Das gab es noch nie: eine öffentliche Bewerbung für das Amt des Weltbankpräsidenten. Bis Freitag müssen die möglichen Nachfolger des Amtsinhabers Robert Zoellick nominiert werden – die Entscheidung traf bisher stets die US-Regierung nach Hinterzimmer-Deals mit der EU. Doch jetzt versucht ein Kandidat, sich mit einer öffentlichen Kampagne den Posten zu erkämpfen: Star-Ökonom Jeffrey Sachs.

Der ist zwar selbst US-Amerikaner, wurde aber von einigen Entwicklungsländern nominiert – obwohl er wegen seiner offenen Kritik an der US-Finanzpolitik kaum Chancen hat. Dabei ist der 57-jährige Direktor der New Yorker Columbia University eine Koryphäe, wenn es um die Aufgaben der Weltbank geht: den Umbau ganzer Volkswirtschaften von weniger entwickelten Ländern.

Schon mit Anfang 30 beriet er Bolivien, später Polen, Russland, Indien und China. Und seit 1995 bemüht er sich, die Armut in Afrika bekämpfen. Wir sprechen Sachs irgendwo über der Savanne Ghanas in einem Flugzeug auf dem Weg zu einem Hilfsprojekt. Er kandidiere allein deshalb, sagt er mit tiefer Stimme, weil er keine Lust habe, schon wieder einem Weltbankchef erklären zu müssen, wie sehr Malaria Afrika schadet.

Professor Sachs, Sie könnten bequem in Ihrem Chefbüro in der Columbia University am Central Park sitzen und Aufsätze über Makro-Ökonomie schreiben. Stattdessen reisen Sie in entlegenste Winkel Afrikas, um auf Dorfplätzen mit den Bewohnern über den Ausbau der Infrastruktur zu sprechen. Warum machen Sie das?

Es ist meine große Chance, dabei zu helfen, die Welt zu verbessern. Ich bin jetzt seit 26 Jahren auf solchen Missionen unterwegs und habe mich in der Zeit nie gefragt, ob ich es nicht auch bequemer haben könnte. Weil es aufregend ist, aber auch, weil es eine Verpflichtung ist.

Aber müssen Sie persönlich vor Ort sein und alles selbst ansehen?

Entwicklungsarbeit ist nur dann erfolgreich, wenn man tief ins Leben der Menschen vor Ort eintaucht. Wenn ich durch Afrika reise, lerne ich, indem ich die Landschaft beobachte, Kliniken besuche, mit der Dorfgemeinschaft spreche, ihnen zuhöre. Das ist unverzichtbar, auch wenn viele Experten denken, es aus einem US-Büro oder der jeweiligen Hauptstadt erledigen zu können.

Sie haben seit den 80er-Jahren viele Volkswirtschaften in kurzer Zeit umgekrempelt. In Afrika kämpfen Sie nun seit 17 Jahren gegen extreme Armut. Erfolge stellen sich hier offenbar nicht so schnell ein.

Das stimmt. Aber dafür gibt es Gründe. Afrika ist seit Jahrzehnten die ärmste Region der Welt, es wurde vom Rest der Welt misshandelt, versklavt, ausgebeutet – dazu kommen Naturkatastrophen und endlose Krisen durch schlechte Regierungen. Ich sehe es so: Afrika ist für mich eine verlockende Herausforderung, der ich viel Zeit widme.

Um die extreme Armut zu beenden, wollen Sie nun sogar Weltbank-Präsident werden. Was versprechen Sie sich von dem Posten?

Es war ja ursprünglich nicht meine Idee, mich für das Amt zu bewerben. Doch als klar war, dass die Stelle neu besetzt würde, haben mich mehrere Entwicklungsländer wie Namibia, Kenia, Jordanien und Osttimor nominiert. Und das nehme ich ernst. Also habe ich mich öffentlich beworben – und seitdem auch Unterstützung von der Öffentlichkeit, von Nobelpreisträgern und von US-Kongress-Abgeordneten erhalten. Allein meine Kandidatur, aber erst recht die vielschichtige Unterstützung bringt Dynamik in die Sache. Bisher hat stets die US-Regierung ihren Kandidaten durchgesetzt. Doch nach elf Weltbank-Präsidenten aus der Bankenwelt, dem Verteidigungssektor und dem Kongress, die alle zum Amtsantritt keinerlei Erfahrung in Entwicklungsfragen hatten, braucht es endlich einen versierten Fachmann mit einem soliden internationalen Erfolgskonto auf dem Gebiet.

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