Roland Klaus spart jedes Jahr rund 6000 Euro, seit er sein Baudarlehen 2014 neu verhandelt hat. „Statt 24 000 Euro jährlich zurückzuzahlen, sind es jetzt nur noch 18.000“, berichtet er. Sein Darlehen enthielt eine fehlerhafte Widerrufsbelehrung – so wie Zehntausende anderer Darlehensverträge in Deutschland.

Wer zwischen November 2002 und Ende 2010 ein Baudarlehen abgeschlossen hat, sollte seinen Vertrag unter die Lupe nehmen lassen. Die Mehrzahl der damals abgeschlossenen Verträge enthielt Fehler in der Widerrufsbelehrung. Diese regelt die Möglichkeit, aus dem Vertrag auszusteigen. Sie war 2002 vom Gesetzgeber neu eingeführt worden. Eine fehlerhafte Formulierung lautete zum Beispiel „Die Widerrufsfrist beginnt frühestens …“, berichtet Klaus. Das sei zu vage.

Der Fehler in der Klausel hat zur Folge, dass viele Verträge auch heute noch gekündigt werden können. Das ist interessant, weil die Zinsen früher weitaus höher waren als heute und möglicherweise ein neuer Kreditvertrag mit günstigeren Bedingungen abgeschlossen werden kann. Das war auch bei dem Darlehensvertrag von Roland Klaus der Fall.

Vertrag prüfen lassen

Gemeinsam mit seinem Anwalt trat Klaus in Verhandlungen mit der Bank und erreichte, dass er ab sofort nicht mehr fünf sondern nur noch zwei Prozent Zinsen zahlen muss. Bis zum Ablauf seines Kredits wird Klaus so rund 25.000 Euro sparen.

Trotz der hohen Summen, die im Spiel sind, hat bisher nur eine Minderheit der Inhaber von Baudarlehen ihre Verträge prüfen lassen und den sogenannten Widerrufs-Joker genutzt, wie es in der Branche heißt. „Ich schätze, rund zehn Prozent der Kreditnehmer haben ihr Recht wahrgenommen“, sagt Klaus. Und das, obwohl rund 80 Prozent der Verträge fehlerhaft seien.

Klaus hat auf Basis seiner Erfahrungen die „Interessengemeinschaft Widerruf“ gegründet. Dort können Interessierte ihren Vertrag per Mail einreichen und kostenlos von Anwälten prüfen lassen. „Auf eigene Faust an die Bank zu schreiben, hat sich als nicht sehr erfolgreich herausgestellt“, sagt Klaus. Der Briefkopf eines Rechtsanwalts sowie eine juristisch fundierte Argumentation übe Druck aus, der notwendig sei.

Für die Banken geht es um viel Geld. Kein Wunder, dass manchmal sogar der Anwalt nicht reicht und ein Gerichtsverfahren notwendig wird. Die Deutsche Bank, die Commerzbank und die Deutsche Kreditbank (DKB) zeigten sich oft „nicht kompromissbereit“, berichtet Klaus. Hier lande ein Streit ums Widerrufsrecht manchmal vor Gericht. Andere Banken wie die ING-DiBa, die Spardabanken oder die Volksbanken hätten schon zahlreiche außergerichtliche Einigungen abgeschlossen.

Hält der Anwalt eine Widerrufsbelehrung für rechtlich nicht haltbar, beginnt für den Kunden also ein Ringen mit dem jeweiligen Kreditinstitut. Ziel der Verhandlungen sollte es sein, zumindest die Zinsen, die noch fällig sind, zu senken. In einzelnen Fällen haben Banken auch rückwirkend Geld zurückgezahlt. Klaus berichtet von einem Fall bei der Berliner Bank. Der Kreditnehmer hatte im Jahr 2009 ein Darlehen über 300.000 Euro mit einem Zinssatz von fünf Prozent abgeschlossen. Dieser Zins war bis 2019 festgeschrieben. Der Kreditnehmer wollte das Darlehen vorzeitig zurückzahlen, da er eine Erbschaft gemacht hatte. Im Normalfall verlangt die Bank in einem solchen Fall eine sogenannte Vorfälligkeitsentschädigung für die frühzeitige Beendigung des Darlehens. Hier hätte diese Entschädigung bei 42.000 Euro gelegen.

Der anwaltliche Widerruf bei der Berliner Bank führte dazu, dass die Bank einer Rückabwicklung des Kredits zustimmte. Damit wurde der Kredit ohne Zahlung einer Vorfälligkeitsentschädigung beendet. Zusätzlich erhielt der Kreditnehmer von der Bank noch eine sogenannte Nutzungsentschädigung für geleistete Zahlungen in Höhe von rund 20.000 Euro. In der Summe sparte der Kunde durch den Widerruf also 62.000 Euro. Die Anwaltskosten lagen bei rund 3000 Euro. Die Kosten wurden von der Rechtsschutzversicherung übernommen. Wer es Klaus gleichtun will, sollte allerdings bedenken, dass die Versicherung in der Regel nur zahlt, wenn die Immobilie kein Neubau ist und selbst genutzt wird.

Die Berliner Bank ist eine Ausnahme, weil die meisten kompromissbereiten Banken die Nutzungsentschädigung nicht gewähren. Allerdings gibt es zahlreiche Banken und Versicherungen, die auf die Vorfälligkeitsentschädigung verzichten und den Zinssatz für die verbleibende Laufzeit des Darlehens auf 1,5 bis 2 Prozent absenken.

Eine Kündigung des Kredits aufgrund einer fehlerhaften Widerrufsbelehrung sollte nicht zu schnell ausgesprochen werden, raten Verbraucherzentralen. „Derzeit weigern sich einige Institute, Anschlussfinanzierungen anzubieten, wenn die Kunden von ihrem Recht auf Widerruf Gebrauch gemacht haben“, heißt es auf der Webseite der Verbraucherzentrale Berlin.

Das bedeutet, dass man vor einem Widerruf unbedingt klären muss, bei welchem anderen Institut man ein neues Darlehen erhält. Wer zu früh kündigt, kann in Schwierigkeiten geraten. „Nach einem Widerruf bliebe wegen der beschriebenen 30-tägigen Rückzahlungsfrist für die Suche nach einer neuen Bank kaum Zeit“, erklärt die Verbraucherzentrale.

Wer sein Baudarlehen überprüfen lassen möchte, sollte sich nicht allzu viel Zeit damit lassen. Die Bundesregierung plant, ein Gesetz zu erlassen, durch das das sogenannte ewige Widerrufsrecht auslaufen würde. Dagegen protestieren derzeit Anwälte in ganz Deutschland. Der Bankenverband hält die zeitliche Beschränkung der Widerrufsmöglichkeit für angemessen, weil sie Rechtsunsicherheit beseitige.