was ist mit Siemens?

Wir werden mit Siemens im Gespräch bleiben, um möglichst viele Stellen in Berlin zu erhalten. Die Kompetenzen, die das Werk und vor allem die Mitarbeiter haben, dürfen nicht verloren gehen. Ich bin überzeugt, Siemens wird auch weiter in Berlin investieren und auf den Technologie- und Innovationsstandort setzen.

Zurück zur Schnelligkeit: Schon bei der Vergabe von Grundstücken scheint das nicht zu klappen. Investoren klagen, dass hier viel zu langsam entschieden wird.

Das ist ein Ärgernis. Wir haben Grundstücke, bei denen ich mir wünschte, dass die Entscheidung längst getroffen wäre – die Investoren stehen nämlich schon bereit. Nur deswegen, und nicht um Nachbarressorts zu ärgern, ist man als Wirtschaftssenatorin der Drängler: Es muss schneller gehen.

Aber fehlt nicht Personal in der Verwaltung?

In der Tat, da haben wir eine schwierige Situation. Das ist kein Geheimnis. Aber wenn wir das kurzfristig nicht ändern können, müssen wir eben die wichtigsten Dinge zuerst machen, also Prioritäten zugunsten von Investitionsentscheidungen und Arbeitsplätzen setzen. Wir haben beispielsweise in der Wirtschaftsverwaltung den Einheitlichen Ansprechpartner für Unternehmen so ausgebaut, dass er nicht nur 80 Fälle wie früher, sondern bis zu 13 000 Fälle in diesem Jahr bearbeitet – ohne zusätzliches Personal. Wir haben Prioritäten gesetzt und umstrukturiert. So ist es uns auch gelungen, die Mittel für Berlin aus der Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung der regionalen Wirtschaftsstruktur nicht nur vollständig abzurufen, sondern auch nicht verwendete Gelder aus anderen Bundesländern nach Berlin zu ziehen. Wir müssen uns der Tatsache bewusst sein, dass wir als Wirtschaftsstandort Berlin erst ganz am Anfang stehen.

Weil Berlin ein höheres Wachstum braucht, um den Rückstand zu anderen Regionen aufzuholen.

Genau deshalb. Wir müssen noch über Jahre überproportional wachsen, damit es mehr Arbeit und Einkommen und Steuern gibt. Wir können den Wachstumsschub, den Berlin derzeit erfährt, nicht mit Selbstzufriedenheit hinnehmen. Berlin ist hip, ein Magnet für Menschen und Entscheider aus aller Welt – aber wissen wir, wie lange dieser Trend hält? Daher müssen wir jetzt Entscheidungen festklopfen, die uns weitere Perspektiven geben – wie bei der Industrie 4.0.

Für 3D-Drucke muss man nicht nach Fernost

Das klingt schön, aber was bringt Industrie 4.0 für Berlin?

Dabei geht es um die Digitalisierung von Produktionsprozessen. Diese Technologie bietet die Chance, aus Kostengründen ins Ausland verlagerte Teilprozesse der Produktion wieder nach Deutschland zurückzuholen. 3D-Drucke etwa können dezentral an jedem Ort erfolgen, dazu braucht man keine zentrale Produktionsstätte in Fernost.

++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie sich Yzer zum ICC äußert ++