Foto, Stempel, Unterschrift: Jens Wloka erlaubt den Makarovs den Aufenthalt.
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Berlin-CharlottenburgHinter der Glastür sind es fünfzehn Schritte bis in die Mitte der Halle. Der Weg durch die Weite führt über dunklen Steinboden. Das Ludwig-Ehrhard-Haus an der Fasanenstraße in der City West ist ein Meisterstück aus Stein, Stahl und Glas des britischen Architekten Nicholas Grimshaw. 

Wer hier her eingeladen wird, kann kein Bittsteller sein. In diesem Haus sitzen Industrie- und Handelskammer, Börse, Berlin Partner, der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller und weitere Unternehmen. Hier schlägt das wirtschaftliche Herz der Stadt.

Auch Berlins Ausländerbehörde betreibt an diesem Ort eine Zweigstelle. Der Business Immigration Service befindet sich oben, unter dem Dach. Ein Pförtner weist dem Besucher den Weg zum Fahrstuhl, der ihn geräuschlos nach oben trägt. Aus dem Fenster blickt er weit über die Stadt. Holzbänke wie am Friedrich-Krause-Ufer, wo das Landesamt seinen Hauptsitz hat, gibt es nicht. Stattdessen eine weitläufige Sofalandschaft.

Beschleunigungsstelle für Bürokratie

An Kleinigkeiten kann man ablesen, wer hier angesprochen werden soll. Es sind Unternehmer, denen Fachkräfte fehlen und die sich seit einiger Zeit im Ausland nach geeignetem Personal umsehen. Sie sollen hier eine Art Beschleunigungsstelle für Bürokratie vorfinden, die ihnen bei der Stellenbesetzung oft im Wege steht.

Es ist interessant, sich die neusten Stadien der Verwandlung der Ausländerbehörde einmal näher anzusehen. Weit ist sie bereits davon weggekommen, nur ein Sperrriegel zu sein, der in erster Linie ungewollte Zuwanderung verhindern soll. Eine Kontrollinstanz gegen illegale Einwanderung soll die Behörde zwar bleiben und auch Zuwanderung in die Sozialsysteme verhindern.

Die bedeutendere Aufgabe besteht allerdings darin, das, was uns fehlt, zu ermöglichen: die Zuwanderung von IT-Spezialisten, Medizinern, Pflegekräften, Ingenieuren, Facharbeitern aus dem Ausland.

Unbeschränkter Zugang für alle Fachkräfte

Gerade erst hat die Ausländerbehörde sich einen neuen Namen gegeben. Landesamt für Einwanderung heißt sie seit Anfang des Jahres. Das klingt positiv und es passt auch viel besser zu ihrer neuen Funktion. Mehr, besser und viel schneller soll es vorangehen. So will es die Wirtschaft und so braucht es die Gesellschaft. Den Versuchen, dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen, soll nicht auch noch eine Behörde im Weg stehen. Jetzt bekommt sie neue Aufgaben.

Nachdem am 1. März das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft getreten ist, hat sich der Arbeitsmarktzugang für Fachkräfte aus Staaten außerhalb der EU erweitert. War der unbeschränkte Zugang bisher auf Akademiker beschränkt, können jetzt Fachkräfte aller ausländischen beruflichen Qualifikationen Visum und Aufenthaltstitel erreichen. Handwerker, Pflegekräfte, Lokführer dürfen kommen. Sogar zur Stellensuche darf eingereist werden. Anerkennungs- und Visumverfahren werden erleichtert, Niederlassungsbestimmungen gelockert.

Fachkräfte aller ausländischen beruflichen Qualifikationen können nun Visum und Aufenthaltstitel erreichen.
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Business Immigration Service: Der kurze Weg zum Ausweis

Jens Wloka, 31 Jahre alt, hat eine frische, fröhliche Ausstrahlung. Er arbeitet in jener Servicestelle des Landesamts, zu der sich die Behörde mit der Wirtschaftsagentur Berlin Partner, Handwerkskammer und IHK zusammengetan hat. Ende Februar sitzt er in seinem Büro im Ludwig-Ehrhard-Haus und setzt eine letzte Unterschrift auf einen Ausweis. Stempel drauf, dann schiebt er ihn zu den anderen Dokumenten, die er bereits abgestempelt und unterschrieben hat.

„Das ist jetzt Ihrer“, sagt er und blickt in lächelnde Gesichter. Wloka gegenüber sitzen Liza und Aleksei Makarov (Name geändert), ein 24-jähriger Softwareentwickler und seine Ehefrau, 23 Jahre alt, beide aus Russland, beide strahlen Wloka an. Ob sie mit diesem Dokument auch sofort reisen kann, will Liza Makarov wissen. „Ja, natürlich“, sagt Jens Wloka.

Aleksei und Liza Makarov (Name geändert) holen ihre Dokumente ab.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Aleksei hat in Russland ein Studium für Informationstechnologie und Sicherheit absolviert. Er soll eine Plattform für Versicherungsmakler in Deutschland entwickeln. So steht es in seinem Arbeitsvertrag. Damit sich der Computerfachmann auf diese Aufgabe konzentrieren kann und nicht mit Einreiseformalitäten belastet wird, hat sich sein Arbeitgeber an den Business Immigration Service gewendet und Anträge gestellt. Die Makarovs holen nur noch ihre Dokumente ab.

Das Ziel: Dem Personalmangel schnell entgegenwirken

Es ist ein Service für Unternehmer. Zuwanderer alleine können bei dieser Abteilung des Landesamts keine Anträge stellen. 1400 Unternehmer haben sich registrieren lassen, weil sie regelmäßig Arbeitskräfte aus dem Ausland anwerben. Große Berliner Firmen wie Siemens, Zalando, Bayer-Schering, aber auch Start-ups und der Friedrichstadt-Palast seien unter den Kunden, sagt Wloka.

Mit dem neuen Gesetz fällt die Beschränkung auf Mangelberufe weg. Einwandern können nun auch Sportler, Bauarbeiter, Bäcker und Künstler. Aktuell bearbeiten die Sachbearbeiter im Ehrhard-Haus 7544 Anträge, aber es sollen viel mehr werden.

31.000 Handwerksbetriebe gibt es in Berlin. Viele finden nicht genug Personal und hoffen auf das Ausland, „um die zunehmende Knappheit an Fachkräften in Deutschland zukünftig zumindest zu lindern“, wie die Handwerkskammer mitteilt. Das gilt auch für Auszubildende.

Nun muss sich das Gesetz in der Praxis nur noch als einfach anwendbar zeigen. Große Hoffnungen ruhen auf dem Business Immigration Service. Gerade mit Hilfe des beschleunigten Verfahrens könnten „Betriebe dann selbst das Einwanderungsverfahren direkt anstoßen und damit die Verwaltungsverfahren bis zur Erteilung des Visums deutlich verkürzen“, sagt Constantin Terton, Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik bei der Kammer.

Wloka prüft und entscheidet – er verkürzt Wege

Im Fall von Aleksei und Liza Makarov und ihrem Arbeitgeber scheint der Wunsch erfüllt. Wloka hat alles ganz allein erledigt. Er hat den Unternehmer beraten und ihm gesagt, was er braucht, den Einreiseantrag und die Visa geprüft. Er hat bei den Sicherheitsbehörden nachgefragt, ob etwas gegen einen langfristigen Aufenthalt spricht und sich angesehen, ob der Job auch den Lebensunterhalt aller Familienmitglieder, also auch den von Liza, mit abdeckt. Wloka prüft und entscheidet, er erteilt Titel und stellt die Dokumente aus bis hin zur Unterschrift im Pass.

Pragmatismus gegen Fachkräftemangel. Leichtigkeit. Niemand wird hier von Behörde zu Behörde geschickt. Das kostet zu viel Zeit und schreckt qualifizierte Kräfte ab. Wloka sorgt für Fachkräfte, indem er Wege verkürzt. Deutschland ist schließlich nicht das einzige Land mit Fachkräftemangel.

Berlin: „Beliebteste Einwanderungsstadt“ in Deutschland

Als Blockadeeinrichtung hat Engelhardt Mazanke, der Direktor des Landesamts, seine Behörde allerdings noch nie gesehen. Diese Wahrnehmung beruhe auf einem Missverständnis, sagt er und beschreibt die Entwicklung der Einwanderung in Deutschland als Linie, kontinuierlich ansteigend von den Sechzigern bis heute.

Mazanke hat sein Büro am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit, wo die meisten Menschen ohne deutschen Pass ihre Ansprechpartner haben. Hier gibt es keine Sofalandschaft in der Wartezone. Der Blick aus Mazankes Bürofenster fällt auf ein Gewerbegebiet.

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Mazanke ist seit 2004 in dieser Behörde tätig und das aus Überzeugung. „Die Ausländerbehörde Berlin ist mit Abstand die größte Behörde ihrer Art in Deutschland. Das hat damit zu tun, das wir die beliebteste Einwanderungsstadt im beliebtesten Einwanderungsland Europas sind“, sagt Mazanke. Er beruft sich auf OECD-Vergleiche, wonach die USA mit großem Abstand die meisten Menschen anzögen, in Europa sei Deutschland führend.

Mazanke führt das nicht auf den Zuwachs aus humanitären Gründen zurück. Es seien Menschen, die zur Ausbildung, zum Studium, für Beschäftigung und Selbstständigkeit kämen. „Das sind Menschen, die nicht nur vorübergehend kommen“, sagt Mazanke. Im Jahr 2017 verzeichnet die Behörde über 400.000 Kundenkontakte und über 160.000 positive Entscheidungen. Es werden immer mehr Antragsteller und auch mehr Mitarbeiter. Bald sind es mehr als 500.

Die Ausländerbehörde soll die Zuwanderung von IT-Spezialisten, Medizinern, Pflegekräften, Ingenieuren und Facharbeitern aus dem Ausland ermöglichen.
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Mit dem Wachstum kommt die Spezialisierung auf Herkunft und Aufenthaltszweck. Als nächstes erweitert die Behörde ihre Fachkräfteabteilung. „Alle Menschen, deren Aufenthaltszweck Fachkraft ist und ihre Familienangehörigen, egal ob IT-Ingenieur, Arzt, Pflegekraft oder Handwerker, sollen spezialisiert bedient werden“, sagt Mazanke.

Die gesellschaftliche Diskussion legt den falschen Fokus

Von den realen Vorgängen abgekoppelt verläuft die gesellschaftliche Diskussion immer noch überhitzt. „In der Migrationsdebatte der vergangenen Jahre in Deutschland haben wir immer unter dem Fokus unerlaubte Einreise, Flucht, Festung, Europa, Abschottung diskutiert. Auch 2015/16 war aber die Zahl der Menschen, die zum Studium kommen und der Familiennachzug immer größer, als die der Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz verschiebt sich der Fokus der Debatte jetzt wieder“, sagt Mazanke. Er findet das richtig.

Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass wir Fachkräfte brauchen. Das Thema müsse in angemessener Komplexität diskutiert werden. Es mache einen Unterschied, ob über Asylrecht, Integrationspolitik, Hochschulpolitik oder Fachkräfteeinwanderung gesprochen werde. „Da kommen unterschiedliche Menschen, unterschiedlich auch in ihrer Erwartung, Qualifikation und in Bezug auf den kulturellen Hintergrund. Das ist komplex. Wir haben 148 verschiedene Erlaubniserteilungsmöglichkeiten beim Aufenthaltsrecht in unserem Gesetz. All das ist nicht erst jetzt entstanden“, sagt er. Mazanke sieht die Entwicklung seiner Behörde als Prozess. Aufgeregte Debatten findet er kontraproduktiv.

Am Ende geht alles ganz schnell

In Wlokas Büro ist Einwanderung ein formaler Akt. Er lässt sich die Pässe der Makarovs geben, scannt Fotos und Fingerabdrücke ein, platziert sie auf der Blue Card, dem Nachweisdokument für den legalen Aufenthalt in der EU für eine Erwerbstätigkeit. Die Makarovs erhalten Ausweise, auf denen der Aufenthaltstitel eingetragen ist, zum Reisen, Studieren und falls sie nachweisen müssen, dass sie in Deutschland sein dürfen. Es gibt ein paar Systemprobleme, aber dann spuckt der Drucker die Dokumente aus. Bis zum Jahr 2024 ist ihr Aufenthalt erst mal geregelt.

Aleksei Makarov wollte Russland seit längerer Zeit verlassen. Er hat sich in mehreren europäischen Ländern nach einer Arbeit umgesehen. Liza will Skandinavistik studieren. Sie spricht deutsch, englisch und schwedisch. Auf Deutschland fiel ihre Wahl, weil Aleksei einen Job fand und ein Studium hierzulande kostenlos ist. „Aber es ist trotzdem teuer für Leute aus Russland – Miete, Kaution, Lebenshaltungskosten, Wohnungseinrichtung, das alles kostet sehr viel Geld“, sagt Aleksei. Er wird eine Weile arbeiten müssen, um das Geld wieder reinzubekommen.

Mit der Zeit hat sich Wlokas Blick auf Zuwanderung geändert.
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Wloka: „Ich habe eine positivere Einstellung als früher“

Jens Wloka arbeitet seit fünf Jahren in der Ausländerbehörde. Mit der Zeit hat sich sein Blick auf Zuwanderung verändert. Er sagt: „Ich habe eine positivere Einstellung als früher.“ Etwas für Berlin machen, ein Türöffner sein, so sieht sich Jens Wloka.

Es ist ein ruhiges, reibungsloses Arbeiten im sechsten Stock des Ludwig-Ehrhard-Hauses mit höchstens hundert Kunden am Tag. Niemand muss Schlange stehen. Kunden werden zum Termin eingeladen. Die Quote der positiv beschiedenen Anträge liegt bei 90 Prozent. Im Zweifel ziehen Unternehmer ihren Antrag lieber zurück. Sehr oft kommt das nicht vor. Es ist Mittag als die Makarovs Wlokas Büro verlassen. Der Wartebereich ist nun menschenleer.