Berlin - Raucher sind bedauernswerte Zeitgenossen. Sie sind Gefangene ihrer Sucht, haben gelbe Zähne, sind häufiger krank und sterben früher. Zudem wird ihnen - untermauert durch zahlreiche Studien - immer wieder der Vorwurf gemacht, durch ihre nachweislich ungesunde Lebensweise die Sozialsysteme  zu schädigen.  Aber stimmt das überhaupt? Zwei Wissenschaftler haben erstmals  für Deutschland alle Be- und Entlastungen bestimmt und zusammengerechnet, die durch Raucher  entstehen. Das Ergebnis: Rein finanziell  betrachtet  profitiert die  Gesellschaft enorm vom Rauchen.

Ausgangspunkt der Untersuchung von Florian Steidl und Berthold Wigger vom Karslruher Institut für Technologie war die Frage, ob die Tabaksteuer mit Einnahmen von rund 14 Milliarden Euro jährlich die Kosten, die durch Raucher entstehen, tatsächlich deckt. Anders als bei vorherigen Untersuchungen zum Thema Raucherkosten haben die Autoren aber nicht einfach die Daten ausgewählter Beispieljahre betrachtet. Denn mit dieser Methode wird zum Beispiel nur ungenügend abgebildet, dass Raucher früher sterben als Nicht-Raucher.  Deshalb wurde in der Studie mit einer bestimmten Berechnungsmethode ein gesamter Lebenszyklus der Bevölkerung simuliert. 

Geringere Lebenserwartung entlastet Krankenkassen

Ausgehend von dem  Basisjahr 2011 bestimmten die Autoren die  bis zum Tode aller Altersgruppen entstehenden Kostenunterschiede zwischen der rauchenden und der nichtrauchenden Bevölkerung. Dabei errechneten sie, dass alle Raucher zusammen in ihren Leben  in der Krankenversicherung um  rund 65 Milliarden Euro höhere Ausgaben verursachen als die gesund lebenden Menschen. Berücksichtigt wurden die typischen Raucherkrankheiten wie Krebs-,  Atemwegs- oder Herz-Kreislauferkrankungen. Beachtet wurde aber auch, dass die Raucher die Krankenversicherung entlasten, weil sie eine geringere Lebenserwartung haben.  Die Entlastung entsteht, weil in der Regel im Alter die Krankenkassenbeiträge  nicht die Gesundheitskosten decken.

Dazu addierten die Wissenschaftlicher die sogenannten nicht-medizinischen Kosten des Rauchens, die überwiegend in der gesetzlichen Rentenversicherung beziehungsweise der Beamtenversorgung entstehen. Dazu zählen insbesondere Renten wegen Erwerbsminderung oder Dienstunfähigkeit (bei Beamten). Sie summieren sich den Berechnungen zufolge auf  rund 25 Milliarden Euro.  Hinzu kommen weitere Mehrausgaben für die Witwenrente bei gesetzlichen Versicherten und bei Beamten. Sie belaufen sich zusammen auf rund 67 Milliarden Euro. Zu einer deutlichen Entlastung kommt es hingegen durch die kürzere Lebenserwartung. So verlieren Männer durch starkes Rauchen (mehr als zehn Zigaretten pro Tag) fast zehn Lebensjahre, bei Frauen sind es etwa sieben Jahre.  Dadurch spart die gesetzliche Rentenversicherung der Studie zufolge rund 158 Milliarden Euro.  Für  die Altersversorgung seiner Beamten  gibt der Staat  etwa 35 Milliarden Euro weniger aus.

Steuerzahler sparen 36 Milliarden Euro

Zusammen gerechnet sind die Mehrausgaben der Steuer- und Beitragszahler wegen des Rauchens deutlich kleiner als die „Einsparungen“ durch den Effekt des kürzeren Lebens. Unterm Strich „sparen“ Steuer- und Beitragszahler durch die Raucher insgesamt  36 Milliarden Euro. Die Einsparungen durch rauchende Männer (32 Milliarden Euro) sind achtmal so hoch wie die  durch qualmenden Frauen (vier Milliarden Euro). 

Rechnet man nun noch die Tabaksteuereinnahmen hinzu, wird der Unterschied zwischen Kosten und Mehreinnahmen noch deutlicher: Der Studie zufolge zahlen die im Basisjahr  2011 lebenden Raucher bis zu ihrem Lebensende  Tabaksteuer in Höhe von zusammen 376 Milliarden Euro.  Mit einem Plus von insgesamt über 400 Milliarden Euro sind die Raucher  für die Gesellschaft also ein gutes Geschäft. Das gilt wahrscheinlich auch dann noch, wenn die in der Studie nicht berücksichtigen Kosten hinzugerechnet werden: Mehrausgaben für das Passivrauchen, für die  Müllbeseitig oder für Brandschäden durch weggeworfene Kippen.

Offensichtlich sieht auch die Bundesregierung den positiven finanziellen Effekt durch das Rauchen: Plakat- und Kinowerbung sind derzeit in der EU nur noch hierzulande und in Bulgarien erlaubt. Zigarettenpackungen mit Schockbildern - in anderen Ländern längst üblich - gibt es in Deutschland bis heute nicht.  Und die letzten Tabaksteuererhöhungen waren mit Absicht „maßvoll“, um ja keinen Raucher von seinem Laster abzubringen und dadurch Steuereinnahmen zu verlieren.