BerlinDie E-Scooter seien für das Unternehmen „nur der Anfang“, sagte Lawrence Leuschner, Chef des Berliner Start-ups Tier Mobility, vor wenigen Wochen im Gespräch mit dieser Zeitung, nun gibt es das nötige Kapital für die weitere Entwicklung. Wie am Dienstag bekannt gegeben wurde, sammelte der E-Scooter-Verleiher vom Potsdamer Platz bei Investoren insgesamt 250 Millionen US-Dollar oder 211 Millionen Euro ein. Seit der Gründung vor zwei Jahren bekam das Unternehmen von Kapitalgebern mehr als 340 Millionen Euro. Angeführt wurde die jüngste Finanzierungsrunde vom japanischen Softbank-Konzern, der in Berlin unter anderem auch an Auto1 und Getyourguide beteiligt ist und nun erstmals in Tier investierte – wenigstens 105 Millionen Euro.

Viel Geld, das das junge Unternehmen ungewöhnlicherweise aber nicht zum Überleben braucht. Denn Tier – der Firmenname ist übrigens ein Kunstbegriff und hat keine tiefere Bedeutung – ist bereits seit dem Sommer profitabel. Damit, so Tier-Chef Leuschner, habe man die Grundlagen geschaffen, „um den Weg zu einer nahtlosen und nachhaltigen Mobilität anzuführen“. Jetzt geht es also um Expansion, wobei Leuschner die Zusammenarbeit sucht. „Gemeinsam mit städtischen und nationalen Behörden werden wir die besten Lösungen entwickeln, um eine sichere, hocheffiziente und nachhaltige Bewegung von A nach B zu gewährleisten“, sagt der 38-Jährige.

Das Start-up, das inzwischen in über 80 Städten und zehn Ländern Europas mit mehr als 60.000 Fahrzeugen vertreten ist und 900 Mitarbeiter beschäftigt, will das frische Kapital nutzen, seine Führungsposition in Europa auszubauen. Dafür sollen nicht nur mehr E-Scooter auf die Straßen gebracht werden. Tier will für die Fahrzeuge zugleich ein flächendeckendes Netzwerk Tausender Ladestationen in ganz Europa aufbauen, an denen leere Akkus gegen volle ausgetauscht werden können. Dafür hat Tier bereits zu Jahresbeginn das britische Start-up Pushme Bikes übernommen, das sich auf die Herstellung austauschbarer Batterien spezialisiert hat.

Dennoch wird auch die Fahrzeugflotte erweitert, doch soll es nicht bei E-Scootern bleiben. Nachdem Tier im Frühjahr die E-Moped-Flotte der Ende 2019 aufgelösten Bosch-Tochter Coup mit insgesamt 5000 Fahrzeugen übernommen hat, dürften weitere E-Mopeds folgen. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass Tier vielleicht schon 2021 auch E-Bikes und möglicherweise Lastenräder anbietet. Selbst einen Einstieg ins Carsharing-Geschäft mit Elektroautos will Tier-Gründer Leuschner nicht ausschließen.

In jedem Fall dürfte das Berliner Unternehmen seine Favoritenrolle zumindest auf dem hiesigen Sharing-Markt mit der neuen Finanzierungsrunde zementiert haben. Hier waren im vergangenen Jahr sechs Anbieter angetreten. Circ ist inzwischen vom US-Konkurrenten Bird übernommen worden. Verleiher, die sich angekündigt hatten, sind nie gekommen. Eine weitere Konzentration auf vielleicht drei Anbieter wird erwartet.