Die Koreanerin Inhi Cho Suh ist seit 2016 Managerin bei IBM im kalifornischen Silicon Valley. Big Data, digitale Lösungen, selbstlernende Systeme – das ist die Welt, in der die 42-Jährige zu Hause ist.

Wir trafen Inhi Cho Suh zu einem Interview in Hamburg beim DUB Unternehmer-Magazin, dem Magazin der Deutschen Unternehmerbörse. Auf einem Balkon mit Blick auf die Alster sprachen wir mit ihr darüber, wie und ob Künstliche Intelligenz unsere Zukunft verändern kann.

Frau Inhi Cho Suh, nutzen Sie selbst Künstliche Intelligenzen in Ihrem Alltag?

Ja, das ist bei uns allgegenwärtig. Die Lichter in unserem Haus funktionieren automatisiert, wir haben Sicherheitskameras, Musik hören wir per Sprach- oder App-Befehl, und wir nutzen diverse Smart-Home-Systeme. Meine beiden kleinen Söhne gehen schon sehr geschickt mit diesen Technologien um. Mein Sechsjähriger kann zwar noch nicht lesen oder schreiben, aber er navigiert souverän durch mein iPad oder den Computer.

Watson ist das bekannteste Computerprogramm aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz. Es wurde von IBM entwickelt. Zur Demonstration seiner Leistungsfähigkeit trat Watson 2011 in der Quizshow „Jeopardy!“ gegen zwei Menschen an, die zuvor Rekordsummen erspielt hatten – und gewann. Was streben Sie langfristig bei IBM mit Künstlichen Intelligenzen an?

Wir wollen menschliche Expertise und Fähigkeiten verbessern. Bei IBM verstehen wir Künstliche Intelligenz als erweiterte Intelligenz oder auch kognitive Intelligenz, ein Kernelement auch bei Watson. Erweiterte Intelligenz bildet die Fähigkeiten ab, die uns menschlich machen: Unsere Fähigkeit zu verstehen, zu schlussfolgern, Entscheidungen abzuwägen, zu lernen und zu interagieren. Das Erinnerungsvermögen ist dabei entscheidend. Viele Technologien der Künstlichen Intelligenz können sich bislang keine Hintergründe oder Kontexte merken.

Glauben Sie, dass solche Systeme irgendwann ein eigenes Bewusstsein entwickeln können?

Wenn man über das Bewusstsein von Künstlicher Intelligenz spricht, dann meint man vor allem das selbstständige Lernen, bei dem sich das System mit Hilfe der enormen Datenmenge selbst trainieren kann. Bei IBM konzentrieren wir uns auf spezialisiertes, überwachtes Lernen. Da bewegen wir uns noch an der Oberfläche. Wir glauben nicht, dass so eine Künstliche Intelligenz von der Sie sprechen, in naher Zukunft relevant sein wird. Die Ängste scheinen mir eher weit hergeholt zu sein.

Können Sie sich vorstellen, dass Künstliche Intelligenzen irgendwann außer Kontrolle geraten könnten? Nicht nur Stephen Hawking hat jüngst davor gewarnt und eine zwiespältige Meinung dazu …

Menschen und Organisationen werden Technologie immer nutzen, um ihre Positionen zu verbessern. Aber die Möglichkeiten, die maschinelles Lernen bieten, um Probleme wirtschaftlich effizienter zu lösen, sind für mich aufregender als die negativen Aspekte. Jeder hat aber auch eine gewisse Eigenverantwortung. Man kann vor den neuen Technologien nicht weglaufen. Stattdessen sollten alle lernen, die Entwicklung anzunehmen und im Kontext ihres Unternehmens oder der Gemeinschaft anzuwenden. Weiterbilden, statt immerzu Angst zu haben.

Manche älteren Menschen können nicht mal einen Computer bedienen und fühlen sich längst abgehängt von der immer schneller voranschreitenden Digitalisierung. Experten befürchten sogar eine immer größere Schere zwischen Menschen, die mit Technik vertraut sind und denen, die nicht mehr mitkommen …

Es ist ein globales Problem, dass es Menschen gibt, die Zugang zu Bildung und Technologien haben und welche, die das nicht haben. Das ist in der Tat ein Problem, aber es ist eben keines, das sich auf Künstliche Intelligenzen begrenzt. Das können die Unternehmen auch nicht lösen, sondern das ist Aufgabe des Staates, des Bildungssektors und der Gesellschaft.

Auch jüngere Menschen sorgen sich, denn Künstliche Intelligenzen schaffen neue Jobs und alte ab. Manche befürchten, dass sie durch die neuen Technologien ihre Arbeit verlieren könnten.

Die Technologie entwickelt sich immer weiter. Auch die menschlichen Fähigkeiten müssen sich mitentwickeln. Bei IBM erwarten wir, dass sich auch neue Jobprofile, Rollen und Kompetenzen entwickeln werden. Diese Menschen werden mit den neuen Systemen arbeiten. Bei der Bildung sollten Staat und Unternehmen zusammenarbeiten. IBM hat zum Beispiel in den USA das Programm P-Tech ins Leben gerufen: 60 Schulen wurden um eine Art kleinen College-Abschluss erweitert. Die Schüler erhalten über zwei Jahre eine Vorbereitung auf die Arbeit mit verschiedenen neuen Technologien – ohne direkt einen kompletten Universitätsabschluss machen zu müssen.

Künstliche Intelligenzen benötigen riesige Datenmengen. Wie stellen Sie sicher, dass Kundendaten nicht missbraucht werden?

Wir unterscheiden zwischen privaten Daten, die ausschließlich dem Kunden gehören und denen, die dem Unternehmen gehören oder denen, die öffentlich sind – beziehungsweise Daten, die genutzt werden, um die kognitiven Systeme zu trainieren. Wenn wir Watson für Unternehmen einsetzen, besprechen wir genau, wie wir das System trainieren, mit welchen Daten wir es füttern und welche Daten wir überhaupt verwenden dürfen.

Offen gesagt gibt es dazu jedoch keine klare Linie. Viele alternative Plattformen, die Künstliche Intelligenzen anbieten, unterscheiden bei diesen Daten nicht, weil sie schnellstmöglich so viele Daten wie möglich sammeln wollen. In Zukunft wird genau diese Daten-Frage die verschiedenen Anbieter aber voneinander unterscheiden.

Das klingt alles sehr theoretisch. Wo setzen Sie Watson heute in der Praxis ein?

Heute sind wir mit Watson in mehr als 45 Ländern und in 20 verschiedenen Wirtschaftsbereichen aktiv. Darunter die Sektoren Gesundheit, Versicherung und Bildung. Bei der Entwicklung binden wir die Menschen aktiv ein. Watson soll menschliche Fähigkeiten so erweitern, dass sie den Bedürfnissen der Menschen dienen. Aber das System könnte das nicht allein. Watson braucht definitiv Menschen, um die besten Ergebnisse zu erzielen. Wir sprechen bei IBM auch von erweiterter Intelligenz, die menschliche Intelligenz und Fähigkeiten ergänzen, sie aber nicht kopieren oder ersetzen sollen.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir haben Watson zum Beispiel für eine Steuerberatungsagentur mit ihren Beratern zusammenarbeiten lassen. Watson kennt alle steuerrechtlichen Details und unterstützt den Berater im Kundenkontakt. Ein anderes Beispiel war eine Zusammenarbeit mit dem britischen Musikproduzenten Alex da Kid.

Mit Hilfe von Watson sollte ein Liebeslied kreiert werden. Um herauszufinden, was Liebeskummer in verschiedenen Sprachen und Ländern bedeutet, sammelte Watson Social-Media- Daten und andere öffentliche Daten aus dem Internet. Der Song „Not easy“ kam unter die Top Ten der Billboard Charts in Amerika.

Woran arbeiten Sie gerade mit Ihrem Team?

Wir integrieren Watson in alltägliche Kommunikationsprogramme wie Chats, Messengerdienste, Videokonferenzen oder auch in soziale Netzwerke. Das System lernt, geschäftliche Kommunikation zu verstehen und dann Aufgaben zu automatisieren, die sich aus dem Gespräch ergeben. Betrachten wir zum Beispiel Versicherungsunternehmen: Wir können Watson im Kontext der Kundenpflege beibringen, den Verkaufszyklus zu beschleunigen.

Watson versteht den Status des Gesprächs und kann einen Textentwurf erstellen, der digital mit Hilfe natürlicher Sprache unterzeichnet wird. Der Arbeitsprozess wird automatisiert und über Sprache gesteuert, ohne fünf oder sechs verschiedene Programme zu öffnen.

Welcher Bereich wird sich am stärksten durch Künstliche Intelligenzen in den nächsten Jahren verändern?

Künstliche Intelligenz wird in Zukunft jeden Industriesektor und jeden Bereich unserer Gesellschaft komplett verwandeln und auch unsere Arbeit fundamental verändern. Das passiert schon jetzt häufig. Manchmal agieren wir ohne dass wir es wissen mit Systemen, die auf Grundlage von lernenden Algorithmen arbeiten.

Wir können die Entwicklungen rund um Big Data, Digitalisierung oder Cybersicherheit nicht mehr aufhalten. Ich würde jedem raten, sich damit zu beschäftigen. Wir werden diesen Entwicklungen nicht mehr entkommen.