Anlässlich des Gedenkens des Sieges der Sowjetunion im vom nationalsozialistischen Deutschland angezettelten Angriffskrieg lud der Botschafter der Russischen Föderation, Sergej Netschajew, zu einem Empfang in die russische Botschaft. Netschajew erinnerte in einer kurzen Rede daran, dass die „Todesmaschinerie“ der Deutschen 27 Millionen Sowjetbürger das Leben kostete. Er sagte, die Kriegsverbrechen der Deutschen seien von der russischen Staatsduma als Genozid eingestuft worden. Netschajew drückte seine Wertschätzung gegenüber den anderen „Alliierten“ und gegenüber allen Menschen im Widerstand aus, die an der Seite der Sowjetunion gegen die Nationalsozialisten gekämpft hätten.
Er wandte sich erneut gegen das im Vorfeld des 9. Mai erlassene Verbot, in Berlin aus Anlass des Gedenkens des Sieges über den Faschismus russische Fahnen zu hissen. Netschajew betonte, es dürfe „kein Wiederaufleben des Nazismus geben“, auch nicht in Gestalt einer neuen „Russophobie“. Netschajew warnte, es würden „Versuche unternommen, die Geschichte zu verfälschen, um sie der aktuellen politischen Agenda anzupassen, um die Opfer und die Schlächter, die Sieger und die Besiegten gleichzusetzen“. In manchen Ländern würden „Nazis und ihre Handlanger als Nationalhelden gepriesen, die Heldentat der Roten Armee diskreditiert, sowjetische Kriegsgräber geschändet, Denkmäler zerstört und die Symbole des Landes, das für den Sieg über den Nationalsozialismus den höchsten Preis bezahlt hat, verboten“. Dies könne nicht toleriert werden.
Der Botschafter überreichte mehreren Veteranen persönliche Briefe des russischen Präsidenten Wladimir Putin als Zeichen der Anerkennung für ihren persönlichen Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus.
Zum Empfang waren diplomatische Vertreter der GUS-Staaten, aus Asien, Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten erschienen, auch ein Vertreter Chinas nahm teil. Die westlichen Botschafter nahmen am Empfang aus Protest gegen die russische Invasion in der Ukraine nicht teil. Aus der deutschen Politik waren Altkanzler Gerhard Schröder mit seiner Frau So-yeon Schröder-Kim, der frühere SED-Generalsekretär Egon Krenz, Klaus Ernst von der Linkspartei sowie die AfD-Politiker Alexander Gauland und Tino Chrupalla erschienen. Chrupalla überreichte Botschafter Netschajew ein Geschenk als Ausdruck der Dankbarkeit für die Befreiung von der Naziherrschaft. Klaus Ernst sagte der Berliner Zeitung, er sei „trotz der komplizierten Situation wegen des Krieges“ gekommen, weil „Russland entscheidenden Anteil an der Niederwerfung des Faschismus“ gehabt habe. Ohne den Sieg Russlands wäre sein Leben anders verlaufen, „deshalb ist das ein wichtiger Tag“.
Meistgelesene Artikel
Update Mittwoch 15 Uhr: Die AfD-Fraktion weist uns um 14.39 Uhr auf einen Tweet von Tino Chrupalla hin und teilt mit, dass unsere Darstellung, sein Geschenk an den Botschafter sei „Ausdruck der Dankbarkeit für die Befreiung von der Naziherrschaft“ unzutreffend sei: „Herr Chrupalla hat sich nicht bedankt, sondern lediglich wie bei solchen Anlässen üblich ein Gastgeschenk überreicht.“
Auf Twitter schreibt Chrupalla, er sei zu dem Empfang gegangen, „nicht um für Befreiung zu danken“, sondern, „um die deutsche Sicht auf Geschichte und Gegenwart zu erläutern“. Chrupalla stand in einer Reihe mit vielen Gästen, die alle hintereinander dem Botschafter für den Einsatz der Sowjetunion im Kampf gegen den Nationalsozialismus dankten - das war der Anlass der Veranstaltung. Die Unterhaltung Chrupallas mit dem Botschafter dauerte maximal drei Minuten - eine relativ kurze Zeit für die Erläuterung der „deutschen Sicht auf Geschichte und Gegenwart“. Es ist unbekannt, ob die Kurzfassung der „deutschen Sicht“ eine Solidaritätsadresse der AfD mit Russland und seinen Kriegszielen, Kritik am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands oder ein Appell zum Abzug der russischen Truppen als Vorbedingung für einen Frieden gewesen sein könnte.
Es ist weiters nicht bekannt, ob der rechtsextreme Flügel auf die AfD-Spitze Druck ausgeübt hat, um den Vorsitzenden mehr als 20 Stunden nach Veröffentlichung des Artikels zu einer Korrektur zu drängen. In diesem Segment der Partei, in dem auch nationalsozialistisches Gedankengut tradiert wird, gibt es häufig keine Dankbarkeit für die Befreiung von der Naziherrschaft.
Das Geschenk war laut Chrupalla übrigens „eine Tasse mit preußischem Adler“.
Update Donnerstag 21 Uhr: Das ZDF berichtet, dass innerhalb der AfD tatsächlich Druck auf Chrupalla ausgeübt wurde - weil der Tag des Untergangs des Dritten Reichs für einige in der Partei kein Tag des Sieges, sondern einer der Schande ist. Mehr hier.

