Berlin - Wenn Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz nach Europa reist, freut sich die US-Regierung. Dann bekommt ausnahmsweise  die europäische Wirtschaftspolitik die Leviten gelesen. Der frühere Chefvolkswirt der Weltbank gehört zu den weltweit prominentesten Kritikern des deutschen Sparkurses in der Eurozone. Zum Interview  treffen wir ihn auf einem Europa-Kongress der Hans-Böckler-Stiftung in Brüssel und erleben einen ebenso freundlichen wie scharfzüngigen Beobachter der europäischen Misere.  

Seit fast einem Jahrzehnt leben wir in einer Wirtschaftskrise, zumindest in Europa. Was muss die Politik unternehmen, diesen permanenten Ausnahmezustand zu beenden?

Stiglitz: Dafür muss sie die Euro-Zone reformieren. 

Das macht sie die ganze Zeit.

Stiglitz: Aber nicht schnell genug. Und die Politik muss die Art der Reformen ändern. Europa erlebt ein verlorenes Jahrzehnt, aus dem ein verlorene Ära von einem ganzen Vierteljahrhundert zu werden droht. Dabei gibt es gar keine unheilbare europäische Krankheit, die ein Wachstum wie in andern Regionen verhinderte und unmöglich machte.

Woran liegt es dann?

Stiglitz: Das liegt auf dem einseitigen Fokus auf Austerität oder Kürzungen im Staatshaushalt.  Wenn ich einen Grund für die europäische Misere benennen sollte, dann würde ich diesen anführen. Es kommen aber weiter Gründe hinzu. So haben es die Euro-Staaten versäumt, eine  Bankenunion zu schaffen.

Sie kritisieren also, dass die Bundesregierung mehr Sparsamkeit und einen konsequenten Defizitabbau erzwingt. Aber muss sie das nicht nach den Erfahrungen mit den Schuldenkrisen?

Stiglitz: Die Eurokrise wurde nicht durch übermäßige Ausgaben verursacht. Nicht einmal in Portugal war dies der Auslöser und in Spanien und Irland schon gar nicht. Nur in Griechenland spielte die Staatsverschuldung eine wichtige Rolle.

Dennoch brauchen viele Regierungen offenbar Druck. Besteht nicht die Gefahr, dass sie ohne höhere Zinsen oder harte Auflagen zu viel Geld ausgeben und Reformen verschleppen?

Stiglitz: Europa redet aus meiner Sicht zu viel über Fehlanreize oder das, was Ökonomen moral hazard nennen. Kein Land unterzieht sich freiwillig den Qualen, die große Teile Europas durchstehen müssen, nur um ein bisschen Geld von den anderen zu bekommen. Wenn die Menschen wählen könnten zwischen einer gesunden Wirtschaft in ihren Ländern und Hilfsgeldern aus Deutschland, würden sie sich immer für eine gesunde Wirtschaft entscheiden.