Tel Aviv - Kinder schreien „guck mal!“ Passanten drehen sich erstaunt um, wenn Nimrod Elmish seine Runden im alten Hafen von Tel Aviv dreht. Eigentlich fährt er bloß ganz normal Fahrrad. Aber so ein Vehikel, das einem bunten Comic entsprungen sein könnte, haben die Leute noch nicht gesehen. Das Teil fällt nicht nur äußerlich auf, es hat es auch in sich. Das Bike, das Elmish vorführt, besteht ausschließlich aus altem Pappkarton, recycelten Plastikflaschen und Gummi aus wieder verwerteten Autoreifen. Geschätzte Materialkosten: „Unter zwölf Dollar“, so Elmish.

Die israelische Erfindung könnte die Welt verändern – vor allem das Transportwesen in Entwicklungsländern, schon wegen des günstigen Preises. Davon ist man nicht nur in der Start-up-Firma Cardboard Technologies überzeugt, deren Chef Elmish ist. Hunderte Menschen aus diversen Ecken des Erdballs haben in nur wenigen Tagen insgesamt über 30.000 Dollar locker gemacht, damit das Pappfahrrad in die Massenproduktion gehen kann. Eine Gesamtinvestition von 5,5 Millionen US-Dollar (3,85 Millionen Euro) wird veranschlagt. Davon sollen zwei Millionen über eine Kampagne bei Indiegogo akquiriert werden. Das ist eine internationale Internetplattform für Crowdfunding, bei dem Konsumenten ihr Geld in kreative Projekte aus Kunst und Business stecken können. „Jeder, der bei uns mitmacht“, verheißt Firmensprecherin Sarit Harel, „ist Teil der nächsten grünen Revolution.“

Preiswerte Bikes für Schulkinder

In zwei Jahren soll es soweit sein. Die erste Fabrik ist in Or Akiva, nördlich von Tel Aviv, geplant. Eine zweite soll folgen, „wahrscheinlich in Deutschland“, verrät Elmish, der seit zehn Jahren israelische Start-ups vermarktet. „Weil die Deutschen Weltmeister im Recyceln sind und ihre Ingenieure so denken wie wir.“ Kaufen kann man schon jetzt: Wer bei Indiegogo 135 Dollar investiert, soll sein Karton-Bike im März 2015 frei Haus geliefert bekommen. Für 390 Dollar gibt es sogar ein Designer-Pappfahrrad aus der ersten Serie, die Ende nächsten Jahres vom Band rollen soll. In Kenia oder Südafrika, wo ebenfalls nach Partnern für eine Produktion vor Ort Ausschau gehalten wird, werde das Bike nicht mehr als 50 Dollar kosten, verspricht Cardboard Technologies.

Das Unternehmenskonzept basiert auf der Idee, Geschäft und soziale Aktion zu verbinden. So schwebt Elmish vor, über Werbung, die sich auf den materialbedingt extra breiten Rahmen drucken lasse, „ganze Schulklassen in Afrika kostenlos mit Fahrrädern auszurüsten“. Schließlich müssten die Kids dort oft meilenweit laufen, um am Unterricht teilzunehmen. „Wir werden für sie ein Bike mit Lastenaufsatz für ihre besonderen Bedürfnisse entwickeln.“

Fragt sich, was so ein Zweirad aus Pappe überhaupt aushalten kann. Elmish versichert „eine Menge“. Das Körpergewicht eines Fahrers bis zu 125 Kilo sei kein Problem, ebenso sei es feuer- und wasserfest. Mit seinem türkisblauem Vorführrad ist er schon über den Sandstrand ins Meer hinein gestrampelt, um zu beweisen, „dass es selbst dort keine Auflösungserscheinungen zeigt, sondern sogar schwimmen kann“. Als Rennrad ist es zwar nicht geeignet – es fährt nur in einem Gang. Ein geriffelter Gummikeilriemen ersetzt die übliche Fahrradkette. Dafür kennt der „Pappesel“ keinen „Platten“. Der Reifen ist aus Vollgummi und luftfrei. „Unser Ziel“, so Elmish, „ist ein wartungsfreies Gerät“. Eine runde Sache mithin, bestehend aus überschaubaren Teilen, die sich „leicht wie ein Ikea-Regal“ zusammen montieren lasse.

Dreieinhalb Jahre geforscht

Erfunden hat das Gefährt Izhar Gafni, ein genialer Tüftler, der sein erstes Patent im Alter von 15 Jahren anmeldete und zwei Jahre später Mitglied im Weizman-Forschungsinstitut wurde. Mit ihm ist Elmish, ein gelernter Computertechnologe, aufgewachsen. Als jedenfalls Gafni anrief, er habe „etwas Neues“ zu zeigen, war Elmish gleich zur Stelle. Dreieinhalb Jahre hatte da Gafni experimentiert, wie sich Karton durch spezielle Schneide- und Falttechniken so verstärken lässt, dass er sich ähnlich belastbar wie Carbonfaser verhält.

„Eine unmögliche Aufgabe“ nach Meinung der zu Rat gezogenen Ingenieure. Aber Gafni, besessen von dem Gedanken, aus gängigem Verpackungsmüll Fahrräder, Rollstühle oder Spielzeug zu fertigen, gelang der Durchbruch. Der Prototyp war noch 26 Kilo schwer und ähnelte eher einer rollenden Pappschachtel. Inzwischen wiegt das Cardboard-Bike, das ohne Metallschrauben auskommt, nur noch 12,5 Kilo und fährt sich, wie die Autorin im Selbstversuch feststellte, wie jedes andere Rad – nur der Hartreifen ist gewöhnungsbedürftig.

Die Fangemeinde jedenfalls wächst. Kürzlich hat Nimrod Elmish die Innovation bei einer Entwicklungskonferenz UNO in New York präsentiert. „Alle waren begeistert“, sagt er stolz. Ein bisschen klingt er, als ob in Israel das Rad neu erfunden wurde. Den Lauf der Welt wird es vielleicht nicht verändern. Aber es kann sie umweltfreundlicher machen und viele Menschen mobiler.