Berlin - Manche hatten es für ein elegantes Bonmot gehalten, dass die Präsidentschaft Joe Bidens einer dritten Amtszeit Barack Obamas im Weißen Haus gleichkomme. Doch je mehr der neue Präsident über seine künftigen engsten Mitarbeiter verrät, umso deutlicher wird, wie sehr diese Vermutung stimmt. Zu dem Kreis wird Janet Yellen gehören, die erste Finanzministerin der USA, doch alles andere als eine Newcomerin. Obama hatte sie zur Chefin der US-Notenbank (Fed) berufen, und als Donald Trump die Ökonomin Anfang 2018 ablöste, begleitete sie fast uneingeschränktes Lob für ihre Tätigkeit in den vermeintlichen Ruhestand.

Nun kehrt sie mit 74 Jahren in die aktive Politik zurück und findet einen Haufen Arbeit vor. Auch wegen des desaströsen Managements der Corona-Krise durch Trump befinden sich die USA in einem Abwärtssog. Einer exzessiven Staatsverschuldung stehen eine hohe Arbeitslosigkeit und schwaches Wirtschaftswachstum gegenüber. Als Anhängerin der Lehren des Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes dürfte Yellen den Ausweg eher in massiven staatlichen Investitionen denn in Sparprogrammen sehen. Damit käme sie auch Forderungen der Linken in der Demokratischen Partei entgegen, die von Biden erwarten, ihren Anteil am Wahlsieg zu berücksichtigen. Yellen kann das aufgrund ihrer ökonomischen Vorbildung und Erfahrung an der Spitze der Fed glaubwürdiger tun als es ihrer Mitbewerberin, der linken Senatorin Elizabeth Warren, hätte gelingen können. Aber auch auf alle anderen Teilnehmer an der wirtschafts- und finanzpolitischen Szenerie der USA wird diese Berufung beruhigend wirken, nicht zuletzt auf die berühmten „Märkte“ und die internationalen Partner.

Zu den wissenschaftlichen Arbeiten der an der Universität Yale promovierten Ökonomin gehört übrigens eine Studie über die Folgen der Währungsunion von 1990 für Ostdeutschland. Möglicherweise zählen ökonomische Theorien auch zu den Themen beim Abendessen im Hause Yellen. Ihr Ehemann ist der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften George Akerlof, den sie angeblich einst in der Cafeteria der Fed kennengelernt hat.