Der Onlinehändel über Anbieter wie Amazon wächst.
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BerlinDa gibt es wohl kein Halten mehr: „Einzel- und Großhandel werden digital oder verschwunden sein“, sagt Christoph Wenk-Fischer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel (BEVH). Als Bestätigung dieser These führt er das Rekordjahr 2019 an. Das hat für seine Branche wieder zweistellige Zuwachsraten gebracht. Und in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres hat der E-Commerce in einem Quartal erstmals mehr als 20 Milliarden Euro umgesetzt. Derweil warnt der Handelsdachverband HDE vor einer beschleunigten Verödung der Innenstädte.

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2019 haben die Onlinehändler fast 73 Milliarden Euro eingenommen, was nach BEVH-Berechnungen einem Plus von 11,6 Prozent zum Vorjahr entspricht. Getrieben wird der Boom von einer höheren Frequenz. Jeder dritte Kunde ordert mittlerweile mehrmals pro Woche – Bestellen per Internet wird immer stärker ins alltägliche Verhalten integriert. Das wird noch durch moderne Smartphones erleichtert, die die Käufer immer bei sich tragen und deren große Touchscreens das Ordern immer einfacher machen. Schon fast die Hälfte aller Bestellungen wird mit Smartphones vollführt.

Wenk-Fischer geht davon aus, dass sich der Trend in diesem Jahr weiter verstärken wird. Er erwartet erneut ein zweistelliges Umsatzplus, aber nur gerade so. Nämlich von 10 Prozent wegen der „gedämpften Konjunkturaussichten“. Gleichwohl würde damit die Umsatzschwelle von 80 Milliarden Euro geknackt werden.

Onlinehandel mit Lebensmitteln wächst schnell

Einer der Träger des Wachstums wird mutmaßlich der Internethandel mit dem sein, was der Verband Waren des „täglichen Bedarfs“ nennt. Gemeint sind Drogerieartikel, Tiernahrung und vor allem Lebensmittel. Letztere erzielten im abgelaufenen Jahr mit einem Plus von 17,3 Prozent die höchste Zuwachsrate aller Warengruppen. Lebensmittel hinkten lange im Onlinehandel hinterher. Marktforscher behaupteten sogar, die Dinge, die es im Supermarkt gibt, könnten niemals einen merklichen Marktanteil im E-Commerce erreichen.

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Inzwischen ist klar, dass sich so gut wie alles über das Internet verkaufen lässt. Allerdings ist die Lebensmittelsparte mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro noch immer etwas unterbelichtet. Es dominieren die klassischen Kategorien Bekleidung (14,3 Milliarden Euro) und Elektronik (13,2 Milliarden Euro). Bemerkenswert an diesen Zahlen ist, dass trotz des großen Volumens das Plus über dem Durchschnitt lag. Das gilt auch für Artikel, die mit der Einrichtung zu Hause zu tun haben. Die Zuwachsrate kletterte bei Möbeln, Lampen, Heimtextilien und Haushaltsgeräten auf 13,5 Prozent.

Digitales Geschäft wird immer wichtiger

Für Wenk-Fischer ist klar, dass gerade Grundsätzliches geschieht: „Das digitale Geschäft ist der Motor des Handels, und Plattformen werden mehr und mehr zum Betriebssystem der gesamten Wertschöpfungskette.“ Der BEVH legte am Dienstag ein Weißbuch vor, das die Transformation zum „neuen Handel“ beschreibt.

Ein von Branchenkennern vielfach gelobtes Exempel ist die Website des Sportartikelherstellers Adidas. Dort wird eine Vielfalt an Produkten präsentiert, die in keinem stationären Laden mehr erreicht werden kann – etwa mit mehreren Hundert Lifestyle-Sportschuh-Modellen. An vielen traditionellen stationärer Händlern ist diese Entwicklung offenbar vorbeigegangen: Die Umsätze von deren Onlineshops legten mit 8,2 Prozent deutlich unter dem Marktniveau zu.

Die Innenstädte sind gefährdet

Als Schattenseite des Onlinebooms sieht der Handelsdachverband HDE Innenstädte als bedrohte Lebensräume. Vor allem mittelständische Unternehmen beklagten, dass immer weniger Kunden den Weg in ihre Läden finden. Die Folgeprobleme zeigten Zahlen des Handelsforschungsinstituts IFH: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Standorte im deutschen Einzelhandel um rund 29.000 geschrumpft. „Die Probleme der Händler bringen ganze Innenstädte ins Wanken. Wo der Handel stirbt, sterben Stadtzentren und Dorfgemeinschaften“, schreibt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth in einem Brief an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

Der Verband hat einen Forderungskatalog mit elf Punkten vorgelegt. Verlangt wird unter anderem, dass Kommunen ihre veraltete Raumplanung aktualisieren, die häufig noch nicht „die Umsatzabflüsse des stationären Handels zugunsten des Onlinehandels berücksichtigen“. Auch soll es weitere Deregulierungen geben – wie mehr verkaufsoffene Sonntage und eine Lockerung der Regeln für die nächtliche Anlieferung von Geschäften.

Hohe Mieten belasten Geschäfte zusätzlich

Auch müssten Handel und Immobilieneigentümer wieder zu einer „Mietpartnerschaft“ zusammenfinden. Dahinter steckt ein Mechanismus, der nichts mit dem Internet, sondern mit dem Immobilienboom zu tun hat. Gerade Fachgeschäfte können sich in Innenstädten wegen teils massiv steigender Mieten nicht mehr halten. Ein Effekt: Wo früher Haushaltswaren oder Bettwäsche verkauft wurden, machen sich nun Fast-Food-Ketten breit.