Job-Center: Eine neue Software für die Arbeitsagentur

Die letzte Umstellung ist traumatisch gewesen. Man hatte binnen weniger Monate eine komplett neue Software entwickeln lassen und über Nacht installiert. Vieles funktionierte nicht, wie es sollte. Und manches gar nicht, weil eine Million Kontodaten falsch abgespeichert worden waren. Das führte zu Auszahlungsverzögerungen – und Verdruss. Zumal auf Seiten der Kunden, von denen Hunderttausende durch die Umstellung von der Arbeitslosenhilfe auf das Arbeitslosengeld II geringere Leistungen erhielten als zuvor. Anfang 2005 entlud sich ein Orkan des Zorns über der Bundesagentur für Arbeit (BA). „Ich werde das nie vergessen“, sagt Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der BA, und es ist ihm anzumerken, dass er auf eine Wiederholung dieser Erfahrung gern verzichten würde.

Dieses Mal, daran lässt Alt am Montag im Jobcenter Berlin Marzahn-Hellersdorf keinen Zweifel, wird alles anders, nämlich besser. Möglichst fehlerfrei soll die Umstellung auf die neue Software von statten gehen, die von August an flächendeckend in der Arbeitsverwaltung eingesetzt wird. Seit Montag läuft in bundesweit sechs Jobcentern, neben Marzahn-Hellersdorf in Darmstadt, Fürth, Halle, Landau/Pfalz und im Rems-Murr-Kreis nördlich von Stuttgart, eine Pilotphase, in der sich die Alltagstauglichkeit des neuen Systems mit dem schönen Namen Allegro (ALg-II-LEistungsverfahren GRundsicherung Online) erweisen soll.

Vier Milliarden Blatt Papier

Die Aufgabe ist alles andere als banal. Allein in Marzahn-Hellersdorf müssen die Datensätze von 27.000 Bedarfsgemeinschaften in das neue System übertragen werden – und zwar einzeln, per Tastatur, weil digitaler Transfer aufgrund inkompatibler Programme nicht möglich ist. Das bedeutet eine Menge Arbeit: In Berlin sind es insgesamt 317.000 Bedarfsgemeinschaften, bundesweit beziehen sechs Millionen Menschen Leistungen über die Arbeitsverwaltung. Zu übertragen sind unter anderem Nebeneinkünfte, Steuerfreibeträge, Kinderunterhaltszahlungen und der Energieverbrauch für dezentral erhitztes Warmwasser, gestaffelt nach vier Altersklassen.

Entsprechend hoch ist das Datenvolumen, wie auch die Papierberge belegen, die die BA derzeit bunkert: Es handelt sich um vier Milliarden Blatt Papier, die in Aktenordnern verstaut eine Strecke von 200 Kilometern ergeben. Allein 50 Millionen Euro pro Jahr gibt die BA für die Anmietung von Aktenlagern aus. Angesichts solcher Zahlen scheint Skepsis mit Blick auf einen „reibungslosen Übergang“ angebracht. Die Berliner Grünen prophezeiten denn auch, es werde erneut ein Chaos ausbrechen.

Stephan Lindner glaubt genau das nicht. Lindner, 26, arbeitet seit 2007 für das Jobcenter im tiefen Berliner Osten, wurde fünf Tage lang mit Allegro vertraut gemacht – und ist ziemlich begeistert: „Das System ist sehr bedienerfreundlich, viel schneller und bietet auch unseren Kunden sehr viel übersichtlichere und detailliertere Informationen als das alte.“ Zudem entfielen die zahlreichen „Umgehungslösungen“, die sich die die Anwender provisorisch hatten einfallen lassen müssen, um die unflexible Alt-Software an gesetzliche Änderungen anzupassen: „Solche Tricks haben sehr viel Zeit gekostet, die brauchen wir jetzt nicht mehr.“

Eingehende Praxistests

Dass ein Chaos tatsächlich ausbleiben dürfte, liegt auch am gründlichen Vorlauf und der langen Umstellphase, die die BA für Allegro eingeplant hat. Bereits 2008 begannen Experten in der 1000 Mitarbeiter starken IT-Abteilung der BA mit der Arbeit an einem neuen Programm, immer wieder wurde die Software eingehenden Praxistests unterzogen. Kundenbetreuer, Sachbearbeiter und Fallmanager brachten ihre Erfahrungen ein und halfen, die Alltagstauglichkeit von Allegro zu verbessern.

In den vergangenen Monaten wurden zudem bereits zahlreiche Mitarbeiter in Schulungen mit dem neuen System vertraut gemacht. Vor allem aber werden nicht alle Daten sofort übertragen: Die komplette Umstellung wird sich bis zum Frühsommer kommenden Jahres hinziehen.

BA-Vorstand Alt ist sicher, dass die Umstellung nicht zu Verzögerungen in der Bearbeitung und Auszahlung des Arbeitslosengeldes führen wird. „Unsere Maßgabe ist, dass höchstens zehn Tage nach Abgabe aller erforderlichen Unterlagen der Leistungsbescheid raus sein muss – und dabei bleibt es.“ Zudem werde Allegro die Zahl fehlerhafter Bescheide und damit die der Klagen an den Sozialgerichten reduzieren. Die 87,5 Millionen Euro, die Allegro insgesamt gekostet hat, seien jedenfalls gut investiert.