Hans-Jörg Naumer verwaltet für die Allianz rund 540 Milliarden Euro.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

BerlinHans-Jörg Naumer hat einen beeindruckenden Titel: „Global Economics & Strategy Head of Global Capital Markets & Thematic Research“ der Allianz Global Investors. „Meine Aufgabe ist, Analysen zu betreiben, um unseren Anlegern weltweit Chancen und langfristige Trends zu zeigen“, sagt er. Sprich, ihnen zu erklären, wo sich die nächsten Investitionen lohnen – für Kleinanleger wie für große institutionelle Fonds. Das Wort des studierten Ökonomen hat Gewicht. Allianz Global Investors verwaltet rund 540 Milliarden Euro Vermögen, eine der größten deutschen Gesellschaften. Der Trend geht eindeutig in Richtung grüne Investitionen, sagt Naumer.

Herr Naumer, dürfen Ihre Töchter zu Fridays for Future?

Meine große Tochter, sie ist 14, hat das überlegt. Sie hat sich dann doch dagegen entschieden. Sie will sich für die Umwelt außerhalb der Schulzeit engagieren, bringt sich jetzt aber auch in der Schülervertretung damit ein. Vielleicht geht sie doch noch hin. Umweltschutz ist bei uns zuhause schon ein Thema.

Zur Person

Hans-Jörg Naumer, 52, ist in Neustadt an der Weinstraße aufgewachsen. Der Diplom Volkswirt hat in Mannheim studiert. Die Karriere startete er bei Deutschen Bank. Bevor er 2000 die Leitung der Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors übernahm, arbeitete in der deutschen Zentrale der Société Générale.

Das heißt, sie werden Zuhause gefragt, wie klimaschädlich sind eigentlich Ihre Investitionen?

Das wird zunehmend mehr, ja. Gerade die Große interessiert sich sehr für die Gesellschaft und für Ökonomie und Ökologie. Ich sage ihr dann, dass wir in den letzten Jahren große Schritte in Richtung „Investieren in eine bessere Welt“ gemacht haben. Die Allianz ist da nicht allein, aber wir sind vorne mit dabei.

Allianz hat sich früh von der Kohle als Anlageobjekt verabschiedet.

Ja. Und der Konzern ist seit 2012 klimaneutral. Wenn ich irgendwo hinfliege, wird der CO2-Ausstoß an anderer Stelle finanziell kompensiert, etwa durch die Unterstützung von Aufforstungsprojekten.

Ist das Interesse an grünen Anleihen nur eine Modeerscheinung oder nachhaltig?

Meine Beobachtung: Die Grundmotivation kommt nicht nur von den Anbietern, sondern auch sehr stark von der Industrie. Institutionelle Anleger haben früh gefragt, wie können wir unsere Investitionen nachhaltiger gestalten. Zunehmend springen auch Privatanleger auf diesen Zug. 2012 spielten Nachhaltigkeitskriterien bei weniger als zehn Prozent unserer Anlagen eine Rolle, heute bei fast einem Drittel. Künftig sollen ESG-Kriterien in jede Investitionsentscheidung als Filter mit einbezogen werden.

ESG meint, es wird geprüft, ob eine Investition nachhaltigen, ethischen, ökologischen und sozialen Kriterien entspricht ...

Genau. Wir stellen gerade um. Alle unserer Gelder sollen nach ESG-Kriterien verwaltet werden.

Das heißt, man trennt sich auch von Papieren, wenn sie ESG nicht erfüllen?

Unserer Fonds-Manager durchlaufen mit ihren Papieren quasi einen ESG-TÜV, so nennen wir das intern. Ist das ein guter Titel etwa in Sachen Klimaschutz? Hat die Firma einen höheren CO2-Ausstoß als branchenüblich? Gibt es Probleme mit Arbeitnehmerrechten, gibt es gar Kinderarbeit?

Und man trennt sich im Zweifel tatsächlich?

Ja, klar. Das ist für mich die entscheidende Entwicklung. Ich bin überzeugt, dass die Nachhaltigkeit an erster Stelle von der Investitionsseite angeschoben wird. Das haben die Anleger erkannt.

Wie weit sind sie mit der Umstellung ihrer halben Billion Anlagevermögen auf Nachhaltigkeit?

Ein Drittel wird bereits nach ESG gemanagt. Nach dem Aktienbereich kommen nun die Renten- und Mischportfolien an die Reihe. Insgesamt kommt bei uns aber Gründlichkeit vor Tempo. Bis zur vollständigen Umsetzung dürfte es noch etwas dauern.

Aber sind die Renditebringer nicht die Klassiker: Wagen, Waffen, Wohnungen?

Ganz und gar nicht. Es gab eine Art Paradigmenwechsel vor fünf, sechs Jahren. Davor war die alte Welt: Der Kunde sagt, ich würde ja gerne nachhaltig anlegen, aber vor meinem Aufsichtsrat muss ich vertreten, wenn die Rendite nicht stimmt. Also wurde es nicht gemacht. Diese alte Welt ist längst vorbei. Der Scheinwiderspruch zwischen investieren und Gutes tun, existiert nicht mehr. ESG führt in der Regel sogar zu einer Verbesserung des Risiko-Ertrags-Profil, wie eine Fülle akademischer Studien zeigen, oder es bleibt zumindest neutral.

Was passierte vor fünf, sechs Jahren?`

Es setzte sich die Erkenntnis durch, Klimawandel ist auch mit Risiken verbunden. Wenn Sie heute in eine Firma investieren, die möglicherweise morgen ihr Geschäftsmodell verliert, weil ihr Produkt verboten oder eingeschränkt wird, weil sie nicht mehr auf der Höhe der CO2-Effizienz produziert, verklagt wird, Absatz verliert, wird Vermögen vernichtet. Nehmen sie ein anderes Beispiel: Wenn bei einer Firma rauskommt, dass bei einem ihrer Zulieferer Kinderarbeit eingesetzt wird, dann ist das ein gewaltiger Reputationsschaden und ein Wertverlust. Das gefällt Anlegern überhaupt nicht. Das ist ein Risiko, das gerne vermieden wird. Firmen, die bei den ESG-Kriterien durchfallen, haben große Schwierigkeiten sich zu finanzieren. Der Markt ist sehr radikal im Bestrafen.