Mittlerweile fast vertraut im Straßenbild: Eine Frau kauft am Alexanderplatz ein - mit einer Atemschutzmaske.
Foto: Markus Wächter

BerlinNun also doch. Berlin verfügt als letztes Bundesland eine Maskenpflicht im Einzelhandel zum Schutz vor Ansteckung mit Corona-Viren. Diese Pflicht gilt ab Mittwoch. Dem Beschluss des Senats in seiner Sitzung am Dienstag waren „intensive und konstruktive Gespräche“ vorausgegangen, wie Innensenator Andreas Geisel (SPD) anschließend berichtete. Mit anderen Worten: Die Kritiker der Maskenpflicht waren eingeknickt und gaben klein bei.

Noch vor einer Woche hatte der rot-rot-grüne Senat beschlossen, dass in Bussen und Bahnen ein Mund-Nase-Schutz getragen werden muss – sei es eine einfache Maske, oder auch ein Schal oder Tuch. Seit Montag ist das verpflichtend. Erster Eindruck nach zwei Tagen: Fast alle Fahrgäste halten sich daran. Für den Einzelhandel wurde dagegen nur eine „dringliche Empfehlung“ abgegeben. Mehr wollten Grüne und Linke damals nicht akzeptieren.

Danach wurde immer lauter eine weitergehende Maskenpflicht gefordert. Vor allem die oppositionelle CDU, aber auch die regierende SPD machten Druck. So propagiert insbesondere Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci seit Tagen vehement die Ausweitung auf den Einzelhandel. „Ich habe mir das sehr genau angeschaut und war wirklich erschrocken, dass nur ungefähr ein Fünftel der einkaufenden Menschen eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen haben“, sagte die SPD-Politikerin am Sonntag. Dabei sei in Läden ähnlich wie in Bus und Bahn der vorgeschriebene Mindestabstand von 1,5 Metern kaum einzuhalten. „Ich halte deshalb auch dort eine Verpflichtung für unumgänglich“, so Kalayci. Doch wenn die Dinge so klar liegen, warum wurde vorige Woche nicht gleich eine Pflicht im Handel mitbeschlossen?

Man habe sich „natürlich dazu ausgetauscht“, sagte Senator Geisel am Dienstag, „aber Streit wäre zu viel gesagt“. Die Erfahrungen mit der hohen Akzeptanz von Masken im Nahverkehr habe den Ausschlag für die Ausweitung gegeben. Im Übrigen mache es „einfach keinen Sinn, dass einzelne Länder auf Sonderwegen“ beharren, so Geisel.

Diesem Argument fügten sich am Ende offenbar auch die Grünen sowie die ähnlich skeptischen Linken. Dabei teilen in beiden Parteien viele die Haltung von Fachleuten, die davor warnen, das Tragen der Masken sei verführerisch, weil mancher irrtümlich glauben könnte, Masken ersetzten die Abstandsregel. Eine Pflicht bringe also wenig bis nichts.

Dennoch trägt sogar Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek nach eigenem Bekunden bereits seit einiger Zeit Maske, wenn sie einkaufen geht. „Das liegt in erster Linie daran, dass die meisten Geschäfte in meiner Nähe so eng sind, dass man nicht ausreichend Abstand halten kann“, sagte sie. Dabei gehe es ihr nicht um sie selbst.

Für sie sei es „ein Akt der Freundlichkeit und des Respekts den Verkäuferinnen gegenüber, die gerade einen wirklich harten Job machen“, so Kapek. Ähnlich argumentierte noch am Montag ihre Parteifreundin, Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Sie setze „auf Einsicht, Solidarität und Vernunft der Menschen“, sagte Pop – wohlwissend, dass der Senat sich schon zu diesem Zeitpunkt einem gewissen ordnungspolitischen Sog nicht mehr entziehen mochte oder konnte.

Tatsächlich hätten sich 60 Prozent der Berliner bei der Einführung der Mundschutzpflicht in Bussen und Bahnen auch eine für das Einkaufen gewünscht. Das geht aus dem aktuellen Berlin-Trends von Infratest Dimap im Auftrag von rbb-Abendschau und Berliner Morgenpost hervor. Auch die Grünen haben die Zeichen erkannt und machen sich ihren Reim daraus. „Die meisten Leute scheinen sich nach einer Pflicht zu sehnen“, stellt  Kapek fest. „Sie wollen geradezu gezwungen werden.“