Journalist bei Amazon: Die Realität hinter der Online-Fassade

Paris - Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört zu den mitteilungsfreudigen Internet-Tycoons. Er erteilt der gesamten Branche Ratschläge, und seine gut 50.000 Angestellten - die er aus unerfindlichen Gründen "Teilhaber" nennt, obwohl sie an seinem persönlichen Vermögen von über 25 Milliarden Dollar nicht beteiligt sind - motiviert er mit vollmundigen Slogans wie: "Arbeite hart, hab Spaß, schreib Geschichte."

Wer aber wissen will, wie es hinter der Fassade des drittgrößten Internetkonzerns (nach Google und Facebook) zu und her geht, wird vom Kommunikationsdienst systematisch abgewiesen. Das geschah auch dem Franzosen Jean-Baptiste Malet. Der 26-jährige Journalist ersuchte vergeblich um die Erlaubnis, das Amazon-Lager im südfranzösischen Montélimar - einem von drei Standorten in Frankreich - zu besuchen. Darauf befragte er Angestellte am Eingang, doch sie schwiegen allesamt mit Verweis auf eine Vertraulichkeitsklausel in ihrem Arbeitsvertrag.

#image1

So bewarb sich der Reporter mit dem unauffälligen Studentenlook selbst um einen Job. Über eine Teilzeitagentur wurde er prompt als "picker" angeheuert - für die Nachtschicht von 21.30 bis 4.50 Uhr. Seine Aufgabe war es, in dem 36.000 Quadratmeter großen Hangar bestellte Artikel zusammenzutragen. "Picker sind effizienter als Roboter", schreibt Malet in dem Buch "En Amazonie" (In Amazonien), das er aufgrund seiner Erfahrung verfasst hat. "Der Tragcomputer berechnet in Echtzeit, welchen Artikel ich gerade suchen muss, je nach meiner geographischen Position im Lager, die ihm genau bekannt ist. Eine Software organisiert meine Gänge, damit die Laufzeit zwischen zwei Artikeln nie mehrere Dutzend Sekunden überschreitet."

Dabei schreiten die "pickers", wie Malet ausrechnete, pro Nacht ungefähr eine Distanz von 20 Kilometern ab. Sie sammeln die Bücher, DVDs und - heute noch zahlreicher - Elektroartikel ein, die die "stowers" zuvor in die Regale gestellt hatten. Danach füllen die "packers" die Artikel in die Versandkartons. Der Spaß ist beschränkt: Reden ist verboten: Die Teilhaber haben bei der Arbeit kein Recht darauf. Ein Wortwechsel kann wertvolle Sekunden kosten.

Statt 20 nur 5 Minuten Pause

Dass jeder Gang eines jeden Angestellten in diesem gigantischen, rund um die Uhr tätigen Ameisenhaufen sekundenweise berechnet wird, fand Malet zuerst absurd. Ebenso wie die anderen, äußerst exakten Zeitvorgaben. In der siebenstündigen Arbeitszeit ist eine zwanzigminütige Pause enthalten; eine zweite Pause geht auf die Kosten der Angestellten, sprich Teilhaber. Die Stechuhr ist allerdings direkt am Arbeitsplatz platziert, obwohl der Eingang und das Pausenareal auf dem gigantischen Firmengelände mehrere Minuten entfernt liegen. Damit schrumpft die effektive Erholungsphase auf fünf Minuten, wie Malet feststellen musste. Dann ist Spaß angesagt: Auf Weisung Bezos' sind alle Mitarbeiter per du.

#image2

Malet verstand plötzlich, warum die Gewerkschaften und die Direktion um Details wie die Platzierung der Stechuhr stritten: "Wenn man die zwölf Minuten, um die man jeden Tag gebracht wird, mit tausend Angestellten multipliziert, macht das pro Lager 200 unbezahlte Arbeitsstunden am Tag." Weltweit verdient Amazon damit jährlich Millionen. Und das nur, weil die Stechuhr an einem bestimmten Ort steht.

Steuern zahlt Amazon woanders

Auf diese Weise optimiert Amazon die Abläufe und seine weltweit über 90.000 Mitarbeiter, zu denen an Weihnachten zahllose Kurzarbeiter stoßen. Jeder noch so geringe Zeitgewinn ist Teil von Bezos aggressiver Wachstumsstrategie, die in Frankreich bereits eine vierte Lagerzentrale nötig macht. Seine Steuern zahlt Amazon aber anderswo. "Die Kunden, die Sammellager und die Arbeiter befinden sich zwar physisch meist in Frankreich, doch die Kasse liegt in Luxemburg", schreibt Malet mit Blick auf den Steuersitz von Amazon Europe - dessen Pressedienst auf Anfrage dieser Zeitung keine Stellungnahme abgeben wollte.

Das Unternehmen zahlt in Frankreich keine Mehrwertsteuer, erhält aber sogar - wie auch in Deutschland durch einzelne Bundesländer - regionale Subventionen. Dafür schafft Bezos Arbeitsplätze. Malet rechnet allerdings vor, dass der traditionelle Buchhandel "18 mal mehr Stellen schaffen würde als der Internetversand, dessen Flaggschiff heute Amazon ist". Indirekt zerstöre das öffentliche Geld also mehr Arbeitsplätze in den herkömmlichen Buchhandlungen, als es in den Amazon-Lagern schaffe.

Noch etwas wundert den französischen Journalisten: Amazon vertreibt auch sein kritisches Buch ohne Anstände. Ein Boykott hätte nur zu reden gegeben. Und schließlich lautet der Slogan auch: Schreib Geschichte.

Mehr Infos unter www.jean-baptiste-malet.fr