Der Markt reguliert sich selbst, der Staat muss nur einen allgemeinen Rahmen setzen – an diese These glaubt heute fast niemand mehr. Dagegen herrscht Einigkeit: Der Staat muss aktiv eingreifen, zum Beispiel, um die Macht einzelner Konzerne zu begrenzen. Wie und wann er das tun muss, darüber hat Jean Tirole viele Jahre gearbeitet. Für seine „Wissenschaft der Zähmung mächtiger Unternehmen“ erhielt der französische Ökonom am Montag den Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften vulgo: den Wirtschaftsnobelpreis, der mit umgerechnet 870000 Euro dotiert ist.

Überhöhte Preise

Wirtschaftstheoretische Modelle basieren oft auf dem Konstrukt des „perfekten Marktes“. Hier konkurrieren unendlich viele Unternehmen gegeneinander, es herrscht vollkommene Transparenz. Die Realität sieht natürlich anders aus. Hier drängen große Unternehmen kleine aus dem Markt, werden dadurch noch größer und gewinnen Macht – Macht, um zum Beispiel hohe Preise durchzusetzen und darüber Wohlstand zu ihren Gunsten umzuverteilen. Sie blockieren den Markt für möglicherweise innovativere Unternehmen.

Macht erwächst Firmen auch durch so genannte „natürliche Monopole“ – also Bereiche, in denen riesige Anfangsinvestitionen nötig sind, um überhaupt in den Wettbewerb einzusteigen. Folge: Die Konkurrenz ist schwach, einzelne Spieler bestimmen den Markt. Beispiele hierfür finden sich in den Branchen Telekommunikation, Bahn, Post oder Energieversorgung. Kleine Firmen haben hier oft kaum eine Chance.

Daher ist der Staat als Ordner gefragt. Aber was soll er tun? „Jede Politikempfehlung muss auf der Einsicht basieren, wie unvollkommen Märkte funktionieren“, rät Tirole. In den 80er und 90er Jahren – zu Zeiten der großen Privatisierungen – begann der Industrieökonom zu untersuchen, wie Firmen Macht erlangen, wie sie sie nutzen und wie die Politik sie bremsen kann. Damit habe der heute 61-jährige der Industrieökonomik „neues Leben eingehaucht“, begründete die Schwedische Reichsbank die Entscheidung zugunsten des Franzosen.

Vor Tirole sei häufig die Strategie verfolgt worden, für alle Branchen einheitliche Regeln aufzustellen. Zum Beispiel wurden Preise politisch gedeckelt, um zu verhindern, dass mächtige Firmen Extra-Profite einfahren. Doch Tirole konnte zeigen, dass einheitliche Regeln für unterschiedliche Fälle nicht immer die besten Ergebnisse bringt.

Beispiel Preise: Liegt die Obergrenze zu hoch, ermöglicht sie mächtigen Firmen noch immer überzogene Gewinne. Liegt sie zu niedrig, so kann dies die Unternehmen zwar zu Kostensenkungen animieren, was gut für die Gesellschaft ist. Unter Umständen aber sinken mit den Kosten auch die Qualität der Produkte. Beispiel britische Eisenbahn: Als sie privatisiert wurde, sparten die Betreiber eisern, auch an der Sicherheit. Folge ausgedünnte Fahrpläne und häufige Unfälle. Daher kann es unter Umständen besser sein, solchen Unternehmen keine Preis-Obergrenze vorzuschreiben, sondern Mindeststandards in der Qualität.

Nützliche Kooperation

Ein weiteres beliebtes Mittel zur Machtbegrenzung von Unternehmen ist es, ihnen Fusionen oder auch nur die Zusammenarbeit zu untersagen. Doch auch dies kann laut Tirole negativ sein. Denn wenn ein Konzern seine Zulieferer schluckt, können daraus Innovationen entstehen. Und wenn Firmen die riesigen Kosten für Forschung und Entwicklung teilen, resultieren daraus unter Umständen nützliche Erfindungen.

Die beste Regulierung muss laut Tirole daher genau auf die besondere Lage einer Branche angepasst werden. „Das ist zwar keine bahnbrechende neue Erkenntnis, aber sie musste auch erst einmal theoretisch schlüssig dargestellt werden“, sagt Arne Heise, Wirtschaftsprofessor an der Uni Hamburg. „Und die ganz großen neuen Erkenntnisse gibt es ohnehin nicht mehr in der Wirtschaftswissenschaft.“