Irans Präsident Hassan Ruhani lässt derzeit keine Gelegenheit aus, um in Gesprächen mit ausländischen Politikern oder Interviews mit internationalen Medien um Investoren zu werben. Inzwischen treffen in Teheran Regierungsdelegationen aus aller Welt fast im Stundentakt ein; Unternehmensvertreter planen Reisen; Handelskammer-Vertreter führen Gespräche mit ihren Kollegen. Alle möchten beim Rennen um das Iran-Geschäft an der Start-Linie stehen.

Ende November 2013 endeten die Atomgespräche zwischen den westlichen Staaten und Iran in Genf mit der Übereinkunft, dass der Iran sein Nuklearprogramm zurückfährt und im Gegenzug die internationalen Sanktionen teilweise und befristet auf sechs Monate gelockert werden. Seit dem 20. Januar wird die Vereinbarung umgesetzt.

Marode Wirtschaft

Aktuell hält sich eine französische Wirtschaftsdelegation mit Vertretern von über 100 namhaften Unternehmen in Teheran auf. Ende Februar wollen der Iran und China ein Wirtschaftsabkommen schließen. Angepeilt ist die Steigerung des Handelsvolumens auf 38 Milliarden Dollar (28 Milliarden Euro). Abgesandte schwedischer Banken und Exportversicherer bekundeten Ende Januar bei einem Besuch in Teheran ihre Bereitschaft, sich auf dem iranischen Markt zu engagieren. Kurz darauf reiste der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan mitsamt einer großen Delegation in Teheran an. Ziel ist es, das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern bis 2015 auf 30 Milliarden Dollar zu steigern, wofür auch gleich entsprechende Abkommen unterzeichnet wurden. Zuvor hatte Ruhani dem südkoreanischen Parlamentspräsidenten Kang Chang-hee den roten Teppich ausgerollt: Südkoreanische Unternehmen seien als Investoren im Öl-, Gas- und Energiesektor willkommen.

Die Deutschen, die früher traditionell gute Beziehungen zum Iran hatten, wären also keineswegs die ersten. Iranische Medien berichten zwar, dass demnächst auch aus der Bundesrepublik eine Wirtschaftsabordnung erwartet werde. Doch in Berlin wird das fast erschrocken dementiert. „Aktuell gibt es keine Pläne, mit einer Wirtschaftsdelegation in den Iran zu reisen,“ lässt das Bundeswirtschaftsministerium mitteilen.

Im Iran herrscht wegen des großen Interesses Aufbruchstimmung, doch die Wirtschaftslage ist noch immer prekär – was zum Teil eine Folge des strikten internationalen Sanktionsregimes ist, zum Teil aber auch durch Bürokratie, Missmanagement, hohe Subventionen, Korruption und Ineffizienz verursacht wurde. So war im vergangenen Jahr das Bruttoinlandsprodukt nach offiziellen Angaben um 5,9 Prozent zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit bei offiziell 30 Prozent, die Inflationsrate lag im Januar bei 38,4 Prozent.

Die Ölproduktion Irans ist wegen der Sanktionen um rund 1,6 Millionen Barrel pro Tag gesunken. Wurden 2011 noch 4,3 Millionen Barrel pro Tag produziert, waren es im November nur noch 2,65 Millionen Fässer. Auch die iranische Autoproduktion, einst ein Exportschlager, steckt in der Krise: 2013 brach die Produktion der beiden Hersteller Iran Khodro und Saip wegen fehlender Zulieferteile um die Hälfte ein. Und im Süden des Landes verursachten eine anhaltende Dürre plus ineffektiver oder fehlender Bewässerungsanlagen enorme Ausfälle in der Agrarproduktion.

Hauptstadt soll verlegt werden

Veraltete Anlagen in der Erdöl- und Industrieproduktion, Subsistenzwirtschaft im Agrarbereich, fehlende Ersatzteile für die Flotte der Luftfahrtgesellschaften sind jedoch nicht nur Ausdruck der Misere, sondern auch des enormen Bedarfs des Landes an ausländischen Maschinen, Technologien und Waren. Der Iran bietet mit einer Bevölkerung von fast 80 Millionen Menschen einen riesigen Absatzmarkt und ist mit seinen Ressourcen, allen voran den vermutlich zweitgrößten Öl- und Gaslagerstätten der Welt, zugleich ein potenter Wirtschafts- und Handelspartner.

Und das Land hegt ehrgeizige Pläne: Die U-Bahn in Teheran soll ausgebaut werde. Im Dezember beschloss das Parlament eine Vorlage, um die Verlegung der politischen Hauptstadt und der Verwaltung vorzubereiten – wegen Überbevölkerung, Smog und Erdbebengefahr. Das Land will neue Raffinerien bauen und künftig Benzin und Diesel selbst produzieren. In der Landwirtschaft sollen Agrarbetriebe sowie Gewächshausanlagen entstehen. Der Iran habe das Potenzial, sagte Ruhani in Davos, zu einer der zehn größten Wirtschaftsmächte der Welt zu werden.

Die Euphorie der iranischen Führung und ausländischer Investoren ist also verständlich, aber wohl noch zu früh. Die Aussetzung der Sanktionen ist auf sechs Monate beschränkt, und der Iran muss seine Zusagen einhalten. Noch darf der Iran kein Rohöl ausführen, das Verbot von Finanztransaktionen erschwert die Abwicklung von Geschäften.

Die Aufhebung dieser Sanktionen wird erst nach Abschluss eines endgültigen Abkommens möglich sein. Dabei ist unsicher, ob US-Präsident Obama dann auch liefern kann, was die Iraner für Kompromisse im Atomstreit fordern. Denn über die Aufhebung der Sanktionsgesetze kann nur der Kongress befinden.