BerlinSein Büro hat Hasib Khan in den vergangenen Wochen oft im ICE zwischen Hamburg und der Hauptstadt aufgeschlagen. Immer wieder musste er nach Berlin. Zu „Sondierungsbesuchen“, wie er sagt. Seinen Lebensmittel-Lieferdienst Bringoo hatte der 30-Jährige im Oktober zwar in Hamburg an den Start gebracht. Über seine Firma können Kunden Lebensmittel per App beim nächsten Supermarkt bestellen, die dann an die eigene Haustür geliefert werden. Doch Hamburg ist nicht genug. Berlin soll folgen. „Die Zeit für eine solche Dienstleistung ist mehr als reif“, sagt Khan und will keine Zeit verlieren.

Nach Zeitdruck sah es bislang allerdings nicht aus. Denn während Jeans und Sneaker hierzulande seit Jahren ganz selbstverständlich im Netz geordert und ans heimische Sofa geliefert werden, schiebt der deutsche Einzelhandelskunde auf der Suche nach Butter, Beef und Bananen den Einkaufswagen noch immer lieber selbst durch echte Supermarktregale.

Freilich haben sich in der Vergangenheit einige im Onlinegeschäft versucht. Die Lidl-Schwester Kaufland etwa hatte in Berlin einen Test samt eigenem Lieferzentrum und eigener Transporter-Flotte gestartet. Nach zwölf Monaten zog der finanziell nicht gerade klamme Schwarz-Konzern (sein Gründer Dieter Schwarz gilt als der reichste Mann Deutschlands) Ende 2017 die Reißleine. Seither hoffen die Lebensmittel-Bringdienste von Rewe, Amazon und Edeka, dass sich die hoffnungsvollen Prognosen der Unternehmensberatungen endlich erfüllen. Doch bislang entwickelte sich das Geschäft nur zäh. Selbst 2019 kamen Klick-Shopper gerade mal auf einen Umsatzanteil von kaum mehr als einem Prozent am Gesamtumsatz des deutschen Lebensmitteleinzelhandels: 1,7 von 170 Milliarden Euro.

Nun hat sich allerdings Corona mit seiner pandemiebedingten Kontaktscheue und neuen Häuslichkeit als Treibsatz für den Lebensmittellieferdienst erwiesen. Von Amazon bis Rewe ist von „deutlich gestiegener Nachfrage“ und „Ausbau der Kapazitäten“ die Rede. Laut Auskunft des wissenschaftlichen Einzelhandelsinstituts EHI in Köln lagen die Umsätze im hiesigen Online-Lebensmitteleinzelgeschäft zwischen Januar und September vorigen Jahres bereits um 60 Prozent über denen des gleichen Vorjahreszeitraums. Wurde also der schlafende Riese tatsächlich geweckt?

Bei dem niederländischen Online-Supermarkt Picnic, der seit 2018 vor allem in Nordrhein-Westfalen aktiv ist, gibt es daran keinen Zweifel. „Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist die Nachfrage um 400 Prozent angestiegen“, heißt es in der Geschäftsführung. Zugleich sei mehr bestellt worden. Um den Bedarf decken zu können, wurden pro Woche 50 neue Mitarbeiter eingestellt. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen eigenen Angaben zufolge über 1800 Mitarbeiter und beliefert mehr als 160.000 Kunden in 40 Städten. Weitere Städte sollen in diesem Jahr hinzukommen. Ob auch Berlin dabei sein wird, will man nicht verraten.

Für den Hamburger Bringoo-Chef und -Gründer Hasib Khan ist die Sache indes längst entschieden. Ende Januar soll es in Berlin losgehen. Ein spezielles Team ist hier bereits im Einsatz, Mitarbeiter werden gerade rekrutiert. Bislang hat man fünf Supermärkte als Kooperationspartner unter Vertrag, wo die per App bestellten Lebensmittel zusammengestellt und von dort aus dann binnen 45 Minuten geliefert werden. Schon Ende Februar sollen Märkte im gesamten Berliner Stadtgebiet dazukommen. „Wir digitalisieren Geschäfte, die bislang offline sind“, sagt Khan. Das sei relativ schnell getan.

Große Worte, aber tatsächlich ist der Lieferdienst-Chef weder als Unternehmer noch als Gründer unerfahren. Nach dem Abitur in Hamburg ging Hasib Khan zurück in seine Heimat Afghanistan, um dort einen Lieferdienst für internationale Militärstützpunkte aufzubauen, und beschäftigte bereits mit 23 Jahren 400 Mitarbeiter. Danach gründete Khan in Dubai das erste Carsharing-Unternehmen im Nahen Osten, womit er es sogar auf das Cover der Lokal-Ausgabe des Forbes-Magazins schaffte. Nun also Lebensmittel. Karotten statt Karossen. Den vorerst kostenfreien Lieferservice will er nach dem Lieferando-Prinzip über Provisionen der Märkte finanzieren. „Spätestens im Sommer arbeitet Bringoo profitabel“, sagt Khan.

Für Matthias Guffler, Partner bei der Strategieberatung EY Parthenon und Kenner der deutschen E-Food-Szene, ist Khans Berlin-Entscheidung genau richtig. Wegen seiner insgesamt hoch onlineaffinen Bewohner, der vielen Start-ups und des urbanen Umfelds sei die Stadt ein sehr attraktiver Markt für das Online-Lebensmittelgeschäft. Dies werde sich daher vermutlich in Berlin auch weiterhin schneller entwickeln als in Deutschland insgesamt. Guffler: „Wir gehen davon aus, dass der Marktanteil 2025 in Berlin bei zehn bis 15 Prozent liegen wird.“

Damit geht es um viel Geld. Denn in Berlin werden mit Lebensmitteln jährlich etwa acht Milliarden Euro umgesetzt. Gehen Erwartungen des Parthenon-Strategen auf, wird also in fünf Jahren in der Stadt ein Markt mit einem Volumen von etwa einer Milliarde Euro zu verteilen sein. Und längst sind Goldgräber in Stimmung.

Allerdings ist auch die Konkurrenz groß und der Wettbewerb hart. Das 2016 gegründete Start-up Getnow, das Lebensmittel vom Großhandelsmarkt Metro zum Kunden lieferte, musste im Oktober Insolvenz anmelden, weil eine Finanzierungsrunde geplatzt war. Inzwischen hat sich jedoch schon wieder ein neuer Eigentümer gefunden, der Getnow in Kürze wieder an den Start bringen will.

Shootingstar des Lebensmittel-Liefergeschäfts ist jedoch das erst im vorigen Frühjahr gegründete Unternehmen Gorillas. Der Lieferdienst, der stadtweit ein Netzwerk eigener kleiner Lager betreibt, von denen aus die Bestellungen dem Firmenclaim „Faster than you“ entsprechend binnen zehn Minuten bedient werden sollen, ist aggressiv unterwegs. Im Dezember hatte Gorillas bei Investoren 36 Millionen Euro eingesammelt und kurz zuvor den ehemaligen Deutschland-Chef von Deliveroo rekrutiert. Nun will man bis zum Sommer weitere 15 Städte in Deutschland erobern.

Dass weitere Lieferdienste folgen werden, steht außer Frage, und auch das Kapital steht bereit. Der im Dax gelistete Berliner Essenslieferdienst Delivery Hero gab erst am Dienstag bekannt, Start-ups künftig selbst mit Wagniskapital unterstützen zu wollen. Ein entsprechender Fonds wurde zunächst mit 50 Millionen Euro ausgestattet. Damit wolle man sich vorzugsweise an Mobility-Lösungen, Logistikunternehmen und Online-Supermärkten beteiligen.

Offenbar glaubt man also an das E-Food-Geschäft. Inzwischen rechnen auch Unternehmensberater nicht mehr mit einem Rückgang des Booms. In einer Kundenbefragung von Kearney etwa erklärte jeder Zweite, auch langfristig Lebensmittel im Internet kaufen zu wollen. Weitere zehn Prozent planen sogar, noch häufiger Lebensmittel online zu kaufen. Auch Bringoo-Chef Hasib Khan ist vom anhaltenden Wachstum des Online-Lebensmittelgeschäfts überzeugt: „Wenn die Menschen wieder mehr unternehmen können, werden sie ihre Zeit nicht mehr mit dem Kauf von Butter und Klopapier verschwenden wollen.“