Jetzt haben sie endlich die Stellen bekommen, die sie so lange gefordert hatten. Und dann will sie niemand haben. Zwölf neue Mitarbeiter sucht das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf per Anzeige, bisher haben sich aber nur drei Bewerber gemeldet. „Es gibt eben entspanntere Jobs in diesem Bereich, und die werden auch besser bezahlt“, sagt Heiko Tille, der Leiter des Jugendamtes in Marzahn-Hellersdorf.

Seine Behörde hat 83 Stellen, doch nur 75 sind zurzeit besetzt. Das hat Folgen: Kollegen sind gestresst und unzufrieden, manche fehlen, weil sie krank sind. Ihre Betreuungsfälle müssen nun Kollegen übernehmen. Bis zu 90 Fälle betreuen manche. Die Belastungsgrenze liegt bei 65. Es ist einfach zu viel.

Im ganzen Land fehlen Kinderschützer, ihr Job als Sozialarbeiter wird schlecht bezahlt. In Berlin ist der Anteil freier Stellen in diesem Bereich auf 20 Prozent angestiegen. Dabei werden Kinderschützer gebraucht wie nie zuvor, doch kaum noch jemand will diese Arbeit übernehmen. Wie soll das in den kommenden Jahren weitergehen?

Männer, die sich verstehen

Im fünften Stock des Bezirksamtsgebäudes an der Riesaer Straße in Hellersdorf sitzen der Jugendstadtrat Gordon Lemm (SPD) und Heiko Tille beieinander. Es ist ein neutral eingerichteter Konferenzraum. Der Blick aus den Fenstern reicht bis Brandenburg. Die Stadtgrenze ist nur etwa 200 Meter entfernt.

Lemm und Tille sind die Chefs des Jugendamtes, und sie sprechen gemeinsam und offen über die Personalprobleme in der Verwaltung. Das ist ungewöhnlich im Land Berlin. In Berliner Bezirksverwaltungen schweigt man gern. Doch bei Lemm und Tille spürt man gleich, dass sie Kollegen sind, die sich gut verstehen und unkompliziert sind. Tille, der 53-jährige Jugendamtsleiter, hat lange Haare, die ein Zopf zusammenhält. Er trägt legere Kleidung: Schal, Wollpulli und schwarze Jeans. Gordon Lemm, der 41-jährige Stadtrat aus Hellersdorf, mag Turnschuhe. Beide Männer wollen dasselbe: dass sich endlich was ändert im Jugendamt. Denn es geht um die Zukunft der Kinder, die Hilfe brauchen, sagen sie. Und davon gibt es immer mehr.

Von den 4000 Vorgängen, die Mitarbeiter im Jugendamt im Jahr 2017 betreut haben, betrafen 700 den Kinderschutz. Dort musste das Krisenteam und der Regionale Soziale Dienst (RSD) sofort eingreifen.

Doch wenn Kollegen fehlen, leiden unter dieser personell angespannten Situation vor allem jene, die geschützt werden sollen. Babys, Kinder und Jugendliche.

Es gab schon Fälle, erzählt Tille, da kannten die Kollegen die Kinder gar nicht, die sie betreuen. Sie hatten den Vorgang kurz zuvor von Kollegen übernommen, die krank geworden sind. Oder sich um andere Fälle kümmern mussten. Es gab auch Situationen, da haben es Kollegen erst kurz vor einer Gerichtsverhandlung geschafft, sich die Akten zum Prozess durchzulesen. Schlecht vorbereitet sind sie in die Verhandlung gegangen. Und haben sich geärgert. Weil sie sich doch für das Recht des Kindes einsetzen wollten, weil sie es so auch beim Studium gelernt hatten. „Oft berichten Sozialarbeiter, dass sie sich ihre Arbeit so nicht vorgestellt hatten“, sagt Heiko Tille.

Im Jugendamt sind komplette Angebote weggefallen: Sprechstunden und Beratungsgespräche mit Eltern, die mit der Erziehung überfordert sind und um Hilfe bitten. Etwa, wenn sie mitbekommen, dass ihre Kinder ein „problematisches Eigenleben“ führen, erklärt der Jugendamtsleiter. Wenn sie die Schule schwänzen, klauen, kiffen und die Polizei sich um sie kümmern muss.

Über die Hälfte der Familien mit Kindern auf staatliche Hilfe angewiesen

Eltern haben einen Rechtsanspruch darauf, dass das Jugendamt sie in so einer schwierigen Phase unterstützt. So legt es das Sozialgesetz fest. Doch im Jugendamt hat niemand mehr Zeit für solche Gespräche. Die Folgen sind gravierend. „Jede Akte, die liegenbleibt, verschlechtert die Situation der Kinder“, sagt Tille. Mittlerweile muss das Jugendamt seine Fälle nach einer Prioritätenliste ordnen. Der Kinderschutz, das Wohl des Kindes, steht an erster Stelle. Da geht um Krisenintervention, Unterbringung von Kindern in Heimen, Krankenhäusern und der Psychiatrie, aber auch um Streitigkeiten vor Gericht. Es sind die krassen Fälle.

Die Stadt wächst, die Mieten steigen, Bewohner müssen deswegen die Innenstadt verlassen. Familien ziehen in Siedlungen am Stadtrand, viele landen in Marzahn-Hellersdorf. Weil die Mieten dort noch bezahlbar sind. Doch genau in diesen Wohnvierteln werden die Probleme immer größer. „Die neuen Bewohner ziehen nicht freiwillig nach Marzahn-Hellersdorf. Sie werden verdrängt. Und wir müssen hier die Folgen dieser Verdrängung auffangen“, sagt Stadtrat Lemm.

Besonders dramatisch ist die Situation in Vierteln wie Hellersdorf-Nord und Marzahn-Nord. 60 Prozent der Kinder dort gehören zu Familien, die von staatlicher Hilfe leben. 60 Prozent der Schulanfänger in diesen Vierteln müssen gefördert werden, weil sie ihnen alterstypische Fähigkeiten fehlen: einen Satz nachsprechen, rückwärts laufen, eine Schere benutzen. Dabei waren fast alle im Kindergarten. Doch zu Hause wurden sie offenbar vernachlässigt.

600 Millionen Euro gibt Berlin jedes Jahr für Erziehungshilfen aus. Marzahn-Hellersdorf bekommt davon allein 80 Millionen. Das Geld ist da, aber es fehlen die Sozialarbeiter. Von einem „Teufelskreis“ spricht Jugendamtsleiter Tille. „Die Probleme sind da, und wir können nicht eingreifen.“ Weil Fachkräfte fehlen. Ohne sie seien Schwierigkeiten in den Hochhaussiedlungen nicht zu lösen.

In den Jugendämtern anderer Bezirke sieht es ähnlich alarmierend aus. Überall fehlt Personal, der Notstand verschärft sich. In Pankow schließt der RSD die kommenden zwei Wochen, „aus betriebsorganisatorischen Gründen“, heißt es.

Im Oktober haben die Mitarbeiter der Berliner Jugendämter am Alexanderplatz gegen den bundesweiten Personalmangel demonstriert, nicht zum ersten Mal. Sie fordern eine bessere Bezahlung ihrer Jobs. Sozialarbeiter müssen mit ihren Gehältern höher eingestuft werden. Zurzeit verdient ein Hochschulabsolvent, der Soziale Arbeit studiert hat, als Berufsanfänger im RSD des Jugendamts etwa 2 700 Euro brutto. Das sind etwa 1 900 Euro netto. „Der RSD ist der schwierigste Bereich im Jugendamt, die Königsdisziplin“, sagt Tille. „Doch sie wird nicht so bezahlt.“

Tilles Kollegen haben das Transparent von der Demo an die Fassade des Bürogebäudes in der Riesaer Straße gehängt. „Kinderschutz braucht Zeit, Geld und Kinderschützer“, steht auf dem weißen Stofftuch. Eine klare Ansage.

„Wir geben nicht auf“

Heiko Tille kennt das Gebäude seit 27 Jahren. Damals, kurz nach der Wende, hat er das Jugendamt Hellersdorf mitaufgebaut. Den früheren Leistungssportler und Volleyballtrainer hat die neue Arbeit begeistert. „Wir haben Jugendklubs eröffnet und den internationalen Jugendaustausch aufgebaut“, erzählt er. Es war die Zeit des Aufbruchs. Seit 2014 leitet er das Jugendamt – und hat sich seinen Enthusiasmus bewahrt. Trotz aller Probleme und der Unzufriedenheit – Tille führt seine Arbeit fort. „Wir wollen noch was erreichen, wir geben nicht auf“, sagt er. „Wir haben eine Verantwortung für die Kinder.“

Erziehung sei gelebtes Vorbild, sagt Tille. Es ist einer dieser klugen Sprüche, die man sich gleich merken will. Doch was heißt das für seine Arbeit? Den Kindern, die seine Kollegen betreuen, würde er gern den Wert einer Ausbildung und eines Berufes vermitteln, sie zu Eigenständigkeit motivieren, damit sie einen eigenen Weg gehen, sich von den Eltern lösen. Denn für manche gehöre das Aufstehen am Morgen längst nicht mehr zur Normalität – weil Hartz IV ihr geregeltes Einkommen geworden ist. Heiko Tille wünscht sich auch, dass ein minderjähriges Mädchen nicht mehr nur deshalb ein Kind bekommt, damit sie als Mutter mit Kind anerkannt wird.

„Wir brauchen hier künftig mehr Prävention und vor allem mehr qualifizierte Kollegen“, sagt Stadtrat Lemm. Wenn sich die Stadt so weiter entwickelte werde die Hilfe zur Erziehung eine immer größere Rolle spielen. „Und wir sind nicht schnell genug, dieser Entwicklung zu folgen.„ Auf Dauer ist das beängstigend.“