Interview mit Harald Glööckler: „Ich gebe den Frauen ihren Stolz zurück“

Harald Glööckler, der sich selbst als Mode-Prinz tituliert, lebt und arbeitet seit 2011 in einer Penthouse-Wohnung Unter den Linden in Berlin. Hier wohnt der exzentrische Designer mit Lebens- und Geschäftspartner Dieter Schroth und Hund Billy King. Das Interview findet in einem Appartment um die Ecke in der Friedrichstraße statt, in dem sich vor allem Geschäftsräume befinden. Die Ausstattung ist ähnlich üppig wie in der Penthouse-Wohnung: Barocke Tapeten, Kronleuchter und eine ausladende Tafel mit opulenten Stühlen. Glööckler trägt an diesem Tag einen eher dezenten Anzug und sorgfältig lackierte Fingernägel.

Herr Glööckler, wie lange brauchen Sie morgens, bis Sie aus dem Haus gehen?

Nicht so lange, wie man denkt. Es kann zwischen einer halben und sechs Stunden dauern, zum Beispiel wenn ich was mit Strass im Gesicht mache.

Dann ging es heute schneller?

Heute habe ich ’ne halbe Stunde gebraucht, die Haare saßen aber schon.

Wie wichtig ist Ihr Aussehen für Ihren Erfolg?

Ich denke sehr. Es geht nicht unbedingt darum, schön zu sein. Schön ist die kleine Schwester von doof. Man muss jemand sein, über den die Menschen reden können. Dass ich es auf die Spitze getrieben habe wie viele andere Dinge auch, ist mir schon klar.

Wie waren die Reaktionen, als Sie 1990 Ihre Marke Pompöös auf den Markt brachten und dann eigene Haute-Couture-Shows starteten?

Viele haben immer nur einen Spinner in mir gesehen. Aber Salvador Dalí wäre es ähnlich gegangen, wenn er in Deutschland gelebt hätte. Alle großen Ideen wurden erst mal als verrückt abgetan: Ob die von Leonardo da Vinci kamen oder von Galileo.

Sehen Sie sich ernsthaft als eine Art Salvador Dalí des 21. Jahrhunderts?

Nein! Ich vergleich mich nicht mit anderen. Was ich damit in erster Linie sagen will ist, dass es Kreative in Deutschland immer sehr schwer haben und ich mich freue, trotzdem in Deutschland so erfolgreich geworden zu sein.

Warum wurde Ihre Mode anfangs abgelehnt?

Meine Mode wurde nicht abgelehnt. Sie wurde in Deutschland oftmals nicht verstanden. Das Problem ist, dass Mode vor 25 Jahren in Deutschland noch keine Lobby hatte. Ich wurde oft dafür kritisiert, dass die Kleider, die ich damals für meine Shows entworfen habe, nicht alltagstauglich sind. Aber ein Brautkleid zieht man auch nicht auf der Straße an.

Sie haben nie Design studiert, richtig?

Ich bin Autodidakt, so wie Vivienne Westwood oder Edith Piaf. Ich habe einfach ein Gefühl für Mode.

Was hat Sie dazu gebracht, Kleider zu entwerfen?

Meine Mutter hat ein sehr schwieriges Leben gehabt, deshalb habe ich schon als Kind beschlossen, jede Frau zu einer Prinzessin machen. Mit sieben Jahren habe ich dann für meine Tante mein erstes Kleid entworfen. Ich bin denselben Weg gegangen wie die Haute-Couture-Designer in Paris: Ich habe einen Namen aufgebaut, transportiere den über extravagante Auftritte, über Shows, verkaufe dann aber etwas ganz anderes.

Zum Beispiel relativ solide Mode beim Teleshopping-Sender QVC.

Ich fand nie etwas peinlich daran, ein Kleid für 79 Euro zu entwerfen und es über Teleshopping zu verkaufen. Das ist zu diesem Preis in einer guten Qualität viel schwieriger, als ein Kleid für 10.000 Euro zu designen. Ich möchte, dass alle Menschen meine Mode tragen können.

Wer kauft im Fernsehen ein?

Es gibt bei mir jüngere und reifere Kundinnen durch alle Gesellschaftsschichten, das sehe ich an der Fanpost. Von der Millionärsgattin bis zu Menschen mit geringerem Einkommen.

Sind ältere Frauen eine dankbare Kundschaft?

Sie sind dankbar, dass es mich gibt. Sie haben ihr Leben lang Männer erlebt, die sich nur um sich selbst gekümmert haben. Und da ist nun einer, der sie schön findet, wie sie sind. Ich gebe manchen Frauen ihren Stolz und ihr Selbstwertgefühl zurück. Sie haben die Kinder groß gezogen, dann ist der Mann fremd gegangen, und jetzt stehen sie alleine da und fühlen sich hässlich und dick. Ich verspreche den Frauen, dass sie bewundert werden, wenn sie meine Sachen anziehen.

Trotzdem: Würden Sie Ihre Sachen insgeheim nicht lieber auf den internationalen Laufstegen präsentieren?

Nein! Das wäre so, als würden Sie einen Gärtner fragen: Würden Sie Ihre Blumen nicht lieber in Versailles sehen als in jedem Schrebergarten? Die Haute Couture wird mühsam am Leben gehalten. Die jungen Leute interessiert nicht, was in Paris passiert. Die gucken MTV und nach Hollywood, was die Stars tragen. Wenn etwas cool ist, wird es gekauft.

Aber die jungen Leute sind doch gar nicht Ihre Zielgruppe?

Das stimmt nicht. Früher waren es eher die reiferen Herrschaften, aber die Großmutter reißt die Tochter und die Enkelin irgendwann mit. Und durch Dinge wie die TV-Serie ’Glööckler, Glanz & Gloria’ habe ich inzwischen Fans in allen Altersschichten. Auch viele 14- bis 18-Jährige.

Sind Ihre Produkte für die jungen Fans nicht etwas zu teuer?

Der Versandhändler Bonprix ist nicht so teuer, dass man es sich nicht leisten kann. Und ein Doppelpack Lipgloss für 19,95 Euro ist auch erschwinglich.

Viele Kunden kaufen bei Textilketten wie H&M oder Primark Sachen für eine Saison und werfen sie dann weg. Wird Kleidung generell zu billig angeboten?

Ich möchte das nicht bewerten, es gibt offensichtlich einen großen Markt dafür. Es wird ja auch niemand gezwungen, das zu kaufen. Ich persönlich würde Produkte, bei denen die Qualität zu wünschen übrig lässt, nicht kaufen und auch nicht verkaufen.

Sie bringen alle Produkte über Lizenzen auf den Markt. Wie funktioniert dieses Geschäftsmodell?

Wir kriegen täglich Anfragen von Unternehmen, die mit mir arbeiten möchten. Diese Partner erhalten eine Lizenz dafür, eine meiner Marken sowie meinen Namen zu nutzen. Im Gegenzug produzieren sie die Ware. Mit meinem Team erstelle ich Designs, die Unternehmen setzen diese Designs um, und ich nehme am Ende jedes einzelne Muster ab.

Welche Vorteile haben Lizenzen?

Ich habe null Risiko, muss wenig investieren und hole mir starke Partner ins Boot wie zum Beispiel Marburg Tapeten, die ihre Teams schon mitbringen. Dadurch kann ich meine Marke veredeln oder verjüngen.

Und wenn die Produkte sich nicht verkaufen, ist das nicht Ihr Problem.

Das ist nicht ganz richtig. Letztlich partizipiere ich am Erfolg der Produkte. Zwar müssen mir meine Partner einen Mindestlizenzbetrag garantieren, aber es gab zuletzt Beispiele, da waren die Garantien für ein Jahr schon in zwei Monaten drin. Meine Partner sind ja auch alle clevere Geschäftsleute, die machen auch Marktforschung und überlegen sich gut, mit wem Sie zusammenarbeiten.

Sie haben auch für den Discounter Lidl exklusiv eine Schmuckkollektion entworfen. Haben Sie keine Bedenken, dass Sie Ihr Image verramschen?

Ich überlege sehr genau, was ich mache und kontrolliere alles. Wir sagen doppelt so viele Kooperationen ab, wie wir annehmen. Der Erfolg gibt mir recht.

Mit wem würden Sie nicht kooperieren?

Ich wurde angefragt, ob ich Ausstattungen für Särge designen würde. Also das muss nicht sein.

Wie viele Glööckler-Produkte gibt es denn inzwischen?

Tausende, das kann ich nicht genau sagen.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass Ihre Marke irgendwann zu stark verwässert?

Pierre Cardin hat wie ich am Anfang große Couture-Schauen gemacht und später unzählige Lizenzen vergeben. Und sein Name hat bis heute weltweit einen phänomenalen Ruf.

Wie viel verdienen Sie pro verkauftem Produkt?

Das ist sehr unterschiedlich. Aber darüber spreche ich nicht. Ich arbeite sehr hart für mein Geld und spende unglaublich viel. Als ich noch nicht so bekannt war, hat es auch niemanden interessiert, wie ich über die Runden komme.

Man liest, Sie seien Millionär.

Ich habe so was auch schon gelesen, aber auch dazu werde ich mich nicht äußern.

Ist Ihnen Geld wichtig?

Geld ist Energie, und Energie ist wichtig. Aber ich renne Geld nicht hinterher, sonst rennt es einem weg. Ich mache nichts des Geldes wegen, sondern ich mache Dinge aus Begeisterung. Dann kommt das Geld von ganz alleine.

Sie haben mal gesagt: Understatement war gestern…

Nein, das habe ich nicht gesagt!

Dennoch: Ihre Markenzeichen sind eine Krone und viel Glitzer. Ist die Nachfrage nach Bling-Bling, wie Sie es nennen, typisch für Krisenzeiten, in denen auch der Lippenstift kräftiger wird?

Im Moment haben wir durchaus eine Zeit, in der mehr Glamour angesagt ist. Der Lippenstift wird übrigens auch in Krisenzeiten in der Ehe röter. Wenn die Frau wieder anfängt, sich zu schminken, sollte der Mann sich Gedanken machen…

Und was machen Sie, wenn bei Ihren Kunden wieder eher Schlichtheit gefragt ist?

Es gibt Menschen, die sich klassisch anziehen und mit Bling-Bling nichts anfangen können. Und es gibt Menschen, die gerne Gas geben. Da glitzert’s und die finden das toll. Deswegen werde ich immer eine Klientel haben.

In der Doku-Serie waren Sie in Hollywood zu sehen. Verkaufen Sie Ihre Produkte auch in den USA?

Ja, aber noch nicht alles. Das soll sich ändern. Wir sind derzeit in intensiven Gesprächen mit meinem Management in den USA, um die Marken Glööckler und Pompöös weltweit auf den Markt zu bringen.

Wäre eine Online-Shop nicht das richtige, um alle Produkte über eine Plattform zu vermarkten?

Daran arbeiten wir gerade.

Das Interview führte Jutta Maier.