Eigentlich wollten wir mit dem Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister vor allem über die niedrige Inflation sprechen – warum es so schlimm sein soll, wenn die Preise nicht mehr steigen und die Menschen dadurch mehr Kaufkraft haben. Doch daraus wurde nichts. Denn gleich zu Beginn des Gesprächs tischte Schulmeister eine kühne These über die europäische Wirtschaft auf, über die wir nicht einfach hinweggehen konnten und die uns für den Rest des Gesprächs beschäftigte.

Herr Schulmeister, das Jahr geht zu Ende, die Zeit der Vorhersagen bricht an. Nächstes Jahr wird Europas Wirtschaft wieder stärker wachsen, sie lässt die Krise hinter sich...

Das halte ich für unwahrscheinlich. Die europäische Wirtschaft ist derzeit in einer klassischen Depression. Und aus der kommt sie nicht heraus, wenn die Regierungen so weitermachen wie bisher.

Wie bitte? Depression? Sie widersprechen damit allen großen Wirtschaftsforschungsinstituten.

Das verunsichert mich nicht im geringsten. Führende Institute wie die OECD prophezeien seit sechs Jahren für das jeweils folgende Jahr eine Erholung. Und dann kommt der Aufschwung doch nicht. Die Prognosen sind regelmäßig zu optimistisch.

Aber es gibt doch derzeit immerhin ein bisschen Wachstum.

Ich schaue nicht nur auf die momentane Situation, sondern auf die mittelfristige Wachstumsrate, und die bewegt sich um die Nulllinie. Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone ist heute immer noch niedriger als im Jahr 2007.

Mag sein. Aber warum sprechen Sie gleich von einer Depression? Das klingt dramatisch.

Europa ist in einer klassischen Depression, weil sich die einzelnen Sektoren wechselseitig blockieren. Die Privathaushalte geben nicht mehr Geld aus, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist und die Menschen insgesamt wenig Zutrauen darin haben, wie es weitergeht in Europa. Wir sind von dem Grundoptimismus der 1960er-Jahre meilenweit entfernt. Deshalb stagniert der Privatkonsum. Das wiederum ist ein Grund dafür, dass Unternehmen wenig investieren. Und die Regierungen sagen: Wegen der prekären Staatsfinanzen können wir auch keine Initiativen ergreifen.

In Deutschland steigt aber der Privatkonsum. Viele Beschäftigte können mehr kaufen, weil sie höhere Gehälter erhalten und gleichzeitig die Preise für Verbrauchsgüter nahezu stabil sind. Die Inflationsrate liegt gerade einmal bei 0,4 Prozent.

Das ist richtig, aber wieder nur eine Momentaufnahme. Die Reallöhne in Deutschland sind ein wenig gestiegen, sie liegen aber immer noch auf dem Niveau der 1990er-Jahre! Es gab Jahre mit leichten Zuwächsen, dann ging es aber auch wieder abwärts. Und dass wir jetzt in Deutschland am Beginn eines kräftigen Aufschwungs stehen, ist eher unwahrscheinlich.

Erklären Sie das bitte noch einmal, wir haben es nicht verstanden.

Der Kapitalismus entfaltet seine Dynamik dann, wenn Unternehmen kräftig investieren. In Deutschland und in der gesamten Eurozone sind die Realinvestitionen aber auf einem desaströsen Pfad. Sie liegen derzeit etwa 30 Prozent unter dem Niveau von vor der Finanzkrise. Wenn Firmen kaum neue Fabriken bauen, wenn sie kaum neue Maschinen anschaffen, um ihre Produktivität zu erhöhen, dann entstehen auch kaum neue Arbeitsplätze. Dass die Produktivität kaum noch steigt, ist ein Problem in fast allen Industrieländern.

Die Investitionsschwäche sehen fast alle Ökonomen als Problem. Als Gegenmittel werden Strukturreformen empfohlen, zum Beispiel flexiblere Arbeitsmärkte oder Steuersenkungen. So sollen Investitionen wieder rentabler werden.

Das wird das Grundproblem nicht beheben. Denn erstens ist – wie gesagt – die Nachfrage zu schwach. Zweitens stimmen ganz prinzipiell die Profitanreize nicht. In den vergangenen 30 Jahren hat die Politik die Anreize nach und nach so verschoben, dass es für Unternehmen oft lukrativer ist, mit ihrem Geld zu spekulieren, als damit neue Maschinen und Anlagen zu kaufen.

Die Finanzmärkte wurden liberalisiert, die festen Wechselkurse aufgegeben, Finanz-Derivate geschaffen, der Hochfrequenzhandel erlaubt. Dadurch wurden unendlich viele Möglichkeiten geschaffen, mit Spekulationen hohe Gewinne zu machen. Gleichzeitig wurde das Wirtschaftswachstum schwächer. Für Unternehmen wurde es schwieriger, mit der Ausweitung der Produktion hohe Gewinne zu erzielen. Also verlagerte sich ihr Gewinnstreben auf die Finanzmärkte. Das Kapital ist nun einmal ein nimmersattes Tier, das dorthin geht, wo es am meisten zu fressen gibt.

+++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, was Stephan Schulmeister von Spekulation hält +++