Herr Blickle, ein Sprichwort lautet: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne sie.“ Wann kamen Ihnen Zweifel an dessen Gültigkeit?

Bei einem Bewerbungstraining für Arbeitslose. Dort wurde den Teilnehmern gesagt, sie sollten im Vorstellungsgespräch Stärke demonstrieren. Der Tenor war: Zeigt, dass ihr Probleme lösen könnt, und nicht selbst eines seid. Da habe ich mich gefragt: Würde ich so jemanden einstellen wollen? Mir kam das empfohlene Auftreten großkotzig vor. So entstand die Idee zu der Studie.

Was haben Sie untersucht?

Wir haben 340 junge Akademiker in ihren ersten fünf Berufsjahren begleitet und untersucht, welchen Einfluss die Art ihres Auftretens auf ihre Karriere hat.

Hemmt oder fördert bescheidenes Auftreten die Karriere?

Seine Leistungen nicht besonders herauszustreichen, genügt allein nicht. Man muss dieses Understatement auch gut inszenieren können, beim richtigen Gesprächspartner, zum richtigen Zeitpunkt. Wem beides gelingt, der findet leichter Mentoren, die beim Aufstieg helfen. Wer sich so verhielt, war nach fünf Jahren erfolgreicher und verdiente mehr.

Arbeitnehmer wünschen sich faire Chefs

Wie sieht es in den Chefetagen aus? Dort geht es nicht ohne Durchsetzungsfähigkeit und einer gewissen Kaltschnäuzigkeit.

Eine Untersuchung in den USA hat gezeigt, dass viele Arbeitnehmer den direkten Vorgesetzten als größten Stressfaktor empfinden. Sie wünschen sich einen zurückhaltenden, fair agierenden Chef.

Welche Art von Chef sich Mitarbeiter wünschen, ist aber nicht das Entscheidende.

Stimmt, es geht um wirtschaftlichen Erfolg. Ein amerikanischer Forscher hat sich die über eine lange Zeit überdurchschnittlich erfolgreichen US-Unternehmen angesehen und auf Gemeinsamkeiten überprüft. Bei allen stand eine bestimmte Art Chef an der Spitze.

Was machte diese Chefs aus?

Sie sind zum einen extrem bescheiden aufgetreten, zum anderen verfolgten sie die Ziele ihres Unternehmens sehr konzentriert. Es gab keinen persönlichen Narzissmus, nichts, das die pure Umsetzung ihres Programms behinderte.

Fällt ihnen ein solcher Manager in Deutschland ein?

Götz Werner von der Drogeriemarktkette dm war so ein Chef. Er hatte sein Zimmer im normalen Bürobereich, er hatte keinen Fahrer, keinen besonderen Parkplatz.

Aber die Mehrzahl der Chefs ist nicht so bescheiden.

Wer besondere Rechte für sich in Anspruch nimmt, wer sich selbst als etwas Besonderes verkauft, der kommt bei den Anderen oft erstaunlicher Weise erst einmal gut an. Dieser Narzissmus wird ein Problem, wenn man mit diesen Menschen direkt zusammen arbeiten muss. Diese Menschen glauben, Anspruch auf alles zu haben, alles zu dürfen und nichts zu müssen.

Was ist Bescheidenheit?

Zurück zur Bescheidenheit. Was ist das überhaupt?

Es gibt zum einen das zurückhaltende Auftreten, also die Mäßigung der Selbstinszenierung, zum anderen das Persönlichkeitsmerkmal der Bescheidenheit, also die Selbstwahrnehmung.

Zuletzt war oft von einer „neuen Bescheidenheit“ die Rede. Etwa wenn Manager auf einen Teil ihres Millionen-Salärs verzichten.

Ich interpretiere das als öffentliche Demutsgesten, die positive Schlagzeilen erzeugen sollen, damit die schlechten Nachrichten in Vergessenheit geraten. Das hat mit Bescheidenheit nichts zu tun.

Der neue Papst verzichtet auf die roten Schuhe, fährt mit dem Bus, bezahlt seine Hotelrechnung – auch eine Imagekampagne?

Papst Franziskus ist Jesuit. Jesuiten zählen zur Elite der katholischen Kirche, sie waren oft die Berater der Eliten. Die jahrzehntelange Erfahrung hat sie gelehrt: Zeige Deine Brillanz nicht zu offensichtlich, das kann kontraproduktiv sein. Ich glaube, Papst Franziskus ist ein im Umgang kluger und gewandter Mensch.

Das Gespräch führte Susanne Rost.