Das Reinheitsgebot suggeriert seit gut 500 Jahren, dass beim deutschen Bier alles mit rechten Dingen zugeht. Weit gefehlt. Zwar besteht Bier weiterhin nur aus Malz, Hopfen, Hefe und Wasser. Doch es gibt weitere Zutaten. Konspirative Treffen von Brauereichefs, geheime Telefongespräche, illegale Vereinbarungen:

Jahrelang haben die Großen der Branchen Absprachen getroffen, um die Preise zum Nachteil der Biertrinker künstlich nach oben zu treiben. Jetzt hat das Bundeskartellamt für dieses verbotene Aushebeln der Marktgesetze Rekordstrafen verhängt. Fünf Brauereien und sieben Manager müssen Bußgelder in Höhe von insgesamt 106,5 Millionen Euro zahlen .

Ein Euro mehr pro Kasten

An dem illegalen Kartell waren überwiegend die Brauereikonzerne der stark beworbenen sogenannten Fernsehbiere beteiligt: Beck’s, Bitburger, Krombacher, Veltins und Warsteiner. Mit dabei war auch die Ernst Barre GmbH (Marke Barre) im nordrhein-westfälischen Lübbecke. Nach Angaben des Bundeskartellamtes hatten Manager der beteiligten Brauereien in persönlichen Runden vereinbart, gezielt Preiserhöhungen durchzusetzen.

So wurde 2006 und 2008 für Fassbier eine Verteuerung von jeweils fünf bis sieben Euro pro Hektoliter (100 Liter) vereinbart. Für Flaschenbier wurde laut Bundeskartellamt 2008 eine Preiserhöhung abgesprochen, die zu einer Verteuerung eines 20-Flaschen-Kastens von einem Euro führen sollte. Das entspricht bei einem Kastenpreis von rund zwölf Euro einer Erhöhung um immerhin fast zehn Prozent.

Initiator der illegalen Preisabsprachen waren den Ermittlungen des Kartellamtes zufolge die überregionalen Brauereien. Nachdem auf dieser Ebene die Vereinbarungen getroffen worden waren, wurden auch regionalen Brauereien in Nordrhein-Westfalen einbezogen. Die konkreten Schritte besprachen die Verantwortlichen laut Kartellamtschef Andreas Mundt dann auf Sitzungen des regionalen Brauereiverbandes im Juni 2006 und September 2007.

Das Ganze flog auf, weil sich die Brauerei Anheuser-Busch InBev (Beck’s) gegenüber dem Kartellamt outete. Da die Strafen der Kartellbehörde für illegale Preisabsprachen nach dem Umsatz festgelegt werden, wurde der weltgrößten Brauerei die Sache offenbar zu heiß. Für die Kooperation kann AB InBev nun die sogenannte Bonusregelung in Anspruch nehmen, die ihr Straffreiheit bringt.

Der Beck’s-Hersteller muss daher kein Bußgeld zahlen. Im Laufe des Verfahrens kooperierten dann auch Bitburger, Krombacher, Veltins und Warsteiner mit der Behörde. Außerdem sorgten alle fünf bestraften Unternehmen dafür, dass das Verfahren schnell abgeschlossen werden konnte: Sie gaben den Kartellverstoß zu. Im Gegenzug wurde das Bußgeld niedriger angesetzt.

Konsum seit Jahren rückläufig

So illegal die Aktion der Brauereien war, aus Sicht der Unternehmen waren die Preiserhöhungen zumindest beim Flaschenbier eine Art Notwehr. Denn der Bierkonsum geht seit Jahren zurück. Gleichzeitig steigen die Kosten für die Rohstoffe. Höhere Preise beim Flaschenbier lassen sich aber nur schwer durchsetzen, weil diese letztlich von den Handelsketten bestimmt werden. Sie nutzen Aktionsangebote mit Markenbieren, um Kunden in die Läden zu locken.

Nach früheren Angaben der Veltins-Brauerei geht jede zweite verkaufte Flasche eines Markenbiers in Deutschland als Sonderangebot über die Ladentheke. Üblich sind dann Kästen-Preise um die zehn Euro. Auch Billig-Marken wie Oettinger sorgen für Preisdruck. Mit den abgesprochenen Erhöhungen wollte das Kartell wieder in die Offensive kommen.

Wie sich die Preisabsprachen tatsächlich beim Kunden ausgewirkt haben, ist schwer abzuschätzen. Zwar sind die Bierpreise in den letzten Jahren vor allem in den Gaststätten stetig gestiegen. Auch Flaschenbier ist teurer geworden. Gleichwohl gibt es auch heute noch im Handel sehr regelmäßig Sonderangebote für zehn Euro je Kasten. Das ist für das Kartellamt allerdings irrelevant. Hier zählt nur die Tatsache, dass es eine Preisabsprache gegeben hat.

Die Ermittlungen des Kartellamtes sind im Übrigen noch nicht abgeschlossen. Zu dem Kartell gehörten offenbar noch weitere Firmen. Laut Kartellamt wird gegen zwei weitere Konzerne, vier regionale Brauereien aus Nordrhein-Westfalen und einen Brauerei-Regionalverband ermittelt. Weitere Bußgelder sind zu erwarten.